In Japan hat sich die Welt der Videospiele weitergedreht

Tokyo für Gamer: Von Akihabara bis nach Nakano

In Japan hat sich die Welt der Videospiele weitergedreht : Tokyo für Gamer: Von Akihabara bis nach Nakano In Japan hat sich die Welt der Videospiele weitergedreht : Tokyo für Gamer: Von Akihabara bis nach Nakano Foto: Daniel Hecht

Tokyo ist das Shopping-Paradies für Nerds und begeisterte Gamer: Doch zwischen den bunten Neonlichtern sind klassische Videospiele längst nicht mehr so wichtig, wie vor einigen Jahren. Wir werfen einen ausführlichen Blick auf die Geschichte japanischer Videospiele und ihrer Rolle in der heutigen Zeit.

Bis heute wird Japan als Geburtsstätte der Videospiel-Kultur angesehen – und das obwohl Titel wie Pong (Atari, 1972) und Asteroids (Atari, 1979) eigentlich lange vor der japanischen Konkurrenz auf den amerikanischen Markt preschten.

Doch abseits von Heimcomputern und schummrigen Arcade-Hallen eröffnete der japanische Markt das Medium für den Massenmarkt und ließ es auf den ersten Konsolen heimisch werden: Nintendo veröffentlichte 1983 das Famicom, hierzulande bekannt als Nintendo Entertainment System (NES), während Konkurrent Sega 1985 mit dem Master System auf den Markt kam.

Nach dem großen Videospiele-Crash im Jahre 1983, einer massiven Rezession, welche das bis zur Spitze der Großverdiener empor gestiegene Atari schmerzhaft zurück auf den Boden der Realität holte, wurden die Karten neu gemischt: Die Zeit der japanischen Heimkonsolen war gekommen. Über die nächsten drei Jahrzehnte sollten Konsolen aus Japan die Welt der Videospiele beherrschen und Japan nebenbei eben den Ruf geben, welcher bis heute anhält. Videospiele aus Japan haben den Markt weltweit nicht nur beeinflusst, sie sind bis heute Ideengeber und ideologischer Humus virtueller Welten.

Zwischen Moderne und Tradition Foto-Tour durch Tokyo 75 Fotos

Wir, also meine Frau und meiner einer, hatten über die letzten zehn Jahre das Glück Japan gleich mehrere Besuche abstatten zu dürfen. Dabei konnten wir Videospiele in Japan nicht nur erleben, wie wahrscheinlich sonst nirgendwo auf der Welt, sondern haben auch mitbekommen, wie sich die Welt der Videospiele in Japan weitergedreht hat. Wo die riesigen Elektronikabteilungen von Handelsketten wie Yodobashi Camera und Big Camera vor einigen Jahren noch gut gefüllt waren, fegte zuletzt ein Hauch von Niedergang durch die mit Regalen verwinkelten und vom hellen Neonlicht erleuchteten Gänge.

Videospiele im Wandel der Zeit

Die letzten Jahre waren nicht allzu freundlich zum Spiele-Markt in Japan: Traditionelle Hersteller wollen sich nicht von ihren konservativen Wurzeln lösen und fahren ihre Betriebe gleich reihenweise vor die Wand. Jüngstes Beispiel hierfür ist Konami, die Entwickler großartiger Serien wie "Metal Gear Solid", "Pro Evolution Soccer" und "Castlevania". Dank seltsamer Geschäftspraktiken und zahlreicher verärgerter Mitarbeiter, haben sich über die letzten Jahre einige der größten Entwickler vom Konzern losgesagt, um ihr eigenes Ding aufzuziehen - darunter auch Metal-Gear-Schöpfer Hideo Kojima.

