Der Kältebus in Köln – Ein warmer Trost bei Minusgraden

Die Nächte in Nordrhein-Westfalen sind jetzt kalt – vor allem für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben und im Freien übernachten müssen. Kältebusse bieten Bedürftigen Trost, warme Getränke, Essen und winterfeste Ausrüstung. Doch der Job ist nicht einfach.
Kölner Kältebus im Einsatz für Bedürftige
Personen stehen in einer Warteschlange, um vom Kältebus Essen und Getränke zu bekommen. Foto: Sascha Thelen/dpa
Kölner Kältebus im Einsatz für Bedürftige
Personen stehen in einer Warteschlange, um vom Kältebus Essen und Getränke zu bekommen. Foto: Sascha Thelen/dpa

Derzeit haben eisige Temperaturen Nordrhein-Westfalen fest im Griff. Auch in Köln fegt ein eisiger Wind über den Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs. Die Menschenmenge wird immer größer. Ungeduld macht sich langsam breit. Trotz unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft bringt sie hier eines zusammen: der Hunger und die Kälte.

Ehrenamtliche Mitarbeitende räumen Klapptische aus dem Kältebus, stellen Teekannen auf und beginnen den „Gästen“, wie sie von den Mitarbeitenden genannt werden, wärmende Mahlzeiten, Kleidung und zu spenden. Vor allem in den kältesten Nächten des Jahres ist der Bedarf groß, bis zu 110 Personen können versorgt werden.

An diesem Dezembertag sind es aber ein paar Menschen weniger, viele schaffen es bei der Kälte nicht zum Bus. „Bei Minusgraden sind wir jeden Abend draußen, da haben wir Bereitschaftsdienste“, erzählt Feyza Bayraktar und schöpft aus einem dampfenden Behälter Eintopf für die Wartenden.

Heiligabend am Kältebus

Die 39-Jährige ist langjährige Mitarbeiterin des Vereins Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner, der 2015 gegründet wurde. Bayraktar fährt neben ihrem Vollzeitjob einmal pro Woche mit dem Kältebus durch die Domstadt – oft bis in die frühen Morgenstunden, obwohl sie in ihrem regulären Job schon um 8.00 Uhr am Schreibtisch sitzen muss.

Der Kältebus in Köln versorgt bedürftige Menschen nicht nur mit Essen und winterfester Ausrüstung, sondern auch mit „Gesprächen auf Augenhöhe“. Bayraktar kennt hier fast jeden. Besonders bei den eisigen Temperaturen werde ihr immer wieder klar, warum sie den Menschen helfen wolle. „Eben war eine Dame da, die von ihrem Tumor erzählt hat – da haben wir dann gemeinsam die Daumen gedrückt, dass er nicht bösartig ist“, sagt sie.

Solche Situationen gibt es oft. „Manchmal sind das für uns kleine Probleme, die aber für die Gäste riesengroß sind“, sagt sie. Am Weihnachtsabend im vergangenen Jahr sei sie auch am Bus gewesen und habe Essen verteilt. „Da kam eine Dame, die meinte, sie hätte nach Jahren endlich wieder das Gefühl, daheim Heiligabend gefeiert zu haben.“

Notunterkünfte sind nicht für jeden das Richtige

Nachdem das Essen verteilt ist, läuft Bayraktar noch eine Runde durch den Bahnhof, um Menschen auf den Bus aufmerksam zu machen, die es nicht rechtzeitig geschafft haben. „Bei Minustemperaturen muss man sich besonders Sorgen machen, die meisten trinken viel und merken gar nicht, dass ihnen kalt wird“, berichtet sie. Im vergangenen Jahr habe es wieder einige Kältetote gegeben.

Nach Bayraktars Schätzung leben in Köln rund 7000 Menschen auf der Straße, Tendenz steigend. Viele verbringen die Nacht in Notunterkünften, aber das ist nicht für jeden das Richtige. Für Amy zum Beispiel nicht. Sie ist jetzt seit vier Monaten obdachlos. „Da wird man nur beklaut, und es gibt viele Drogenabhängige“, erklärt sie, während sie sich an dem warmen Tee festhält. „Da ist man lieber draußen und tut sich zusammen.“ Die 36-Jährige verbringt die Nächte in einem Zelt und besucht fast jeden Tag den Kältebus. Die Unterstützung sei eine Riesenhilfe – wenn auch nicht genug. Erst gestern habe sie in der Kälte vor dem Bahnhof eine Freundin verloren.

