Mark Waschke
Schauspieler Mark Waschke ("Dark", "Tatort"). Foto: Britta Pedersen/dpa

Es ist ein beispielloser Aufschrei, der das Zeug zum Donnerhall hat. „Wir sind schon da“, schallt es vom Cover des „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom Freitag (5. Februar).

Mit einem medialen Massen-Coming-out und einem Manifest im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ wünschen sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler eine öffentliche Debatte über Queersein und Diversität. „Bisher konnten wir in unserem Beruf mit unserem Privatleben nicht offen umgehen, ohne dabei berufliche Konsequenzen zu fürchten“, heißt es in dem Beitrag. Zu oft sei ihnen geraten worden, die eigene sexuelle Orientierung geheim zu halten. „Das ist jetzt vorbei.“

Zu den Unterzeichnern, die sich unter dem Motto „Wir sind hier und wir sind viele» als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär oder trans* outen, gehören Karin Hanczewski, Eva Meckbach, Bettina Hoppe, Ulrich Matthes, Jaecki Schwarz, Maximilian Mundt, Mehmet Sözer, Godehard Giese, Mark Waschke, Niels Bormann, Rainer Sellien, Udo Samel und Mavie Hörbiger sowie Maren Kroymann, Ulrike Folkerts, Matthias Freihof, Georg Uecker, Jochen Schropp, Jannik Schümann, Pierre Sanoussi-Bliss und Gustav Peter Wöhler. Aus Medien und Politik gab es Anerkennung für die Aktion namens #Actout (auf Deutsch in etwa «etwas ausleben»).

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ARD-Talkerin Anne Will twitterte: „Das ist stark“. Aktivist und Filmemacher Rosa von Praunheim, der vor 30 Jahren Alfred Biolek und Hape Kerkeling in einer Talkshow gegen deren Willen outete, verlinkte den Artikel freudig bei Facebook mit der Regenbogenflagge.

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Diversität sei in Deutschland längst gelebte Realität, schreiben die Künstler. Die Vielfalt der Gesellschaft solle auch in Film und Fernsehen abgebildet werden. Das Publikum sei bereit dafür. Die Erfahrungen der letzten Jahre etwa bei Streamingdiensten zeigten dies: „Es gibt weitaus mehr Geschichten und Perspektiven als nur die des heterosexuellen weißen Mittelstandes, die angeschaut und gefeiert werden.“

In einem Interview fordern sechs der 185 Unterzeichner ihre Branche und die Gesellschaft auf, Diversität noch stärker sichtbar zu machen. Sie kritisieren die Männer- und Frauenbilder, die in TV und Kino vermittelt werden. Lesbische Schauspielerinnen fürchteten, aus „dem Pool der für Männer begehrenswerten Frauen oder Frauenrollen“ herauszufallen und nicht mehr besetzt zu werden, sagt die als Dresdner „Tatort“-Kommissarin bekannte Karin Hanczewski.

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Homosexuellen Darstellern und Darstellerinnen werde oft nicht zugetraut, heterosexuelle Rollen authentisch zu spielen, berichtet Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD), der dpa. Das hat auch Ulrike Folkerts erlebt, bekannt vor allem aus dem Ludwigshafener „Tatort“. Der Deutschen Presse-Agentur berichtet sie: „Ich wurde für eine Mutterrolle gecastet, aber als die Regisseurin erfuhr, dass ich lesbisch bin, hat sie mir abgesagt“, erzählt die 59-Jährige. „Das ist Diskriminierung. Natürlich kann ich eine Mutter spielen.“

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Oft ist der Druck von außen groß. Selbst Agenten und Agentinnen rieten queeren Menschen, sich lieber nicht öffentlich zu outen – aus Angst, keine Hetero-Rollen mehr angeboten zu bekommen, erzählt Jenny Luca Renner, LGBT-Vertreterin im ZDF-Fernsehrat, der dpa. Auch deshalb haben einige Darstellerinnen und Darsteller abgelehnt, bei #actout mitzumachen, zumindest fürs erste.