Hierzulande populäre Genres wie Ego-Shooter und Action-Adventures (Stichwort "Open World") sind in Japan noch immer ein ungeliebtes Kind des Westens. Auch der "Indie"-Boom konnte in Japan nie wirklich Fuß fassen, machte über die letzten Monate aber für eine ganz eigene Bewegung Platz: Einige der bekanntesten, japanischen Entwickler versuchen sich an "Kickstarter"-Projekten, um den Fans endlich die Spiele liefern zu können, die sie sich seit Jahren wünschen.

Den Start für die Bewegung setzte niemand geringeres als Mega-Man-Entwickler Keiji Inafune: 2013 kündigte er mit "Mighty No. 9" den spirituellen Nachfolger per Kickstarter an und nahm damit fast 4 Millionen Dollar ein. Mighty No. 9 soll im ersten Quartal 2016 für so ziemlich jede Plattform erscheinen. Nach dem Vorbild von Inafune folgte 2015 Castlevania-Entwickler Koji Igarashi: Losgelöst von den Fängen von Konami nahm er für sein neues Projekt "Bloodstained: Ritual of the Night" stolze 5,5 Millionen Dollar auf Kickstarter ein... und setzte damit kurzzeitig eine neue Rekordmarke.

Brave New Worlds Die besten Kickstarter-Games auf einen Blick 24 Fotos

Mal von den wirtschaftlichen, politischen und kreativen Problemen der Branche abgesehen, bot sich uns in den Geschäften innerhalb der Stadt ein erschreckendes Bild: Wo sich vor einigen Jahren noch lange Schlangen an den Kassen bildeten (um beispielsweise eine PlayStation 3 abzusahnen), fliegen heute traurige Windhexen durch die Gänge der Geschäfte. 

Zum Start der PlayStation 4 gab es genau einen Titel, der speziell auf Japan zugeschnitten war: „Ryū ga Gotoku Ishin!“, hierzulande besser unter dem "Yakuza"-Titel bekannt. Ansonsten finden sich die üblichen Verdächtigen, welche auch in deutschen Elektronikmärkten im Regal stehen: Battlefield 4, Call of Duty: Ghosts, Knack und Co. gewinnen in Japan jedoch keinen Blumentopf.

Noch verwirrender ist die "Xbox One"-Situation: Die Konsole von Microsoft wurde erst am 4. September 2014 in Japan veröffentlicht, lange Zeit nach dem Release im Westen. Wo die Xbox 360 schon einen schweren Stand im Land der aufgehenden Sonne hatte, scheint sich die Situation für die Xbox One nicht gerade verbessert zu haben: Inoffiziell hat Microsoft den Kampf längst aufgegeben.

Selbst Japan's geliebte Handheld-Kinder, der Nintendo (3)DS und die Sony PSP (bzw. PS Vita), lassen sich immer weniger in den Bahnen blicken und werden von dem Teil ersetzt, welches die gesamte Spiele-Branche im Land auf den Kopf zu stellen scheint: dem Handy. 

Akihabara: Tokyo's elektronischer Herzschlag

Innerhalb von Tokyo sind Videospiele natürlich neben Manga und Anime noch immer ein Thema, welches sich quer durch die Millionenmetropole zieht. Gleich zwei Stadtteile sind dabei ein wahres El Dorado für alle Fans elektronischer Gadgets, von Retro-Konsolen und Merchandise aller Farben und Formen: Akihabara (umgangssprachlich „Akiba“) ist das bekannteste Elektronik-Viertel der Welt, ein ganzer Stadtteil, der sich alleine um Themen wie Videospiele, Mangas und Animes dreht.

Eine bunte Runde durch Super Potato und Nakano Broadway Nerd-Shopping in Tokyo 62 Fotos

Wer es tatsächlich bis nach Akihabara schaffen sollte (eine Reise nach Japan ist übrigens nicht so kompliziert und teuer, wie man zuerst denken mag!), der streicht erst mal alle Karten, Tipps und Tricks aus seinen Gedanken und unternimmt die ersten Schritte am besten nach eigenem Gusto. Sich im Gewirr aus kleinen Gassen, grell blinkenden und laut tönenden Shops zu verirren, gehört zum ersten Ausflug genauso dazu, wie das plötzliche Verständnis einer vollkommen von unserer Kultur verschiedenen Lebensweise.

