"Für meine Familie tue ich alles!"

Mafia III im Test für PlayStation 4

"Für meine Familie tue ich alles!": Mafia III im Test für PlayStation 4 "Für meine Familie tue ich alles!": Mafia III im Test für PlayStation 4 Foto: 2K Games
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Das dritte Mafia-Spiel bietet eine packende, düstere, filmreife Story. Die Grafik ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Und spielerisch gibt es kaum Innovationen.

Der Waise, Kriegsheimkehrer und Elite-Soldat Lincoln Clay will eigentlich nur bei seiner Ersatz-Familie, einer eher harmlosen "schwarzen" Gang im Dienste des Mafia-Dons Sal Marcano, vorbeisehen. Dann möchte er nach Kalifornien, um dort als Schweißer zu arbeiten.

Natürlich kommt alles anders: Seine Familie wird abgeschlachtet, er überlebt nur knapp – und Lincoln Clay will Rache. Stück für Stück möchte er Sal Marcano alles wegnehmen, was dem Mafia-Boss teuer und wichtig ist. Für einen Moment muss man sich da kurz die Augen reiben. Ist das Mafia III oder nicht doch der Punisher aus dem Marvel-Comic-Universum? Zu ähnlich ist die Geschichte und ist der Charakter.

Aber das soll kein Vorwurf sein. Der neue Entwickler Hangar 13 hat eine überaus spannende, fesselnde Story entwickelt und dafür eine eigene Erzählweise gewählt: Es gibt mehrere Erzählebenen in Mafia III. Da ist eine Dokumentation, die in der Gegenwart gedreht wird, und die Ereignisse in New Bordeaux im Jahr 1968 behandelt: Charaktere erzählen aus ihrer Erinnerung über die Figuren und die Geschehnisse vor mehr als 50 Jahren. Dann sind da noch Aufnahmen aus einer Senatsanhörung Anfang der 1970er, die Licht ins Dunkel bringen sollen. Und natürlich ist da noch das Spiel selbst, in dem wir als Lincoln Clay im Jahr 1968 agieren und die tatsächliche Geschichte erleben.

Dadurch entsteht eine besondere Spannung – zwischen dem Fortgang der Story, ihrer Analyse und ihrer Erklärung. Jeweils mit einem eigenen Grafik-Stil. Diese Erzählweise fesselt von Anfang an und ist wie ein Puzzle, das sich langsam zusammensetzt. Aber es verlangt Aufmerksamkeit. Zumal das Spiel selbst gerade zu Beginn etwas springt: Mitten in der Hauptmission geht es acht Tage zurück, um zu erleben, wie es überhaupt zu der Mission kam. Das ist sehr mutiges Storytelling von Hangar 13 und innovativ. Hut ab dafür.

Allerdings wird bisweilen mit Namen um sich geworfen, die man erst später zuordnen und sortieren kann. Trotzdem ist es fesselnd. Zumal die Story spannend, ziemlich düster und gut geschrieben ist. Ich wollte ständig wissen, wie es weitergeht mit Lincoln, seinen drei Lieutenants und seinem gnadenlosen Vernichtungsfeldzug. Und ihre Geschichte verzichtet weitgehend auf Ironie oder Sarkasmus, sondern sie ist bitter ernst, brutal und tragisch.

Lincoln Clay kämpft gegen die Mafia Mafia III - Screenshots 23 Fotos

Großartige Umsetzung der 1960er Jahre

New Bordeaux als Synonym für New Orleans besticht dabei durch die Atmosphäre. Die Stadtteile haben ihren eigenen Charakter und wer aufmerksam dem Radio lauscht oder den Unterhaltungen der Passanten, spürt, wie es in den USA brodelt. Der ständig präsente Rassismus und Sexismus existiert so beiläufig und selbstverständlich, dass es erschreckend bis widerlich ist.

Aber Farbige und Frauen emanzipieren sich zunehmend, und eine junge Generation begehrt gegen den Vietnamkrieg auf. Diese Zerrissenheit eines Landes im Umbruch ist in Mafia III spürbar. Da ist Hangar 13 Großes gelungen – bis hin zu den kleinen Details. Die Musik im Radio stammt aus den 1960ern. Und man kann Playboy-Ausgaben sammeln und sogar durchblättern.

Und die Details gehen noch weiter: Wenn Lincoln durch Matsch geht, klingen die Schritte auch so, als ob man durch Matsch geht. Es ist schon beeindruckend, was Hangar 13 geschaffen hat. Und dennoch: An Grand Theft Auto 5 kommt man nicht ganz heran. Und das hat einen einfachen Grund: die gewöhnungsbedürftige Grafik.

