Ja so warn's die alten Rittersleut'

"Kingdom Come: Deliverance" im Test

Ja so warn's die alten Rittersleut': "Kingdom Come: Deliverance" im Test Ja so warn's die alten Rittersleut': "Kingdom Come: Deliverance" im Test Foto: Warhorse Studios
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Das Mittelalter-Rollenspiel "Kingdom Come: Deliverance" des tschechischen Studios Warhorse erzählt eine spannende Geschichte und macht Spaß. Aber manchmal scheitert es an den eigenen Ansprüchen.

Nach mehreren Schwertkämpfen bin ich müde, erschöpft hungrig und wenig ansehnlich: Die Rüstung ist verschlissen, voller Blutflecken und wirkt wie in Matsch getaucht. Die Menschen, denen ich begegne, wollen darum auch lieber nichts mit mir zu tun haben. Zu sehr sehe ich nach einem Nichtsnutz aus, der lieber auf Gewalt als auf kluge Worte setzt.

Wo andere Rollenspiele ihren Helden durch einen hohen Charisma-Wert alle Herzen zufliegen lassen, geht "Kingdom Come: Deliverance" einen etwas anderen Weg: Ich kann so viel Charme versprühen, wie ich will. Wenn ich nach Schmutz, Ärger und Armut aussehe, werde ich auch so behandelt. Erst recht als Sohn eines Schmiedes, der nach einem Überfall auf sein Heimatdorf Skallitz ohnehin ein Flüchtling ist. So geht es mir als Heinrich im Spiel "Kingdom Come: Deliverance", das im Böhmen des Jahres 1403 spielt.

Es ist erstaunlich, wie das Spiel es nach nur wenigen Minuten schafft, mich in die Welt des späten Mittelalters zu ziehen. Es beginnt schon mit der Anfangssequenz, in der eine Kamera über die abwechslungsreiche, dichte Spielwelt fliegt – bis ich beim anfangs naiven Heinrich lande.

Auf der PS4 Pro sieht "Kingdom Come: Deliverance" verdammt gut aus. Zumindest, wenn man die ersten Patches installiert hat, die kurz nach dem Release veröffentlicht wurden. Ohne sie leidet das Spiel unter einigen technischen Mängeln. Mit ihnen aber sind viele Probleme behoben - auch wenn immer noch ab und zu Texturen oder Objekte in der Spielwelt sichtbar nachgeladen werden. Da geht dann auch einmal ein Müller vorbei, dessen Mütze nach zehn Sekunden plötzlich auf seinem Kopf erscheint.

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Einige Fehler kann man dem Indie-Titel verzeihen

Ich kann es verzeihen, obwohl die Ladezeiten zum Beispiel beim Wechsel zu Dialogszenen immer noch recht lang sind. Denn "Kingdom Come: Deliverance" läuft nach den Patches stabil und ist spielbar. Zudem ist der Entwickler Warhorse Studios kein großes Studio. Es entstand aus der fixen Idee, die Gründer Daniel Vávra 2011 hatte. Er wollte ein Rollenspiel im Mittelalter schaffen, das so nah wie möglich an den historischen Ereignissen und der Realität angelehnt ist.

Weil der ehemalige 2K-Mitarbeiter davon niemanden überzeugen konnte, machte er sich selbstständig - und brachte den Stein über eine Kickstarter-Kampagne ins Rollen. Damit aber handelt es sich bei "Kingdom Come: Deliverance" eher um ein Indie-Game als einen großen Titel. Und selbst die leiden mittlerweile nach dem Release oft unter Bugs und Glitches - trotz der Möglichkeiten großer Entwickler. Und ich schaue dabei auch auf Skyrim, Battlefield 4 oder Mass Effect Andromeda. Das darf man bei aller Kritik nicht aus den Augen verlieren. Zumal Warhorse Studios durchaus bemüht sind, Fehler zu beseitigen.

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Dafür hat die Mannschaft in Tschechien tatsächlich Großes geleistet: Die offene Welt kann durchaus mit großen Titeln mithalten. Die gelungenen Zwischensequenzen und die sehr gute deutsche Synchronisation, die dem Original im Nichts nachsteht, zieht ins Spiel. Es macht einfach Spaß, sich in Böhmen aufzuhalten und zu bewegen. Und was als vermeintlich simple Rachegeschichte beginnt, endet schnell im Gespinst der Intrigen und Machtkämpfe - als Sigismund von Luxemburg versucht, seinem schwachen Bruder Wenzel den Thron zu entreißen.

Gerade die Story mit ihren Quests und Nebenaufgaben ist eine große Stärke des Spiels. Ich will tatsächlich wissen, wie es weitergeht. Die Autoren haben offensichtlich sehr viel Zeit damit verbracht, ihre Geschichte zu inszenieren. Und in dem Punkt stehen sie dem großen Vorbild "Witcher 3" tatsächlich in Nichts nach.