"Akihabara" bedeutet übersetzt ungefähr "Herbstlaubfeld", was so ziemlich das Unsinnigste ist, was Ihr in diesem gesamten Beitrag lesen werdet. Herbstlaub gibt es in Akihabara genauso wenig, wie grüne Ruhe-Oasen: Hier pulsieren Leuchtreklamen um die Wette und der Lärmpegel erinnert nicht selten an einen Kirmes-Besuch.

Viele der ansässigen Shops haben ihre Soundanlagen gleich draußen aufgehängt und beschallen damit die Straßen. Der Lärm von Pachinko-Hallen gleicht dem Soundtrack einer Großbaustelle in Berlin Mitte, und dann wären da noch die lustigen Japaner mit Umhänge-Werbeschildern und Megaphonen, die Ihre Angebote - ähnlich wie auf einem türkischen Basar - auf die Straße krakeelen.

Tipp für potentielle Japan-Touristen: Jeden Sonntag werden die Straßen von Akihabara für den Verkehr gesperrt und verwandeln sich in eine kunterbunte Bühne für Cosplayer. Ein Spektakel, welches man sich nicht entgehen lassen sollte.

Yodobashi Camera: Shopping-Tour auf acht Stockwerken

Den Start-Punkt beinahe jeden Ausflugs nach Akihabara macht der große Bahnhof aus, Akihabara Station. Schon hier zeigt sich der zweite Name für den Stadtteil: Electronic Town. Während der West-Ausgang direkt ins Herz von Akihabara führt, bietet sich am Ost-Ausgang ein erster Halt für Videospieler und Technik-Fans an: Die acht Stockwerke große Filiale von Yodobashi Camera.

Hier gibt es wohl kein technisches Gadget, welches es nicht gibt: Kameras, Fernseher, Kühlschränke, Massage-Sitze (perfekt für gestresste Touristen!), Uhren, PC's, Laptops, Handys und die riesige Soundabteilung sind nur einige der Optionen, welche Touristen in den in den acht Stockwerken auf der Fläche mehrerer Fußballfelder vorfinden.}

Auch Videospiele-Fans finden hier ihre eigene Abteilung, vollgepackt mit japanischen Spielen zu aktuellen Konsolen und Handhelds, aber auch viel Zubehör, darunter kultige Musikspiel-Ergänzungen oder hierzulande nicht erhältliche Hüllen, Taschen und Joypads in allen Farben.

Besonders genial sind die sogenannte "Capsule Automaten": Hunderte der weißen Kaugummi-Automaten, aus denen man anstelle von Kaugummi kleine Figuren zu so ziemlich jedem bekannten Anime, Manga und Videospiel ziehen kann, sorgen für einen ganz besonderen Flashback zurück ins Kindesalter. Wem beim Stöbern der Hunger überkommen, findet im 8. Stockwerk die Möglichkeit sich den Bauch in zahlreichen Restaurants vollzuschlagen.

Akihabara Tokyo - image/jpeg

Super Potato: Das Mekka für Retro-Spieler

Auf der westlichen Seite des Bahnhofs sollte der innere Nerd-Kompass zuerst in Richtung „Super Potato“ zeigen. Wer sich in das Labyrinth aus Gassen und winzigen Läden traut, der findet in der Nähe der Club Sega Arcade einen kleinen Seiteneingang ins Paradies der Videospiele. Die Sega Arcade liegt gleich unter den Bahngleisen und fällt auch auf mehrere Meter entfernt durch das grelle Rot im Logo auf. In der schmalen Seitengasse daneben findet sich der kleine Eingang zum Super Potato – wer sich optisch nicht zurechtfindet, lauscht einfach der laut dudelnden Retro-Melodie, um das Geschäft ausfindig zu machen.

