Moderner Fünfkampf: Tierquälerei? Proteste gegen deutsche Reiterin und Trainerin

Die Medaille war für Annika Schleu fast greifbar. Doch dann spielte das Pferd nicht mit. Die Fünfkämpferin weint in Tokio bittere Tränen und endet bei den Olympischen Spielen am Ende des Feldes. Das ist die sportliche Sicht der Dinge. Doch auch die Tierschützer melden sich zu Wort. Der olympische Pferdesport steht massiv in der Kritik.
Tokio 2020 - Moderner Fünfkampf
Foto: Marijan Murat/dpa

Bei den Olympischen Spielen stehen die sportlichen Leistungen im Vordergrund. Eigentlich. Denn es gibt auch Sportarten mit Pferden. Und diese stehen immer wieder durch Tierschützer in der Kritik. Auch aktuell sind wieder Diskussionen um das Wohl eines Tieres entstanden.

Auf der einen Seite stand das sportliche Drama. Annika Schleu liefen die Tränen übers Gesicht. Die Moderne Fünfkämpferin aus Berlin war völlig aufgelöst, nachdem sie das ihr zugeloste Pferd einfach nicht in den Griff bekam und so im Springreiten jegliche Chance auf den vorher absolut realistischen Olympiasieg in Tokio einbüßte.

Nach einem wahren Drama mit dem Pferd Saint Boy fiel die 31-Jährige vom ersten Platz vor dem abschließenden Laser Run noch auf Rang 31 zurück – am Ende stand diese Platzierung auch in der Gesamtwertung. Statt einer fast sicheren Medaille blieben in Japan nur jede Menge Frust und große Enttäuschung.

Frust im deutschen Team

„Ich kann es kaum glauben, dass uns das zwei Olympische Spiele hintereinander passiert“, sagte Bundestrainerin Kim Raisner in der ARD und fing selbst an zu weinen. Ein komplett misslungener Ritt und null Punkte im Springreiten hatten 2016 auch die Träume vom zweiten Olympia-Gold nach 2008 von Lena Schöneborn beendet.

Tokio 2020 - Moderner Fünfkampf

Tränen bei Annika Schleu. Foto: Marijan Murat/dpa

„Es kann fast keiner besser nachempfinden als ich. Es war die gleiche Situation wie in Rio“, sagte Schöneborn, die auf der Tribüne saß über die bitteren Momente ihrer langjährigen Trainingspartnerin miterlebte: „Es ist der worst, worst case, der jetzt eingetreten ist. Mit allen anderen Punktzahlen hätte man Annika keine Medaille mehr nehmen können.“

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Doch so war Schleu chancenlos. Dabei hatten sich die Probleme des Vierbeiners schon angedeutet. Saint Boy wollte wenige Minuten zuvor bei Gulnas Gubaidullina vom Team des Russischen Olympischen Komitees bereits nicht über die Hindernisse. Ein Tierarzt erklärte das Pferd dennoch für einsatzbereit. Schleu musste auf Saint Boy.

Doch schon in der Eingewöhnung mit dem verunsicherten und aufgeregten Pferd ging kaum etwas. „Hau mal richtig drauf! Hau drauf!“, forderte Bundestrainer Raisner – deutlich hörbar im Fernsehen – ihre verzweifelte Athletin zum Einsatz mit der Gerte auf.

„Tierquälerei“ – so reagiert das Netz

Das viel diskutierte Video gibt es hier:

Die Aktion rief die Tierschützer in den Sozialen Netzwerken auf den Plan. Nicht ganz unverständlich beim Anblick der TV-Bilder. Auch ARD-Moderator widmete sich dem Thema und nannte das Ganze „auch aus Tiersicht verstörend.“ Und fügte hinzu: „Das bedarf sicher noch großer Aufarbeitung später“:

Bommes war mit der Meinung nicht allein, auch der ARD-Experte ordnete die Geschichte für die TV-Zuschauer noch einmal ein:

Auf Twitter trendeten in Deutschland am Freitagmittag die Begriffe „Pferd“, „Tierquälerei“, „Reiterin“ und „Fünfkampf“ – eher nicht aus sportlichen Gründen:

Auch diese Meinung ist eindeutig:

Der Tenor war deutlich, Tiere haben bei Olympischen Spielen nichts zu suchen:

Man sollte jedoch auch nicht verallgemeinern, meint diese Userin:

Der DOSB reagierte später mit einem Statement, in dem eine Regeländerung im Modernen Fünfkampf angeregt wurde:

Zwar schaffte es Schleu mit dem Pferd noch in den Parcours. Auch übersprangen die beiden die ersten Hindernisse. Dann räumte das Duo aber erst einen Sprung ab, danach verweigerte Saint Boy. Schleu musste das schlechtestmögliche Resultat hinnehmen. „Das Pferd hat sich hier absolut nicht wohlgefühlt“, sagte Schöneborn. Raisner betonte: „Es ist nicht ihre Schuld. Das Pferd wollte immer nur zur Tür.“

Gold geht an Britin Kate French

13 Jahre nach dem historischen Gold von Schöneborn in Peking standen die Fünfkämpferinnen mit leeren Händen da. Gold ging an die Britin Kate French vor Laura Asadauskaitė aus Litauen und Sarolta Kovacs aus Ungarn. Die zweite deutsche Starterin Rebecca Langrehr kam auf Rang 28 ins Ziel, auch die zweite Berlinerin hatte Probleme mit dem Pferd. Im abschließenden Laser Run – ein kombinierter Wettkampf aus Schießen und Laufen – kamen die Deutschen nicht mehr nach vorne.

Für Schleu war das besonders bitter. Im Frühjahr war das Ziel Olympia noch fern. Sie hatte sich mit dem Coronavirus infiziert und musste mehrere Wochen pausieren. Als harte und deprimierende Zeit beschrieb die Berlinerin die damalige Phase. Schleu kämpfte sich zurück an die Spitze – mit einer Medaille wurde sie nach dem undankbaren vierten Rang in Rio de Janeiro aber auch in Tokio nicht belohnt.

Dabei ging es glänzend los. Zum Auftakt im Fechten hatte die Weltranglisten-Dritte ihre Ambitionen unterstrichen und sich am Donnerstag souverän an die Spitze gesetzt. „Ich bin plötzlich in einer Situation, in der ich noch nie war“, sagte sie ungläubig darüber, am Finaltag die Gejagte zu sein. Nach einer guten Leistungen im Schwimmen blieb die WM-Vierte vorne. Dann begann das Drama.

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mit Agenturmaterial der dpa