Nur ein mobiler Kältebus in ganz Köln

Der Einsatz des Kältebusses fängt vor dem Hauptbahnhof an, endet aber oft erst am anderen Ende der Stadt. „Wir sind in Köln der einzige Kältebus, der mobil ist“, sagt Bayraktar, während sie Tische zusammenklappt und sich auf die Abfahrt des Busses vorbereitet. Der Verein finanziert sich durch Spenden von Privatpersonen, „aber es gibt auch Firmen, die wie jetzt, kurz vor Weihnachten, Aktionen machen“, erklärt sie. „Man kommt mit den Spenden gerade mal so hin.“

Das „Kälte-Telefon“ in der Hand der 39-Jährigen klingelt nun fast ohne Pause. Darüber können Passanten und Anwohner die ehrenamtlichen Mitarbeitenden kontaktieren, um Orte zu melden, an denen Hilfe benötigt wird. Es ist 21.00 Uhr, aber „bis jetzt haben wir schon 20 Stellen geschickt bekommen, und wenn ich die Mailbox abgehört habe, werden noch einige dazu kommen“, sagt sie.

An den einzelnen Orten angekommen, schaut Bayraktar nach den Menschen. Ist die Körpertemperatur hoch genug? Falls nicht, wird das kooperierende Taxiunternehmen oder der Rettungswagen gerufen, um die Menschen in Notunterkünfte oder ins Krankehaus zu bringen. Der Kältebus kümmert sich aber ebenso um die Tiere der Menschen mit Hundekleidung und Tierfutter. Die „besten Freunde des Menschen“ seien auch der Grund, warum sie nicht in Notunterkünfte gebracht werden möchten. „Die Menschen wollen sie sich auch nicht von ihren Tieren trennen, die in ein anderes Heim kommen müssen“, erklärt Bayraktar.

Lange Schlangen vor Bussen in NRW

Auch andere Hilfsorganisationen in Nordrhein-Westfalen bieten einen Kältebus an. In Münster gibt es laut Angaben der Malteser den „Wärmebus“, in Dortmund den „Herzensbus“. „Im Augenblick ist es natürlich extrem, da stehen bis zu 50 Leute in der Schlange. Das sind nicht nur Obdachlose, sondern auch viele Sozialempfänger, die bei uns ein warmes Essen suchen“, sagt ein Sprecher der Malteser der Deutschen Presse-Agentur.

Mit fünf Bussen in Bonn, Aachen, Bochum, Münster und Düsseldorf ist auch die Hilfsorganisation der Johanniter im Kältehilfe-Einsatz. Laut dem Sprecher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die aktuelle Preiserhöhung noch mehr Menschen in die Bedürftigkeit drängt. Die jüngste Wohnungslosenstatistik des NRW Sozialministeriums weist für Ende Juni 2021 rund 48.000 Menschen als wohnungslos aus.

Kältehilfe mehr als verdoppelt

Erst kürzlich hatte Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Mittel für die Kältehilfe mit insgesamt 850.000 Euro im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. „Nicht über einen Schutzraum und Rückzugsort zu verfügen, ist eine der bedrückendsten Formen von Armut – gerade wenn es draußen kalt ist“, hatte er betont. „Im Winter kann dies schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben – bis hin zum Tod.“ Mit dem Geld sollen Träger und Initiativen unterstützt werden, aber auch die Anmietung von Wärmehallen sei eine Option.

Heute muss Bayraktar aber erst einmal das übrige Essen an die Bedürftigen verteilen. Zum Abschied umarmt sie manche Menschen, denn sie hat jetzt auch eine kleine Urlaubspause. „Ich bin im Neujahr wieder da, aber falls was ist, die Leute sind hier und ich bin in Gedanken bei dir“, sagt sie mit entschlossenem Blick.

dpa