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Mittelalter authentisch inszeniert - mit Abstrichen

"Kingdom Come: Deliverance" besticht dabei durch Authenzität. Die Zusammenarbeit mit Historikern hat dem Spiel spürbar und sichtlich gutgetan. Seien es die Gebäude oder die dargestellte Lebenswirklichkeit der Menschen vor mehr als 600 Jahren in Böhmen: Die Welt wirkt echt und lebendig.

Die Vision von Daniel Vávra funktioniert als Rollenspiel, in dem es eben keine Drachen und Dämonen oder Zauberer gibt. Bei der Kleidung und den Rüstungen indes hat man offensichtlich keine Experten befragt, sondern eher Mittelalter-Fans, die jene vergangene Zeit bei Treffen wieder zum Leben erwecken wollen. Auf den ersten Blick wirkt alles stimmig. Auf den zweiten Blick aber erkennt man dann doch einige Freiheiten.

Rüstungen beispielsweise waren damals taillierter als im Spiel gezeigt, um das Gewicht um die Hüften herum zu verteilen. Aber das sind nur Marginalien. Unverständlich ist aber, warum es im Spiel keine Armbrüste gibt. Und das Schlachtross, auf dem ich reite, ist trotz des Namens des Studios eher harmlos - und stellt sich bisweilen bei kleinen Hindernissen recht dumm an: Es bleibt einfach stehen. Da gibt es noch Verbesserungsbedarf. Und dennoch: Das Spiel ist sehr viel authentischer und überzeugender als Mittelalter-Dramen aus Hollywood im Kino.

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Also ist "Kingdom Come: Deliverance" überragend? Leider nicht: Denn das Spiel steht sich oft selbst im Weg. Es beginnt mit dem Speichersystem. An wichtigen Stellen wird automatisch gespeichert - oder auch dann, wenn ich mich hinlege und schlafe. Ansonsten aber benötige ich sogenannten Retterschnaps, der sündhaft teuer ist - oder ich lerne, wie man ihn selbst braut. Jeder manuell angestoßene Speichervorgang kostet mich dann einen solchen Retterschnaps. Gerade anfangs aber hat man davon zu wenig.

Die Entwickler haben in ihrer Euphorie vergessen, dass den normalen Spieler ab und an das reale Leben ruft und man etwas erledigen oder Termine einhalten muss. Und meistens hat man dann keinen Retterschnaps zur Hand, um das Spiel zu beenden. Höre ich also auf und verliere meinen Spielfortschritt oder suche ich verzweifelt nach einer Schlafstätte oder Retterschnaps?

Kein Wunder, dass es für die PC-Version recht schnell einen Mod gab, der unendlich viel des Getränks zur Verfügung stellt. Auf der Konsole aber gibt es diese Möglichkeit bislang nicht. Die Idee dahinter kann ich sogar verstehen: Man soll sich Gedanken machen, wie man vorgeht. Die Entscheidungen sind dann unumkehrbar. Auf der anderen Seite kollidiert es leider mit der Lebenswirklichkeit. Oder ich spiele nur dann, wenn ich weiß, dass ich drei oder vier Stunden Zeit habe. Da wäre eine Option mit jederzeit verfügbaren Speicherslots besser gewesen.

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Mini-Spiele, Hunger und Schlaf stören oft den Spielfluss

Was ebenfalls stört, sind die vielen Minispiele. Ein Beispiel: Das Knacken eines Schlosses ist auf der Konsole eine ziemlich nervige und schwierige Angelegenheit. Mit dem rechten Analog-Stick muss man den richtigen Ansatzpunkt finden, der dann goldfarben aufleuchtet. Dann dreht man mit dem linken Analog-Stick das Schloss. Aber: Synchron dazu muss man auch den Ansatzpunkt mit dem rechten Stick bewegen. Und das ist mit der empfindlichen Steuerung alles andere als einfach, zumal der teure Dietrich schnell zerbricht. Zumindest anfangs, wenn die Fähigkeiten noch nicht so gut entwickelt sind.

Allerdings ist es recht früh im Spiel ein Vorteil, wenn man das Schloss einer bestimmten Truhe knackt. Dafür habe ich einen Retterschnaps geopfert und 24 Anläufe benötigt, bei denen ich mir fast die Finger verknotet und den Controller an die Wand geworfen habe. Und es gibt im Spiel einige solcher Mini-Spiele, die nicht weniger nervenaufreibend sind - wenn man denn etwas selbst tun möchte. Mit ausreichend Geld im Säckel kann vieles auch von Handwerkern und Spezialisten erledigen lassen - oder ihr bestecht jemanden.

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Um fair zu sein: "Kingdom Come: Deliverance" bietet immer mehrere Möglichkeiten an, um ein Problem oder eine Quest zu lösen. Ich hätte beispielsweise das Schloss anfangs nicht knacken müssen, um weiterzukommen. Und mit Übung wird Heinrich in vielen Sachen tatsächlich besser, der Schwierigkeitsgrad sinkt und die Mini-Spiele werden tatsächlich leichter.

