25 Jahre verschwunden

Die erschütternden Fälle zweier Kinder

25 Jahre verschwunden: Die erschütternden Fälle zweier Kinder 25 Jahre verschwunden: Die erschütternden Fälle zweier Kinder Foto: dpa
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Manuel Schadwald aus Berlin, Bernd Beckmann aus Jena: zwei Jungen, die im Juli 1993 verschwinden. Während der neunjährige Bernd bald tot gefunden wird, bleibt der Fall des damals zwölfjährigen Manuel mysteriös - bis heute, zweieinhalb Jahrzehnte später.

Manuel Schadwald ist zwölf Jahre alt, als er am 24. Juli 1993 zum letzten Mal gesehen wird. Er will von zu Hause in Berlin-Tempelhof in ein Freizeitzentrum fahren. Dort kommt der hübsche Junge mit den etwas längeren dunklen Haaren nie an. In den nächsten Tagen sucht die Polizei intensiv nach Manuel, befragt Verkäufer in Kaufhäusern und Betreuer, veröffentlicht Fotos und durchkämmt mit Spürhunden ein Waldgebiet. Ohne Erfolg, der Junge bleibt verschwunden.

Ebenfalls im Juli 1993 verschwindet der neunjährige Bernd Beckmann in Jena in Thüringen. Zuletzt wird er am 6. Juli gesehen. Am 18. Juli finden Kinder seine Leiche am Ufer der Saale. Auch hier sucht die Polizei mit großem Aufwand, befragt Anglervereine und setzt Taucher ein. Der Wasserspiegel des Flusses wird mit Hilfe einer Talsperre gesenkt. Nahe der Kinderleiche wird der Außenbordmotor eines Bootes gefunden. Über den Besitzer gibt es eine Verbindung zu den späteren Neonazis der Terrorgruppe NSU. Eine Spur zu dem Mörder findet sich aber nicht.

Beide Fälle liegen nun 25 Jahre zurück, aufgeklärt sind sie immer noch nicht - aber auch nicht vergessen. Wenn es um das Schicksal von Kindern geht, ist stets eine große Anteilnahme der Öffentlichkeit gewiss.

Ein anonymer Brief

In den Fall Bernd Beckmann ist zuletzt wieder Bewegung gekommen. Eine mittlerweile 17-köpfige Sonderkommission „Altfälle“ arbeitet seit Ende 2016 für die Thüringer Polizei ungeklärte Kindermorde im Raum Jena neu auf. Ein anonymer Brief vom Juli 1993 soll helfen. Der Schreiber hatte Hinweise zu den Umständen des Mordes an Bernd Beckmann gegeben. Über den Speichel unter der Briefmarke will die Polizei den Verfasser des Briefes finden.

Rund 300 Männer gaben in Thüringen bis Mitte Juli freiwillig eine Speichelprobe für eine DNA-Analyse ab. Die Polizei hatte insgesamt 500 Männer angeschrieben. Für die Auswertung der DNA-Proben braucht das Landeskriminalamt aber noch einige Zeit. Ob Männer, die sich nicht freiwillig melden, zu einer Abgabe verpflichtet werden können, steht bislang nicht fest.

Briefmarke und Speichel sind immerhin eine Spur, die die Polizei hoffen lässt. Ermittlungen sind dann am schwierigsten, wenn - wie im Fall Manuel Schadwald - jemand spurlos verschwindet. Es gibt keine Leiche, keinen Fundort, keinen Tatort.

Es gibt Tausende vermisster Menschen

Mit Meldungen zu vermissten Menschen ist die Polizei tausendfach befasst. In Berlin wurden im ersten Halbjahr 2018 etwa 5500 Vermisstenfälle gemeldet: 2666 Erwachsene, 2142 Jugendliche und 683 Kinder. Auf ein Jahr gerechnet sind das etwa 11 000 Vermisstenfälle. Etwa 98 Prozent davon tauchen schnell wieder auf. Trotzdem gelten laut der Berliner Polizei „Dutzende Personen als langzeitvermisst“.

Das Bundeskriminalamt (BKA) schreibt über ganz Deutschland: „Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent.“ Das heißt aber auch, dass pro Jahr zahlreiche Menschen, darunter auch Kinder, komplett verschwinden.

1964 ungeklärte Fälle

In der BKA-Datei „Vermisste/Unbekannte Tote“ sind deutschlandweit 1964 ungeklärte Fälle vermisster Kinder erfasst (Stand Februar 2018). Das bezieht sich auf die Jahre von 1951 bis heute. Mehr als die Hälfte der Kinder sind laut BKA Ausreißer, sogenannte Streuner und unbegleitete Flüchtlinge, die selbstständig unterwegs sind. „Bei dem verbleibenden Teil der vermissten Kinder ist zu befürchten, dass diese Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden, sich in einer Situation der Hilflosigkeit befinden oder nicht mehr am Leben sind“, schreibt das BKA. In knapp 70 Jahren könnten das also viele Hundert Kinder sein.

Neue Techniken wie DNA-Analysen, Computerauswertungen und Luftaufnahmen durch Drohnen führen auch zu neuen Ermittlungen - und manchmal zum Täter. Das zeigt ein Erfolg der Thüringer Soko zu dem Mord an der zehnjährigen Stephanie aus Weimar. Im August 1991 wurde sie entführt, missbraucht und noch lebend von einer Autobahnbrücke geworfen. Ihre Leiche fand man erst später. Die Fahnder ermittelten den mutmaßlichen Täter. Im März wurde der Mann in Berlin gefasst. Die Soko „Altfälle“ hofft bei Bernd Beckmann und einem weiteren Fall auf einen ähnlichen Erfolg.

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In Berlin sieht die Lage bei der Suche nach Manuel Schadwald düsterer aus. In Jahren nach Manuels Verschwinden tauchen immer wieder Berichte zu dem Kind auf. Niederländische Polizisten glauben, ihn bei einem deutschen Kinderpornografie-Produzenten gesehen zu haben. 1998 behauptet eine belgische Bürgerinitiative, eine Bande habe den Jungen für Pornoaufnahmen verschleppt.

Die Polizei prüft Filme, Fotos und Aussagen. Abgebildet sind andere Jungen. Ein deutscher Staatsanwalt vernimmt den Hauptverdächtigen. Polizisten halten die Behauptungen der Bürgerinitiative für Spekulation. 2015 schreiben Zeitungen erneut über vermeintliche Hinweise, nach denen Manuel nach Amsterdam gebracht worden sei. Auch hier ergibt sich nichts Neues.

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Dass Manuel damals nur verunglückt ist und bis heute nicht gefunden wurde, glaubt eigentlich niemand. Die Polizei führte anfangs nur einen Vermisstenfall. Heute verweist sie auf die Staatsanwaltschaft Berlin. Dort sagt ein Sprecher: „Ein Ermittlungsverfahren wird geführt wegen Verdachts auf ein Tötungsdelikt.“ Das Verfahren laufe schon lange. „Es gibt keine neuen Erkenntnisse.“

Das Bundeskriminalamt schreibt: „Falls eine Vermisstensache nicht aufgeklärt wird, bleibt die Personenfahndung bis zu 30 Jahre bestehen.“ Danach bleibt nur noch die Erinnerung.

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Quelle: dpa