Kapitol in Washington
Foto: Alex Brandon/AP/dpa

So viele Wählerstimmen Vorsprung hat es schon lange nicht mehr gegeben: Nach derzeitigem Stand der Zählungen liegen die Demokraten mit Joe Biden bei 50,8 Prozent, während Donald Trumps Republikaner auf 47,7 Prozent kommen. Das bedeutet 77,5 Millionen zu 72,3 Millionen Stimmen des amerikanischen Wahlvolks. Und der Abstand dürfte sich noch vergrößern, wird doch in demokratischen Hochburgen wie Kalifornien und New York immer noch gezählt.

Doch so richtig Freude macht das nicht allen Demokraten. Denn die Rekordstimmenzahl schlägt sich nicht direkt in der politischen Macht nieder. Zwar dürfte Biden der Sieg bei der Präsidentenwahl und damit der Einzug ins Weiße Haus im Januar nicht mehr zu nehmen sein, aber im Kongress haben die Demokraten zu knabbern. Schuld daran ist das „The winner takes ist all“-Prinzip: Hat ein Kandidat in einem Staat die Mehrheit der Stimmen, erhält er alle dortigen Wahlmänner.

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Im Repräsentantenhaus verloren sie mindestens acht Sitze, auch die Hoffnungen, die Mehrheit im Senat zurückzuerobern, haben sich zunächst zerschlagen. Offen sind jetzt noch zwei Stichwahlen in Georgia, die den Demokraten zumindest ein Patt bescheren könnten. Und in den Einzelstaaten gab es auch Dämpfer.

„Politische Macht bemisst sich nicht an den Wählerstimmen“

Der Knackpunkt: Die Partei vermag zwar einen Zustrom an Anhänger- und Wählerschaft zu vermelden. Doch solange sich die Stimmen auf die Küsten oder Groß- und Vorstädte konzentrieren, lassen sie sich nicht in die Kongresssiege umrechnen, die die Demokraten brauchen, um ihre Politik ohne massive Hürden durchzusetzen.

Als „strukturelle Herausforderung“ beschreibt das die demokratische Strategin Rebecca Katz. Diese stehe der politischen Macht der Mehrheit der Amerikaner im Wege. „Es ist ein Problem“, betont sie.

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Andere sprechen von notwendiger Kontrolle der politischen Macht, wie sie von den Gründervätern vorgesehen worden sei. Das Wahlsystem der USA basiert teils auf der Geografie des Landes. So hat Wyoming, mit seinen 500.000 Einwohnern genauso viele Senatssitze wie Kalifornien mit einer Population von 39 Millionen.

„Die politische Macht bemisst sich nicht an den Wählerstimmen“, sagt der demokratisches Stratege Simon Rosenberg. „Was wir besser hinkriegen müssen, ist nicht einfach mehr Stimmen zu gewinnen, sondern in mehr Teilen jedes Staates und in mehr Staaten zu gewinnen.“

Republikanische Wähler gleichmäßiger verteilt

Im Laufe der Zeit scheint die Herausforderung nur noch größer geworden zu sein. Im Jahr 2000 gewann der Republikaner George W. Bush die Präsidentenwahl mit der Mehrheit der Wahlmänner und -frauen, obwohl die Amerikaner sich mehrheitlich für den Demokraten Al Gore ausgesprochen hatten. Der Abstand war relativ knapp, 0,5 Prozentpunkte. Mit Ausnahme von 2004 konnten dann die demokratischen Präsidentschaftsbewerber erneut jeweils die meisten Stimmen auf sich vereinen, auch 2016, als Hillary Clinton mit rund 2,9 Millionen Stimmen oder zwei Prozentpunkten vor Donald Trump lag – und trotzdem verlor.

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Während der Präsidentschaft Trumps hat sich die Polarisierung innerhalb der Wählerschaft dann offenbar noch einmal verschärft. So kam Trump etwa bei weißen Wählern ohne Hochschulabschluss gut an, einer Gruppe, die recht gleichmäßig über die einzelnen Staaten verteilt ist. Die Demokraten verbuchen Sympathien stärker bei Hochschulabsolventen, die eher in den großen Städten wohnen. Dort sind auch eher Schwarze, Latinos und andere ethnische Minderheiten zu finden, die stärker demokratisch wählen.

Die Kluft zwischen Mehrheit und tatsächlicher politischer Macht bereitet indes selbst denen Sorgen, die davon profitieren. „Die Republikaner können das abtun, weil es sich für sie auszahlt“, sagt der Politstratege Liam Donovan in Washington, selbst Republikaner. Auf lange Sicht sei aber für die Gesundheit der Partei und des Landes zu hoffen, dass sich Siege nicht auf einen immer mehr schwindenden Rückhalt stützen.