International Music Award IMA Toni Garrn Sting Billy Porter
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Nicht für Verkaufserfolge wie beim Echo, sondern für künstlerische Relevanz werden die „International Music Awards“ vergeben. Die Premiere in Berlin bietet eine spannende Pop-Mixtur. Neben jungen Top-Musikern glänzen auch zwei Altstars.

In seiner 40-jährigen Karriere hat Gordon Matthew Thomas Sumner, besser bekannt als Sting, schon 17 Grammys nach Hause getragen. Seit Freitagabend ist der britische Rockstar um eine Auszeichnung reicher – den ersten „Lebenswerk“-Preis der neuen „International Music Awards“ (IMA). Und er vermittelt nicht den Eindruck, dass die Berliner „Hero“-Trophäe ihn weniger glücklich macht als all die viel prestigeträchtigeren davor.

Die modern designte IMA-Statuette wurde der „lebenden Legende“ Sting (68) bei einer insgesamt gelungenen Premieren-Gala unter großem Publikumsjubel von Udo Lindenberg überreicht. Der einstige Police-Frontmann rühmte den 73-Jährigen seinerseits als „Hero“, einen Helden.

Denn „Panik-Udo“ sei der erste Musiker gewesen, der „Rock in Deutsch gesungen“ habe – und überhaupt ein toller Typ, dem er selbst vor gerade mal einem Jahr einen schönen Preis überreicht habe. Das erzählte Sting am „Roten Teppich“, der in Berlin freilich aus kühlen grauen Steinfliesen bestand.

Sein Live-Auftritt mit den Songs „If You Love Somebody…“ und „So Lonely“ sowie einem sympathischen Dankeschön auf Deutsch war Schluss- und Höhepunkt einer straff durchgetakteten, wenn auch technisch nicht ganz pannenfreien Veranstaltung. Sie lebte von einer spannenden Mischung an Preisträgern und Performances: von der Rock-Tradition über den gehobenen aktuellen Charts-Pop bis zu Avantgarde-Sounds. Erstmals nach dem Echo-Aus wurde damit wieder ein großer Popmusik-Preis in Deutschland vergeben.

Für sexuelle Toleranz, gegen Rechtsextremismus

Beeindruckend war in Berlin das starke Engagement vieler Künstler für sexuelle Toleranz und gesellschaftliche Offenheit, gegen Rechtsextremismus und Nationalismus wie etwa beim Brexit – ein Kontrastprogramm zum weitgehend unpolitischen Echo. Dieser war seit seiner Einführung 1992 der wichtigste deutsche Musikpreis gewesen – auf Basis von Verkaufszahlen. Der Skandal um die als antisemitisch eingestuften Rap-Texte der Echo-Preisträger Farid Bang und Kollegah führte 2018 zum Ende der Kommerz-Gala.

Der erstmals vom Musikmagazin „Rolling Stone“ und dem Axel Springer Mediahouse Berlin ausgerichtete IMA will kein Echo-Nachfolger sein, sondern orientiert sich an künstlerischer Relevanz und moderneren musikalischen Kategorien.

So gab es am Freitag Preise ohne Gender-Trennung etwa für „Commitment“ (Engagement), „Future“ (Innovation) oder „Beginner“ (Newcomer). Die Preisträger wurden in einem zweistufigen Prozess von Gremien und prominenten Jurys aus Journalisten und Musikern ermittelt.

Lindenberg erhielt für seine klare politische Haltung („für Frieden und Freiheit“) den „Courage“-Preis. Seine anschließende Bühnen-Show mit viel deutsch-englischem Genuschel war so lässig und charmant, dass einem die beiden bemühten, aber biederen Gala-Moderatoren – das deutsche Topmodel Toni Garrn und US-Showstar Billy Porter – daneben fast leid tun konnten.

Außerdem traten in Berlin eine Reihe Top-Künstler – darunter auffallend viele weibliche – live mit Bands auf: neben Sting und Lindenberg die britische Gitarristin Anna Calvi, die Elektronik-Musikerin Holly Herndon aus den USA, die Franzosen Christine and The Queens, die australische Rapperin Iggy Azalea. Besonders gut kamen die furchtlose kanadische Performerin Peaches mit ihrer Nackttänzer-Truppe sowie der deutsche Hip-Hop-Stilist Max Herre (mit dem Anti-Neonazi-Stück „Dunkles Kapitel“) und seine Frau Joy Denalane an.

IMA-Awards gingen auch an Calvi, Herndon, die Deutschrock-Stadionband Rammstein (Live-Publikumspreis), US-Rapperin Tierra Whack, Soul-Newcomerin Lizzo, den Anti-Brexit-Aktivisten Slowthai und die 17-jährige Pop-Überfliegerin Billie Eilish. Mehrere Künstler konnten ihre Preise in Berlin allerdings nicht persönlich entgegennehmen, ihr Dank wurden per Video eingespielt.

Der Stimmung schadete das kaum, zumal das Publikum den noch fehlenden IMA-Glamour und kleinere Premierenmängel wohl unter Kinderkrankheiten verbuchte. Als bei Stings Schlussauftritt die Konfetti-Kanonen in Aktion traten, waren die „International Music Awards“ als neue Popkultur-Gala in Berlin offenkundig angekommen.

Quelle: dpa