Keine Ahnung, was sich Hangar 13 dabei nun tatsächlich gedacht hat. Aber es scheint künstlerische Freiheit zu sein, sich für einen ausgewaschenen Look mit Überbelichtung und schwachen Kontrasten entschieden zu haben. Es soll vermutlich einen Film aus den 1960ern imitieren. Aber mit den niedrig aufgelöst wirkenden Texturen passt es bei einer Playstation 4 – wie beim Test – eben nicht zu einer PS4, sondern es sieht wie ein Game für die Vorgängergeneration aus.

Angesichts der anderen Details in Mafia III und der grandiosen Zwischensequenzen kann man einfach nicht glauben, dass die Entwickler nicht zu etwas Besserem in der Lage waren. Und dennoch: Ein Blick zum Himmel und zu den statischen Wolken zeigt die Schwächen der Grafik. Daran muss man sich gewöhnen und es akzeptieren. Dann kann man Spaß mit Mafia III haben.

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Fahren, ballern, schleichen

Zum Glück macht die eigentliche Spielmechanik sehr viel Spaß. Die Fahrzeuge fühlen sich tatsächlich unterschiedlich an – und mit der Option "Simulation" auch nicht ganz so arcadig.

Das Waffen- und Trefferfeedback gibt einem ein Gefühl für die unterschiedlichen Pistolen und Gewehre. Und die Gegner stellen sich auch meist nicht ganz so dumm an. Wer ohne einen Plan gegen mehrere Feinde vorrückt, wird bald eine Mission neu starten müssen. Und das bedeutet eine etwas lange Ladezeit. Zumal jede Mission in mehrere größere Abschnitte unterteilt ist. Und nur zum Beginn eines neuen Abschnitts wird gespeichert. Das kann einen frustrierend weit zurückwerfen.

Die Schleichmechanik ist ebenso packend umgesetzt. Da drückt das Spiel zwar gerne ein Auge zu und erreicht nicht das Niveau eines Metal Gear Solid. Aber es bleibt spannend, sich langsam ungesehen vorzuarbeiten.

Kleinere Abstriche muss man dafür bei den Schadensmodellen der Autos machen. Beschädigte Fahrzeuge sehen immer noch recht intakt aus – bis dann der Motor qualmt. Und auch beim Missionsdesign hat Hangar 13 sich für einen wenig innovativen Weg entschieden. Die Hauptmissionen folgen oft dem gleichen Muster: Man dringt irgendwo ein, schaltet einen Unterboss aus und stört die Geschäfte eines größeren Bosses so nachhaltig, bis er dann auftaucht. Allerdings macht es jedes Mal aufs Neue so viel Spaß, dass zumindest ich es vergeben kann.

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Fazit

Was ist nun das Fazit? Selten ist es mir so schwergefallen, ein Resümee zu ziehen. Die Geschichte und das Storytelling, die Figuren - vor allem Lincoln Clay selbst, die Liebe zum Detail und die Atmosphäre haben mich gepackt. Das Spiel wirkt eher wie ein interaktiver, düsterer, actionreicher, erwachsener Kinofilm. Und das Gameplay macht Spaß. Sehr viel Spaß sogar.

Ich jedenfalls habe die Zeit in New Bordeaux nicht bereut. Dem steht die Entscheidung der Entwickler zur Grafik gegenüber. Und bei den Missionen hätten ein paar mehr Ideen nicht geschadet. Am Ende steht die Frage, was einem bei einem Open-World-Spiel wichtig ist. Die einen werden Mafia III grandios finden, für die anderen ist es eine Enttäuschung: Insbesondere im PC-Lager reißt die Kritik bezüglich der technischen Umsetzung nicht ab.

Kurz: Wer mit den technischen Mängeln leben kann, den erwartet eine aufregende Reise nach New Bordeaux. Alle anderen sollten sich den Kauf besser zweimal überlegen - und auf weitere Patch-Arbeit seitens der Entwickler warten.

Mafia III bekommt von uns 4 von 5 Schni-Schna-Schnappi Alligatoren, 8 von 10 Betonklötzen am Bein und 81 Prozent Benzingehalt im Molotov-Cocktail - und das trotz der technischen Mängel.

Mafia III ist ab sofort erhätlich für PlayStation 4, Xbox One und PC.

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