Foto: dpa/Freiwillige Feuerwehr Dülmen
Foto: dpa/Freiwillige Feuerwehr Dülmen

Es ist nur ein leerer Raum. Ein kleiner leerer Raum mit einem Stuhl und einem Dachfenster. Und doch beginnen manche Leute hier zu weinen. Sie sind von weit hergekommen, um dieses Zimmer zu sehen. Die Dachkammer in Auvers-sur-Oise, in der Vincent van Gogh vor 125 Jahren starb.

Sonntag, der 27. Juli 1890, war ein heißer Sommertag. Deshalb fiel es gleich auf, als sich der Holländer abends mit zugeknöpfter Jacke auf sein Zimmer im Gasthof Ravoux schleppte. „Er hielt sich den Bauch und hinkte irgendwie“, erinnerte sich später einer der Gäste. Der Wirt Gustave Ravoux fand die Sache merkwürdig und stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, so wie dies auch die Besucher heute tun. Da lag Vincent schmerzverkrümmt auf seinem Bett. Was ihm fehle? „Je me suis blessé“, war die Antwort. „Ich habe mich verletzt.“ Er hatte eine Kugel im Bauch.

Ein paar Jugendliche hatten Spaß daran, den „Irren“ zu piesacken. Sie schütteten ihm Salz in den Kaffee und steckten ihm eine Grasschlange in seinen Malkasten – worüber er furchtbar erschrak. Rädelsführer war der 16 Jahre alte René Secrétan, Sohn reicher Leute aus Paris, der in Auvers seine Ferien verbrachte. Er liebte es, in einem Cowboykostüm herumzustolzieren, das er sich bei einem Auftritt des legendären Westernhelden Buffalo Bill in Paris gekauft hatte. Dazu gehörte auch eine echte Pistole.

Van Gogh nannte ihn „Buffalo Bill“, was durch seinen Akzent aber eher klang wie „Puffalo Pill“. Secrétan revanchierte sich, indem er den Maler als „treuen Liebhaber der Handarbeit“ verspottete, seit er ihn einmal in einem Wäldchen beim Masturbieren überrascht hatte. Noch 1956, als 82-jähriger Greis, erinnerte sich Secrétan: „Unser Lieblingsspiel bestand darin, ihn wütend zu machen.“ Irgendwann habe van Gogh wohl seine herumliegende Pistole gefunden und an sich genommen.

Gegen Abend verschlechterte sich Vincents Zustand dramatisch. Sein Gesicht wurde kalkweiß, und er bekam keine Luft mehr. Theo hielt ihn im Arm. Tief in der Nacht, es war schon der 29. Juli angebrochen, flüsterte ihm Vincent zu: „So möchte ich sterben.“ Es waren seine letzten Worte, eine halbe Stunde später war er tot. Er war 37 Jahre alt geworden. Der syphiliskranke Theo überlebte ihn nur um ein halbes Jahr. Auf dem Friedhof von Auvers liegen die beiden Brüder nebeneinander begraben. Auf dem Grab wächst Efeu aus dem Garten von Dr. Gachet. Direkt dahinter rauschen die Weizenfelder, in denen sich Vincent die tödliche Verletzung zugefügt hatte.

Quelle: dpa