Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer
Foto: Christine Schroeder/NDR/ARD/dpa

Direkt am Ufer wird die misshandelte Leiche einer jungen Frau gefunden. In unmittelbarer Nähe macht der Kieler „Tatort“-Ermittler Kommissar Borowski (Axel Milberg) Trampelspuren im Sand aus. Er erkennt ein Muster darin und bedeckt sie mit Braunalgen. Von höherer Position ist dann die „14“ sichtbar, ein Erkennungssymbol amerikanischer Neonazis. Am Vorabend des Weltfrauentags geht es in „Borowski und die Angst der weißen Männer“, dem neuen Kieler „Tatort“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD), um die düstere Welt von militanten Frauenhassern.

Die junge Frau hat in der Nacht ihres Todes in einem beliebten Club in der Nähe gefeiert. Auf den Aufnahmen der Videoüberwachung stoßen Borowski und seine Partnerin Mila Sahin (Almila Bagriacik) auf den verschüchtert wirkenden Außenseiter Mario Lohse (Joseph Bundschuh), der sich frauenverachtende Videos des Scharfmachers Hank Massmann (Arndt Klawitter) ansieht und im Darknet mit Gleichgesinnten chattet. Schnell gerät Lohse in das Visier der Ermittler, kommt aber wieder auf freien Fuß.

Hier könnt ihr euch den Trailer anschauen:

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Doch im Internet finden Ermittler eine Liste, auf der auch die Politikerin Birte Reimers (Jördis Triebel) als potenzielles Anschlagsziel aufgeführt ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, um Anschläge zu verhindern.

„Tatort“ aus Kiel beschäftigt sich mit „Incel“-Bewegung

Es geht in dem Kieler Krimi weniger um die Frage, wer die Frau getötet hat, sondern um die Frage, warum der Täter zum Mörder wurde. Der Film der mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichneten Regisseurin Nicole Weegmann zeigt in bedrückender Weise auf, wie sich ein eigentlich nicht einmal unsympathischer Parkhaus-Mitarbeiter von Hassbotschaften aus dem Netz („Du nimmst, was Dir biologisch zusteht“, „Du hast keine Angst – vor niemandem. Sie haben Angst vor Dir“) verleiten lässt.

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Neben dem undercover agierenden Ermittler Borowski, der in die Menge grölender Männer abtaucht, und seiner Kollegin Sahin überzeugt vor allem Bundschuh in der Rolle des Außenseiters. Der Zuschauer beobachtet, wie dieser erst schüchtern auf Frauen zugeht, um Vicky (gespielt von Joseph Bundschuhs Schwester Maria Bundschuh) wirbt und nach Ablehnung und Enttäuschungen später dann zum Hass übergeht. Er driftet ab in die „Incel“-Bewegung. Der englische Begriff setzt sich aus „involuntary“ und „celibate“ zusammen und bezeichnet vorwiegend Männer, die unfreiwillig zölibatär leben und Hass auf Frauen sowie auf sexuell aktive Männer entwickeln.

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Der neue Kieler „Tatort“ nähert sich dem Thema aus Sicht der hassenden Männer. „Geisteskranker Schwachsinn“, wie Borowski befindet. Der norwegische Massenmörder und Rechtsextremist Anders Behring Breivik, aber auch die Attentäter von Christchurch und Halle können der Incel-Bewegung zugeordnet werden, wie Regisseurin Weegmann sagt. „Bei rechten Attentätern gehört es quasi fast schon ins Portfolio, dass man eben auch antifeministisch ist.“ In Deutschland stehe diese Bewegung bislang noch nicht sehr im Fokus.

Ihr „Tatort“ versuche, die Dimension dieses komplexen Themas aufzuzeigen, sagt Weegmann. „Das in einem Krimi zu verpacken, ist dabei ein Vorteil, da akzeptieren Zuschauer eher ein Thema, das sie emotional sehr herausfordert.“ Für Borowski-Darsteller Axel Milberg ist in dem Fall interessant zu beobachten, „wie aus einem persönlichen Liebeskummer – ich komme nicht an bei den Mädchen, die ich toll finde – eine Radikalisierung stattfindet“.

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Wegen der Corona-Pandemie mussten die Dreharbeiten im vergangenen Jahr für zwei Monate unterbrochen werden. Für Weegmann eine Premiere: „Normalerweise steht man da auch krank am Set. Ein Film wird einfach nicht abgebrochen, das geht nicht. Corona war für uns alle eine Ausnahmeerfahrung.“

Quelle: dpa