Donald Trump
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Die Nachricht von Trumps Corona-Infektion sorgt nicht nur für neues Chaos im US-Wahlkampf. Sie bietet auch neuen Stoff für Verschwörungstheorien. Online wimmelt es davon, schießen Falschinformationen, Gerüchte und Spekulationen ins Kraut.

Täuscht Donald Trump seine Covid-19-Erkrankung nur vor, oder haben ihn die Demokraten absichtlich infiziert? Die Nachricht, dass sich der US-Präsident und First Lady Melania mit dem Coronavirus angesteckt haben, war noch nicht lange auf dem Markt, da gab es in den sozialen Medien bereits geradezu eine Explosion von Gerüchten, falschen Informationen und Verschwörungstheorien.

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Von Tausenden geteilte Tweets spekulierten, dass die Demokraten es irgendwie geschafft haben könnten, dem Präsidenten bei der jüngsten TV-Debatte mit seinem Rivalen Joe Biden das Virus zu verpassen. Andere mutmaßten auf Facebook, dass Trump seine Krankheit vortäuschen könnte – aus wahltaktischen Gründen oder auch Feigheit. Und natürlich war die Nachricht auch Wasser auf die Mühlen vieler QAnon-Anhänger, die – ohne jeden Beleg – die Theorie verbreiten, dass Trump gegen eine geheime Elite kämpfe, die Kinderhandel betreibe.

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Ermüdet und offenbar mit Fieber wurde Trump am Freitagabend vom Weißen Haus in ein Militärkrankenhaus geflogen. Dort bekam er das Mittel Remdesivir, noch im Weißen Haus hatte er ein experimentelles Antikörper-Gemisch bekommen. Der Präsident, der seit Monaten die Gefahr des Virus heruntergespielt hat, musste vorerst alle Wahlkampftermine aussetzen. In etwas mehr als vier Wochen wird in den USA gewählt.

Seit Monaten umranken den Wahlkampf Corona-Fehlinformationen, krasse Unwahrheiten und absurde Fantasien. Aber nach der Bekanntgabe von Trumps Erkrankung schießen sie noch mehr ins Kraut.

„Das ist sowohl eine politische Krise nur Wochen vor der Wahl als auch eine Gesundheitskrise, es ist ein perfekter Sturm“, sagt Professorin Alexandra Cirone von der Cornell University, die sich speziell mit der Rolle von Falschinformationen in der Politik beschäftigt.

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Allein bis zum Freitagmorgen hatten schon fast 30 000 Nutzer Tweets mit verschiedenen Verschwörungstheorien über Trumps Krankheit weitergeleitet, wie eine Analyse der Firma VineSight ergab, die Falschinformationen im Internet beobachtet. Ungefähr 10 000 dieser Retweets warben dem Unternehmen zufolge für Hydroxychloroquin als Behandlungsmittel für den Präsidenten. Weitere 13 000 bezogen sich auf eine QAnon-Verschwörungstheorie, nach der sich der Präsident in Quarantäne begeben habe, während Massenfestnahmen von prominenten Politikern wie Trumps Wahlrivalin von 2016, Hillary Clinton, vonstatten gingen.

Die meiste Kommunikation stammte von nicht verifizierten Twitter-Konten, so VineSight-Topmanager Gideon Blocq. „Viele von ihnen scheinen sehr glücklich darüber zu sein, was passieren wird, denn sie glauben, dass Hillary Clinton festgenommen wird“, sagt er über die QAnon-Accounts.

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Falschdarstellungen würden aber nicht nur in den Randzonen des Internets verbreitet, sondern auch von alltäglichen Nutzern sozialer Medien, notiert Shane Creevy von der in Irland beheimateten Firma Kinzen, die ebenfalls Online-Fehlinformationen verfolgt. „Sogar unter regulären Nutzern sehen wir ziemlich viel verrücktes Denken, propagiert von Leuten, die es besser wissen sollten.“

Manche posteten, die Covid-19-Diagnose sei ein Schwindel – mit dem Ziel, Mitgefühl bei den Wählern zu erwecken oder vielleicht auch, um sich um die nächste TV-Debatte mit Biden herumzudrücken. Diese Spekulation tauchte auch in Facebook-Kommentaren zu Nachrichten über den infizierten Trump auf. „Es ist eine Lüge“, schrieb ein Nutzer und sprach von einer „Strategie, um nicht mehr mit Biden debattieren zu müssen“. Ähnliche Beiträge mit dieser grundlosen Behauptung wurden Hunderttausende Male online geteilt. Bei Twitter stellte ein Nutzer die Frage, ob Trump Covid nur vortäusche – aus narzisstischen Gründen, weil er die Blamage einer Wahlniederlage vermeiden wolle.

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Die Nachricht über Trump könne auch von ausländischen und einheimischen Internet-Aufhetzern für eine gezielte Desinformationskampagne ausgenutzt werden und öffne die Tür für eine unabsichtliche Verbreitung von Falschinformation, warnt Professorin Cirone. Sie erwartet, dass Internet-Nutzer Videoclips von hustenden oder krank erscheinenden Politikern teilen werden, um damit den Eindruck zu erwecken, dass sie positiv auf Corona getestet worden seien.

Tatsächlich haben Nutzer in sozialen Medien bereits eine ähnliche Strategie verfolgt, indem sie einen Videoausschnitt mit einem hustenden Biden bei einem Wahlkampfauftritt am Mittwoch in Pennsylvania verbreiteten. Es tauchte dann am Freitag erneut auf, wurde bis zum Morgen mehr als 160 000 Mal angeschaut, und Nutzer spekulierten, dass Biden entweder Trump infiziert oder sich während der Fernsehdebatte beim Präsidenten angesteckt habe. Tests bei Biden und seiner Frau fielen am Freitag negativ aus.

„Einzelne Bürger sollten nicht zum Verstärker von jedweden Spekulationen werden“, so Cirone. „Ruchlose Akteure setzen auf die Wahrscheinlichkeit, dass Bürger sehr besorgt sein werden und unbeabsichtigt falsche Nachrichten verbreiten.“

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Vielleicht war eine Geschichte, die der staatlich unterstützte russische Fernsehsender RT tweetete, ein Vorbote dessen, was bevorsteht. Darin wurde angedeutet, dass Bidens Husten während der Debatte im Licht von Trumps Testergebnis besorgniserregend für den demokratischen Spitzenkandidaten sei. Vor der Wahl 2016 hatte Russland online eine Desinformationskampagne mit unechten Konten in sozialen Medien gestartet, um Wählermeinungen zu beeinflussen – und es gibt Anzeichen, dass der Kreml erneut aktiv ist.

Quelle: dpa