Birdman

Ein Geniestreich

Birdman: Ein Geniestreich Birdman: Ein Geniestreich Foto: dpa, bsc
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Endlich. Am Donnerstag läuft der neunfach oscarnominierte "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" in den deutschen Kinos an. Cineasten können sich auf ein Kunstwerk freuen, das vor aktueller Hollywood-Kritik nur so strotzt.

Wenn man "Birdman" verstehen will, ist ein Umweg über "Marvel Studios" nicht zu vermeiden. Die US-amerikanische Produktionsfirma steht wie kein anderes Unternehmen in der Traumfabrik für die Verfilmung hauseigener Comics. So wurden in den vergangenen Jahren unter anderem "Iron Man", "Captain America" und "Thor" dem massenkompatiblen Kinopublikum vorgestellt. Die Zukunftsplanung ist minutiös geplant: 2015 werden "Avengers: Age of Ultron" und "Ant-Man" veröffentlicht, anschließend wird "Captain America" erneut die Welt retten. Mit "Doctor Strange" gibt es hingegen einen neuen Leinwandhelden. Und so geht es bis 2020 weiter - mindestens sechs solcher Werke werden bis dahin folgen. Der Profit wird im Milliardenbereich liegen.

Den Zuschauer als den großen Verlierer zu bezeichnen, wäre überzogen. Denn sie sind es ja, die für die Lukrativität dieser Werke sorgen. Man wird das Gefühl aber nicht los, dass Millionen von Kinogängern nicht wissen, was ihnen fern des Imax-Bombasts entgeht. Sie bekommen zwar bei "Marvel" die volle Ladung an CGI-Effekten der neuesten Generation, künstlerisch stagnieren die Werke aber.

Ein filmischer Geniestreich

Womit man wieder bei "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" wäre. Das Werk ist sowohl ein filmischer Geniestreich als auch eine schallende Ohrfeige für "Avengers" und Co. "Die Leute, sie lieben Blut. Sie lieben Action. Nicht diesen gesprächigen, depressiven, philosophischen Scheiß!", heißt es an einer Stelle, an dem der Film von Alejandro González Inarritu kurzfristig und überraschend das Tempo drastisch anzieht. Dass ausgerechnet das alter Ego des Protagonisten, eine weltweit bekannte Blockbuster-Comicfigur, diesen Satz ausspricht, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Als es zu dieser Szene kommt, ist - ganz lapidar gesagt - der Zug für Inarritus Helden schon abgefahren. Riggan Thomsons (Michael Keaton) Karriere begann vor rund zwanzig Jahren, er verkörperte "Birdman" in drei Blockbustern. Mittlerweile ist er, sich weigernd eine Fortsetzung des Streifens zu drehen, abgehalftert, pleite. Einen letzten Versuch unternimmt er ausgerechnet am Broadway. Als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion kämpft er als Künstler um Anerkennung.

Dabei läuft in den wenigen Tagen vor der Premiere so ziemlich alles schief, was schief laufen kann: Schauspiel-Star Mike Shiner (Edward Norton) entpuppt sich als asozialer Method Actor der übelsten Sorte, Thomsons Beziehung zur Tochter (Emma Stone) verschlechtert sich zusehends und seine Freundin (Andrea Riseborough) sagt ihm, dass sie ein Kind erwarte. Der "Birdman" im labilen Thomson wird immer lauter, die Katastrophe ist vorprogammiert.

Also ein Stoff, aus dem Dramen gemacht sind, bestenfalls kann man bei Inarritus Werk von einer Tragikomödie sprechen. Wobei sich der mexikanische Regisseur in dem 119 Minuten langen Werk auf skurrile Szenen fokussiert. So fällt einem Darsteller ein Bühnenrequisit auf den Kopf, Thomson liefert sich ein peinliches Ringen mit dem halbnackten Shiner und läuft zu allem Überfluss - ebenfalls nur mit einer Unterhose bekleidet - über den Brodway und wird so zum Twitter-Star. Das alles ist fraglos witzig, wird aber so realistisch in Szene gesetzt, dass dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleibt.

Daher ist der Plot und das Geschehene mitsamt dem hochinteressanten Spiel im Spiel, also dem Theaterstück im Film selber, unterhaltsam, dürfte aber nicht für Euphorie bei dem Kinogänger an sich sorgen.

Filmische Feinheiten sind atemberaubend

Die im Werk versteckten filmischen Feinheiten sind hingegen schlicht atemberaubend. Wenn die Comicverfilumg in Massenproduktion Inarritus persönlicher Antagonist bei "Birdman" darstellt, ist die Filmkunst sein strahlender Held. Interessante, mehrdimensionale Figuren gibt es in Hülle und Fülle, Keaton und Co. verpacken sie allesamt mit faszinierenden Leistungen. Inarritu spielt mit der Musik, integriert sie aus dem Off in die erzählte Welt und spiegelt mit den jazzigen Schlagzeugrhythmen noch die Psyche des Protagonisten wider.

Sein eigentlicher Geniestreich ist aber die Zusammenarbeit mit Kameramann Emmanuel Lubezki. In fast zwei Stunden gibt es fast keine merklichen Schnitte, den Großteil des Film kann man fast als eine einzige Plansequenz betrachten: Die Kamera folgt den Figuren von der Umkleide bis auf die Bühne, auch in die Kneipe nebenan. Ein immenser Aufwand und schier unfassbares Timing stecken dahinter, ebenso wie ein Effekt: Die Distanz zu Thomson ist fast nicht existent, "Birdman" entwickelt sich in dem Theater mehr und mehr zu einem psychologischen Kammerspiel.

Das alles ist im höchsten Maße erfrischend, weil es einerseits nahezu perfektes Filmemachen ist. Andererseits ist es anders und dadurch wichtig für die kriselnde Filmbranche. Wenn "Birdman" bei den diesjährigen Oscars, dessen Jury von Filmschaffenden besetzt ist, abräumen sollte, wäre das auch ein klares Zeichen an "Iron Man" und Konsorten.