Foto: Shutterstock / Menna
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In diesem Jahr gibt es Grund zur Freude für die Fußballfans: Der „Kicker“ feiert 2020 seinen 100. Geburtstag. Die erste Ausgabe des Magazins erschien am 14. Juli 1920 und damit ist der „Kicker“ sogar 43 Jahre älter als die Bundesliga.

Mit geradezu kindlicher Freude stemmte Robert Lewandowski am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga das Holzbrett mit einer darauf montierten Kanonen-Miniatur in die Höhe.

Was aussieht wie ein antiquarisches Spielzeug, ist eine der begehrtesten Trophäen der Liga, die jeder Fußballfan kennt. Die berühmte Torjäger-Kanone gehört genauso zur Bundesliga wie der „Kicker“ selbst, der die Auszeichnung an den Torschützenkönig vergibt.

Die etwas altertümlich wirkende und zugleich begehrte Trophäe passt zum «Kicker», der am 14. Juli 1920 erstmals erschien und trotz seiner 100 Jahre quicklebendig ist. Das Fachmagazin, älter als die Liga selbst und älter als mancher Verein, hat den digitalen Wandel besser und erfolgreicher umgesetzt als viele andere Blätter.

Der Online-Auftritt und die App sind längst wichtiger als die zweimal in der Woche erscheinenden Papierausgaben. „Etwa zwei Drittel der Erlöse stammen aus dem Digitalen“, sagt Chefredakteur Jörg Jakob.

Uli Hoeneß ist also eher die Ausnahme. „Ich nehme den ‚Kicker‚ in die Hand, wenn ich ihn lese“, sagte der Aufsichtsrat des FC Bayern in einer ARD-Dokumentation. Hoeneß, als Spieler und Funktionär eines der wichtigsten Berichterstattungsobjekte, versicherte: „Ich bin nicht online im ‚Kicker‚.“

Hoeneß liest also eines der knapp mehr als 110 000 gedruckten Exemplare, die montags und donnerstags erscheinen – das ist ungefähr ein Drittel der besten Auflagenzahlen früherer Jahre. Der Bayern-Patron gehört nicht zu den rund 2,5 Millionen täglichen Nutzern, die den «Kicker» zu einem der zehn reichweitenstärksten Onlinemedien Deutschlands machen.

Auch bei der Notwendigkeit der digitalen Transformation ist der „Kicker“ – wie in einigen anderen Bereichen – ein Spiegelbild der deutschen Geschichte. Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gründete Walther Bensemann in Konstanz die Fußball-Zeitschrift – und musste sie 1933 unfreiwillig verlassen.

Die Machtergreifung des Nazis blieb auch für den „Kicker“ nicht ohne Folgen. „Bensemann bekam von der ersten Stunde an zu spüren, dass er aufgrund seiner jüdischen Abstammung in Deutschland nicht mehr erwünscht war“, schreibt das Blatt in seiner Chronik. Der Gründer flüchtete in die Schweiz.

Durchaus selbstkritisch schreibt das Blatt heute: „Ohne Kommentar, kurz und stillos, meldete der ‚Kicker‚ eineinhalb Jahre später, am 13. November 1934, dass Bensemann am Tag zuvor verstorben sei und einen Tag später in Montreux beerdigt werde.“

Im September 1944 begann die kriegsbedingte Zwangspause, ehe es im November 1946 mit der Zeitschrift „Sport“ im neu gegründeten Olympia-Verlag in Nürnberg weiterging. 1951 erschien wieder „Der Kicker“, zunächst als Konkurrenz aus München, ab 1968 als fusioniertes Heft.

Trotz Neuerungen wie der Torjäger-Kanone Mitte der 60er oder später der Steck-Tabelle in den Sonderheften zum Bundesligastart, mit der Generationen von Fans groß wurden, haftete dem „Kicker“ lange ein altbackenes Image an. Zur konservativen Erscheinung passte, dass sich das Fachblatt lange Zeit gegen Frauenfußball aussprach.

Der „Kicker“ hat sich längst gewandelt, nicht nur technisch – 1997 ging er online, 2008 startete eine eigene App. Und doch ist er sich treu geblieben. Das Fachmagazin berichtet weiterhin eher klassisch, verzichtet auf Boulevard-Elemente und ist im Netz mit unaufgeregtem Journalismus erfolgreicher als viele effekthaschende Konkurrenten.

„Wir wollen unserem Markenkern immer treu bleiben“, sagt der Chefredakteur. «Wenn wir eine rote Linie überschreiten, kriegen wir das von unseren Lesern sofort um die Ohren gehauen», berichtet Jakob. Das gelte etwa, wenn „zu flapsig oder zu seicht“ geschrieben werde.

Das schätzt nicht nur Hoeneß, der sagte: „Beim Kicker ist der Fußball im Zentrum der Berichterstattung. Und es ist ihnen ziemlich wurscht, ob ein Spieler ein goldenes Kalbsteak gegessen hat oder nicht.“ Damit hat Hoeneß allerdings nicht ganz recht. „Wir haben über Ribérys Goldsteak natürlich berichtet und sogar kommentiert“, sagt Chefredakteur Jakob. „Aber wir gehen an solche Themen anders als andere heran und eben nicht boulevardesk.“

Quelle: dpa