185 Schauspieler/innen machen bei #actout mit

So sind es vorerst 185 Menschen, die eine Debatte anstoßen. Es wird immer angenommen, man gehöre zur Norm“, erzählt Godehard Giese („Babylon Berlin“). Dabei seien sie „mit unserer sexuellen Identität in der Öffentlichkeit nicht sichtbar“. Von vielen ist bekannt, dass sie lesbisch, schwul, trans oder bi sind. Andere outen sich zum ersten Mal. „Wir sind Schauspieler*innen. Wir müssen nicht sein, was wir spielen. Wir spielen, als wären wir es – das ist unser Beruf“, betonen sie in ihrem Manifest. Das gemeinsame Outing hat manchem geholfen, die Angst vor dem Karriereknick zu überwinden. „Die Kraft und den Schutz der Masse genutzt. Großartig“, kommentiert ZDF-Fernsehrätin Renner.

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Doch bis zur völligen Akzeptanz ist es noch ein weiter Weg. Schauspieler André Eisermann („Kaspar Hauser“) betont, ein Teil der Gesellschaft habe noch immer ein Problem damit, wenn Menschen offen zu ihrer Homosexualität stehen. „Solange es solche Menschen gibt – leider auch in den ‚Fachkreisen‘ –, wird es nicht gleichgültig sein, ob jemand schwul oder lesbisch ist“, sagt er der dpa. Und TV-Kommissarin Folkerts beklagt eine falsche Toleranz. Heterosexuelle erhielten Preise für die Darstellung von Homosexuellen. „Da heißt es dann: Wie mutig! Und dass der oder die sich das traut“, sagt sie. „Ich bin ja auch nicht Polizistin, spiele aber eine Kommissarin.“

Auch deshalb nehmen Forderungen zu, dass queere Rollen nur von queeren Menschen gespielt werden sollten. Zuletzt betonte der britische Autor Russell T. Davies („Queer as Folk“, „Years and Years“), er besetze Homosexuelle nur noch mit Homosexuellen. Es gehe um Authentizität, sagte Davies. Folkerts sagt, sie sei zwar anderer Meinung, könne aber diese Haltung nachvollziehen. „Das spricht für eine Sensibilisierung allen LGBTI-Menschen gegenüber.“ LGBTI steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans und Inter.

Auch Hollywood unterstützt die LGBT-Community

In Hollywood bahnt sich nach jahrelanger Kritik über Mangel an Diversität und Inklusion ein langsamer Wandel an. So gab im vorigen Herbst die Oscar-Akademie neue Standards bekannt, nach denen Bewerber in der Sparte „Bester Film“ künftig Vielfaltskriterien erfüllen müssen. Das reicht von Diversitätsquoten für die Rollenbesetzung bis zu LGBT-Inhalten.

Hollywood-Star Scarlett Johansson war 2018 nach langer Kontroverse von dem Film „Rub & Tug“ abgesprungen. In dem Biopic sollte sie den Transmann Dante Gill spielen. Dem Magazin „Out“ teilte Johansson damals mit, ihr Casting in dieser Rolle sei „unsensibel“ gewesen sei. Kürzlich blickte Oscar-Preisträgerin Julianne Moore selbstkritisch auf ihr Casting mit Annette Bening als Lesben-Paar in der Familienkomödie „The Kids Are All Right“ (2010). „Alle Hauptakteure waren heterosexuell“, sagte sie reumütig dem Filmblatt „Variety“.

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Heute verfährt man anders. Zahlreiche Kollegen sprachen etwa ihre Unterstützung aus, als „Juno“-Star Elliot Page im Dezember sein Trans-Coming-out in den sozialen Medien verkündete. An seiner Rolle in der Netflix-Serie „The Umbrella Academy“ über eine Gruppe von Superhelden hat sich nichts geändert – darin spielt der Kanadier die weibliche Figur Vanya. LSVD-Sprecher Ulrich betont: „Wenn auch geoutete LGBT-Schauspielerinnen und -Schauspieler selbstverständlich für Nicht-LGBT-Rollen gecastet werden, würde sich auch die Diskussion um die Besetzung von LGBT-Rollen erübrigen.“

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Quelle: dpa