Heinrich entwickelt sich mit der Spielweise: Wer viele Schlösser knackt, wird darin immer besserer. Wer viel schleicht, kann sich immer besser ungesehen und im Verborgenen bewegen. Wer oft das Gespräch sucht, wird immer eloquenter. Ähnlich wie bei der Elder-Scrolls-Reihe von Bethesda formen die Handlungen den Spielcharakter. Und das macht die Story von "Kingdom Come: Deliverance" mit der Zeit zu meiner eigenen Geschichte. An sich ist das etwas Gutes - wenn es das Spiel mir anfangs nur nicht so schwer machen und meine Geduld auf die Probe stellen würde. Das hemmt vor allem in den ersten Stunden den Spielfluss ziemlich.

Heinrich wird besser, aber nie übermenschlich

Das Kampfsystem hat dafür einen gewissen Reiz. Mir zumindest fiel es leichter als die Minispiele: Ein fünfzackiger Stern bietet wenig überraschend fünf Möglichkeiten des Angriffs. Die Richtung wähle ich mit dem rechten Analog-Stick. Mit den rechten Buttons führe ich dann Stich- oder Hiebangriffe aus. Da kommt es auf das Timing an, um nicht in Paraden oder den Konter zu laufen - was Ausdauer kostet und Heinrich ermüdet. Ist er erschöpft, wird er zur leichten Beute des Gegners.

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Was kompliziert klingt, macht tatsächlich Spaß. Und mit der Zeit kann man diverse Kampf-Techniken lernen - was natürlich meistens Geld kostet. So wie man noch viele Dinge lernen kann: Lesen beispielsweise oder das Jagen. Man muss nur die entsprechenden Lehrmeister finden. Aber im Gegensatz zu anderen Rollenspielen wird Heinrich niemals der übermächtige Superheld werden. Er wird besser in vielen Dingen, er profitiert von der Qualität seiner Ausrüstung, aber er bleibt immer ein Mensch. Wer im Spiel versucht, drei Gegner gleichzeitig zu besiegen, wird schnell an seine Grenzen stoßen. Egal, wie weit fortgeschritten im Spiel man ist.

Aber so kann ich aus Heinrich auch einen Dieb oder charismatischen, gebildeten und redegewandten Partylöwen machen. Er kann ein Assassine sein oder ein meisterhafter Kämpfer - je nach meiner Spielweise. Warhorse Studios hat das Wort "Rollenspiel" endlich mal wieder wörtlich genommen, im besten Sinne. Aber manchmal nimmt es das Spiel eben auch zu wörtlich: Schwerter und Rüstungen leiden mit jedem Kampf und müssen repariert werden. Damit kann man noch leben. Aber Heinrich muss ab und an essen, sonst leidet er unter Hunger. Leider verderben im Inventar mit der Zeit die Nahrungsmittel. Darauf muss man achten. Heinrich will aber auch schlafen, sonst wird er zu müde. Hunger und Schlaf sind allerdings keine echten Herausforderungen, sie bringen auch keine Tiefe ins Gameplay, sie bremsen den Spielfluss nur aus.

Fazit: Warhorse Studios hat am Ende Großes geleistet

Warhorse Studios hat tatsächlich Großes und Herausragendes geleistet: Die Welt von "Kingdom Come: Deliverance", die Story mit ihren Quests und die Inszenierung sind großartig gelungen. Der Held ist so, wie es bei einem Rollenspiel sein sollte. Heinrich ist interessant genug, um mich im Spiel zu halten. Alles Weitere hängt von mir ab.

Was das Spiel am Ende aber vom großartigen "Witcher 3" unterscheidet, sind die Elemente, die den Spielfluss stören. Es ist ein Klischee, aber da wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Ich möchte der Story folgen und nicht in einem Minispiel verzweifeln. Man muss darum gerade zu Beginn etwas Geduld mitbringen und sich auf das Spiel einlassen. Hätte man da eine bessere Balance gefunden, wäre "Kingdome Come: Deliverance" großartig geworden. So bewegt es sich "nur" zwschen gut und sehr gut.

Es könnte dafür aber wegweisend sein: Die Geschichte der Menschheit ist so vielfältig und bietet so viel Stoff für spannende Rollenspiele. Warum soll man im Böhmen Anfang des 15. Jahrhunderts aufhören?

Wir verleihen "Kingdom Come: Deliverance" 9 von 11 Dietrichen, 31 von 37 Pfeilen, 5 von 6 Gänsekeulen und 71 von 85 Groschen plus ein meisterhaft geschmiedetes Langschwert für Authentizität.

"Kingdom Come: Deliverance" ist erhältlich für PlayStation 4, Xbox One und PC.

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