Kantenhocker Bücherregal
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Wenn die Figuren der Volkskunst der Wirklichkeit entsprechen, dann haben Nichtraucher im Erzgebirge schlechte Karten. Lehrer, Postbote, Zahnarzt, Polizist – glaubt man den Herstellern der traditionellen Räuchermännchen, dann frönen alle Berufsstände in Südsachsen hemmungslosem Pfeifenkonsum. Die fröhlichen Sünder können es aber auch nicht besser wissen: Sie sind im Inneren ziemlich hohl. Sonst könnte der Qualm der Räucherkerze nicht so ungehindert aus dem Mund entweichen und wohligen Weihnachtsduft im Wohnzimmer verbreiten.

Räuchermännchen, Nussknacker und Pyramiden gehören spätestens seit dem 19. Jahrhundert zu einem gutdeutschen Weihnachtsfest wie der geschmückte Christbaum. Inzwischen gibt es das Räuchermännchen auch als Kantenhocker – also eine Art Figur, die auf der Kante „hockt“. „Diese sitzende Figur eignet sich als ganzjähriges Dekorationsobjekt im Bücherregal oder auch auf anderen Möbelstücken“, sagt Peter Gräfe, Verkaufsleiter bei KWO.

Dieser Siegeszug war kaum abzusehen, als vor rund 300 Jahren die ersten unbeholfenen Figürchen entstanden. Ihre Schöpfer mussten sich von Grob-auf Feinmotorik umstellen: Bergleute, die nach einer neuen Existenzgrundlage suchten, als das Erz, das der Region den Namen gegeben hatte, zur Neige zu gehen drohte.

Zur Atmosphäre in der DDR konnten die Drechsler und Schnitzer wenig Erhellendes beitragen. Die Figuren waren Devisenbeschaffer und blieben daheim eine Mangelware. Nach der Wende herrschte deshalb in Ostdeutschland ein großer Nachholbedarf. „Inzwischen ist aber eine gewisse Sättigung eingetreten“, sagt Dieter Uhlmann, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller in Olbernhau. Vor allem fehle es unter den Fans an Nachwuchs.

Mit neuen Gestaltungsideen soll nun verstärkt ein jüngeres Publikum angesprochen werden. Die Räuchermännchen der jüngsten Generation sitzen am Computer, halten ein Handy in der Hand und sind auch gesundheitlich voll auf der Höhe der Zeit: Bei ihnen raucht statt einer Pfeife der ganze Kopf – wegen der intensiven Denkarbeit.

Mittlerweile sind auch Rauchfrauen im Angebot, bei denen dann Klöße oder Kuchen auf einem Teller dampfen. Die Frauenbewegung hätte sich freilich einen etwas konsequenteren Schritt gewünscht: „Ich empfehle den Firmen immer wieder, Frauen in gestandenen Berufen darzustellen. Es gibt doch auch Lehrerinnen und Ärztinnen“, sagt Johanna Petzoldt, die an den Hackeschen Höfen in Berlin einen Laden mit Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge betreibt.

Auf einem guten Weg bei der Verjüngung des Räuchermännchens sieht sich auch die KWO Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau GmbH. Sie hat vor zwei Jahren die Serie „Die Dicken“ ins Programm aufgenommen, bei der nicht nur die Pfeife, sondern auch eine enorme Leibesfülle für Gemütlichkeit sorgen soll.

Bis zu drei Viertel des Umsatzes machen die Holzkünstler in der Vorweihnachtszeit. Auch hier tut Entzerrung Not, um die Beschäftigung in den Betrieben zu verstetigen. Die erst nach der Wende entstandene Firma Erzi aus Grünhainichen etwa hat zwar auch Engel und Sternsinger im Programm. Präsent ist sie aber vor allem in Kinderzimmern, wo sie für die Bestückung der Kaufläden mit „Lebensmitteln“ aus Holz sorgt.

So wie Erzi nur Feinkost der höchsten Preislage liefert, muss auch die im gleichen Ort beheimatete Firma Wendt & Kühn keine Verwechslung mit billigeren Fernost-Kopien fürchten. Bekannt ist das Unternehmen für seine Engelsmusikanten, deren Markenzeichen elf weiße Punkte auf jedem der grünen Flügel sind. Rund 50 der musikalischen Überflieger sind inzwischen im Programm, jeder mit einem anderen Instrument. Pro Jahr kommen zwei Neuzugänge auf den Markt, die bei Sammlern reißende Abnahme finden. Der Handel müsse wegen der großen Nachfrage jedes Jahr gebeten werden, sein Auftragsvolumen zu reduzieren, sagt Tobias Wendt, Juniorchef des Unternehmens. Auf einen Engel mit Handy wird man angesichts dieser Marktposition wohl noch lange warten müssen.

Quelle: dpa