Wo gehören Merkmale wie „Idealgröße 172 cm; schlanke Statur“ zu den Aufnahmekriterien?

Idealgröße 172 cm; schlanke Statur – das sind nicht die Aufnahmekriterien für Models, sondern für die Spanische Hofreitschule.
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An die Zuschauer müssen sich die berühmten Hengste nach einem halben Jahr Corona-Pause erst wieder gewöhnen. Unruhig beäugen manche Lipizzaner trotz beruhigenden Tätschelns ihrer Reiter die ausverkauften Ränge der barocken Halle der Spanischen Hofreitschule in Wien. Einem Hengst gehen dann doch die Nerven durch: Zu Walzerklängen steigt er auf die Hinterbeine und wirft seinen jungen Reiter ab. Bei der Spanischen Hofreitschule gehören Idealgröße 172 cm; schlanke Statur zu den Aufnahmekriterien.

Keine Show mit Levaden und Kapriolen, sondern das echte allmorgendliche Training, was Zuschauer seit dieser Woche wieder zu sehen bekommen, ab Mittwoch nun erstmals auch abends. Ein Experiment, um auch die arbeitende Bevölkerung der Stadt anzulocken, beschreibt die Leiterin der Spanischen Hofreitschule, Sonja Klima. Die über 450 Jahre alte Institution in der Wiener Hofburg muss umdenken, das bisherige Modell funktioniert so nicht mehr.

385.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr, um sich die erhaben auftretenden, steigenden und springenden Pferde und ihre jahrzehntelang ausgebildeten Reiter anzusehen. 9 von 10 Gästen waren Touristen, schätzt die Hofreitschule. Der Städtetourismus liegt in der Corona-Krise indes brach – weniger als ein Viertel der Übernachtungen des Vorjahrs zählte Wien im Juli. So hat auch die Hofreitschule ein Problem: „Es war alles hauptsächlich auf die Touristen ausgelegt und man sieht: Plötzlich sind sie weg und man braucht einen anderen Pla“, sagt Klima.

Traditionen bewahren und Besucher anlocken, für die „Spanische“, so ihr Rufname, eine alte Zwickmühle. Die einst für den Krieg ausgebildeten spanischen Pferde kamen schon im 16. Jahrhundert als Statussymbol nach Wien. Die Eröffnung des prächtigen Reitschulbaus diente schon 1735 dem kaiserlichen Vorführen der eigens gezüchteten Lipizzaner. Und dass die Tradition nach dem Ende der Donaumonarchie 1918 überlebte, verdankte sie vor allem ihrer Öffnung für ein breites Publikum.

dpa