Eine Forschungsrakete stürzt in der niedersächsischen Provinz ab und kracht in ein Haus. Zum Glück ist keiner daheim. Doch bedeutet die lebensgefährliche Panne viel Stress für die Hausbesitzer.

„Wir haben unseren Augen nicht getraut“, sagen sie mit fünf Jahren Abstand. Die Rakete schlägt im Dach ein, durchbohrt eine Wand im Kinderzimmer und reißt im Flur den Stromkasten aus der Wand. Was sich nach Actionfilm anhört, ist einer Familie aus dem beschaulichen Leiferde östlich von Hannover genau so passiert.

Vor genau fünf Jahren (22. Juni) schlug eine Forschungsrakete in das Haus des Ehepaars Jakob und Christine Schweissgut ein, in dem ihre Tochter mit den zwei Enkelkindern wohnt. Heute kann das Rentnerpaar ruhig und gelassen zurückblicken – damals war das Unglück ein großer Schock.

„Wir haben unseren Augen nicht getraut“, erinnert sich der 67-jährige Jakob Schweissgut. Das Paar holt einen Ordner mit Zeitungsberichten hervor. Die Bilder von damals vermitteln einen Eindruck vom Ausmaß des Unfalls. „Eigentlich hatten wir schönes Wetter, aber es gab böigen Wind“, berichtet Schweissgut.

An einem Sonntagnachmittag geht der Flugkörper etwa eineinhalb Kilometer vom Startort, einem Modellflugplatz, über dem Wohngebiet nieder. Die Experimentalrakete der Technischen Universität Braunschweig, ein 1,60 Meter langes und acht Kilo schweres Leichtbaugeschoss, schlägt in dem Einfamilienhaus ein. Verletzt wird niemand. Denn glücklicherweise ist die Familie nicht zuhause.

Erst am Abend kommt die damals 38-jährige Tochter, die mit ihren beiden fünf und zwei Jahre alten Kindern in dem Haus lebt, zurück. „Wir wollen uns gar nicht vorstellen, was alles hätte passieren können“, erzählt ihre Mutter Christine Schweissgut. Das Loch in der Wand prangt direkt über dem Wickeltisch. Da, wo schon für den Kindergeburtstag am nächsten Tag geschmückt war, liegen nach dem Aufprall Splitter und Putz.

Die Schweissguts handeln sofort, nehmen Tochter und Enkelkinder bei sich auf. Sie verständigen die Polizei und versuchen, ihren Dachdecker zu erreichen. Nach dem ersten Schock sind sie vor allem von den Reaktionen anderer frustriert, die ihr zerstörtes Haus als Lappalie abtun. Sätze wie „War sicher nur eine Silvesterrakete“ oder „Das zahlt schon die Versicherung“ bekommen sie zu hören.

Der Fall macht indes Schlagzeilen. „Zwei Tage später standen zwei Studierende mit hängenden Köpfen bei uns und entschuldigten sich“, berichtet die ebenfalls 67-jährige Christine Schweissgut. Bei der Aufarbeitung fühlt sich das Paar aber allein gelassen. „Ein Dreivierteljahr hatten wir eine anstrengende Rennerei“, sagt ihr Mann. Die Summe von der Versicherung habe am Ende bei weitem nicht die Kosten gedeckt. „Trotzdem ist der Fall für uns erledigt“.

„Das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft wurde im November 2014 eingestellt, weil keine Straftat vorlag“, sagt Christina Pannek von der zuständigen Ermittlungsbehörde in Hildesheim fünf Jahre nach dem Vorfall. Als Ursache für den Irrflug hätten die Studierenden eine Verkettung unglücklicher Umstände ausgemacht, hieß es später von der Uni. Scheinbar sei die Rakete beim Start durch eine Windböe abgelenkt worden. Ein zusätzliches technisches Versagen und ein nicht korrekt ausgelöster Fallschirm hätten den Absturz ausgelöst.

„Wir bedauern das zutiefst, vor allem, dass die dort lebende Familie dies erfahren musste“, sagt TU-Sprecherin Elisabeth Hoffmann. Die Rakete sei derart stark von der vorausberechneten Bahn abgekommen, dass auch die erfahrenen Mitglieder der studentischen Experimental-Raumfahrt-Interessen-Gemeinschaft (ERIG) dies nicht für möglich gehalten hätten.

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Nachdem es an dem Standort lange keine Tests gegeben habe, seien Bau und Weiterentwicklung von Experimentalraketen inzwischen wieder aufgenommen worden. Laut der Uni gibt es nun aber eine Selbstverpflichtung der ERIG, einen noch größeren Abstand zu Häusern oder Wegen einzuhalten. Ein ähnlicher Unfall sei aufgrund der neu berechneten Distanz physikalisch nicht mehr möglich. (dpa)