Mittlerweile auf drei Ebenen ausgebaut, finden sich hier einige Schätze, welche man sonst nur aus Internet-Legenden kennt. Von der exklusiven Sammler-Edition bis zu äußerst raren Spielen in Originalverpackung gibt es hier so ziemlich alles, was das Retro-Herz begehrt. Die Regale sind vollgepackt mit Retro-Modulen und bis zur Decke gestapelten Konsolen, egal ob NEO GEO, PC-Engine, SEGA Saturn, PlayStation, Famicom oder obskurer Handheld, egal ob mit Verpackung oder ohne, die Geldbörse ist schneller leer, als der wenig geübte Spieler den “Game Over”-Bildschirm bei Mega Man erblickt.

Super Potato Akihabara - image/jpeg

Während der erste Stock gefüllt mit klassischen Retro-Titeln ist (von NES bis zum Super Famicom, vom Master System bis zum Mega Drive), trauen sich die „Kartoffelhüter“ im zweiten Stockwerk an etwas modernere Konsolen wie die erste Playstation oder den Sega Dreamcast.

Darüber hinaus ist jedes Stockwerk mit Nerd-Artikeln nur so zugepflastert – hier sollte das geschulte Auge jedes einzelne Regalbrett genauestens unter die Lupe nehmen, um gezielt kleinere Kostbarkeiten wie Brettspiele, Poster, Figuren, LCD Spiele und limitierte Module herauszupicken. Das dritte Stockwerk schließlich präsentiert sich als Retro-Arcade, wo willige Spieler an unzähligen Geräten die Klassiker von damals für nur wenige Yen selbst anspielen dürfen.

Super Potato Akihabara - image/jpeg

Neben Super Potato finden sich in Akihabara natürlich noch unzählige, weitere Geschäfte, darunter unter anderem Mandarake, Animate, der Kotobukiya Flagship Store, Friends, Gamers Akihabara, Trader und Messe Sanoh.

Der Preisvergleich lohnt: Allen voran bei Super Potato sind die goldenen Zeiten dank des weltweiten Ruhms des ehemaligen Geheimtipps längst vorbei.

Nakano Broadway: Zwischen Sailor Moon und Super Mario

Etwas abseits der bekannten Touristenviertel innerhalb Tokyos liegt der eher verschlafene Stadtteil Nakano: Was hierzulande als „Vorstadt“ abgestempelt werden würde, entpuppt sich in Tokyo als noch immer fest in die Metropole integriertes Juwel für Nerds und Manga-Fans.

Vor Ort finden sich in der Nakano Broadway Mall gleich zwölf (!) Filialen von Mandarake, eine der größten Vertriebsketten für gebrauchte Manga, Anime, DVDs, CDs, aber auch Figuren und Sammelobjekten, jede mit ihrem eigenen Fokus.

Nakano Broadway - image/jpeg

Auch Videospieler werden in Nakano glücklich: Im oberen Stockwerk der Einkaufsmeile warten zahlreiche Arcade-Automaten auf die 100 Yen (ca. 75 Cent) Stücke von potentiellen Spielern, während zahlreiche Shops Figuren, Poster und Merchandise zu bekannten Serie wie Super Mario, Final Fantasy, Kingdom Hearts und Co. offerieren – übrigens auch zu teils beachtlichen Schnäppchenpreisen.

Japan muss nicht unerreichbar bleiben

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Ein Urlaub in Tokyo muss nicht unerreichbar teuer sein!

Wir haben für den letzten Flug jeweils 550 Euro gezahlt (mit KLM von Düsseldorf über Amsterdam nach Tokyo), zusätzlich kamen ca. 1100 Euro für das Hotel obendrauf (3 Wochen, wohlgemerkt!).

Da erreicht man durchaus ein Preisspanne, die mit einem Mallorca-Urlaub vergleichbar ist - wenn man denn gewillt ist, auf entsprechende Angebote zu warten.