Rippel Rippelmarken Ebbe Meer
Foto: Nicole Jankowski/dpa

Völlig losgelöst. So fühlt es sich an. Mitten im Watt liegen die Küsten der drei Nordseeinseln endlos weit entfernt: 3,5 Kilometer bis Sylt, 4 Kilometer bis Föhr, 3 Kilometer bis Amrum. Auch nach 20 Jahren im Watt packt diese Freiheit den Amrumer Dark Blome. Sogenannte Rippelmarken nennt begegnen sich übrigens oft bei Ebbe am Meer.

Neun Menschen sind es an diesem Morgen im Mai, die von der Ortsmitte in Norddorf auf Amrum bis nach Dunsum auf der Nachbarinsel Föhr laufen wollen. Neben dem Haus, in dem er geboren wurde, wartet Blome um 8.00 Uhr auf seine Gäste.

Schnell noch ein letzter Biss ins Frühstücksbrötchen vom Inselcafé Schult. Dort hat der gelernte Bäcker selbst mal gearbeitet. Schon lange aber sind die Wanderungen durchs Watt sein Broterwerb. Fast 350 Tage im Jahr ist Blome, nach eigenen Angaben der einzige anerkannte Nationalpark-Wattführer auf Amrum, in dem Unesco-Weltnaturerbe unterwegs.

14 Kilometer hat der 56-Jährige für die heutige Tour veranschlagt. Ein sportliches Programm. Statt auf der direkten Route Richtung Föhr will Blome die Gruppe in einem Schwenk über die Kormoraninsel führen, einer großen Sandbank vor den Küsten der Inseln Amrum, Sylt und Föhr. Die Luft ist weich, aber der Wind frisch. Noch zeigt sich der Himmel grau in grau.

Die ersten drei Kilometer bleiben die Schuhe an: Auf einem Asphaltweg zwischen den Marschwiesen hindurch geht es Richtung Deich. Blome streut Wissenswertes über Vergangenheit und Gegenwart ein: die historische Entstehung der Insel durch eine Eiszeit, das aktuelle Problem mit den brütenden Nonnengänsen.

Wer sich ins Watt begibt, sollte das nur mit einem kundigen Wattführer tun. Dieser kennt sich aus, weiß, wie Wetter, Ebbe und Flut den Weg beeinflussen, und kann einen gefahrlos von einer Insel zur anderen bringen. Dark Blome nimmt es auch nach unzähligen Jahren im Watt genau. Kartenmaterial und Kompass hat er in seinem Rucksack verstaut. Und für den Fall der Fälle einen zusätzlichen Ersatzkompass dabei. Der Start der Führungen variiert je Zeitpunkt von Ebbe und Flut: Rund zwei Stunden vor Niedrigwasser startet die Wanderung.

Für einige Teilnehmer ist heute Premiere, andere sind Wiederholungstäter. Bei Blome laufen nicht mehr als 35 Personen mit. So hat er genug Zeit für jeden Einzelnen. Der geschützte Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen wirft jedes Mal andere Fragen auf. Dass die spaghettiartigen Sandhäufchen auf dem Meeresboden von Wattwürmern stammen, ist für Nordseeküsten-Urlauber fast Allgemeinbildung.

Bei jedem Schritt graben sich die Zehen in den feinen Sand. Doch nicht überall hat sich das Meer komplett zurückgezogen. Beim Gang durch den großen Priel vor Amrum ist barfuß nicht genug. Als Priel wird ein Wasserlauf im Watt bezeichnet.

Also ein kurzer Zwischenstopp zum Hochkrempeln der Hose. Wer sichergehen will, zieht sie einfach aus. Konzentriert folgt die Gruppe Blome, der zielstrebig durch das graue Einerlei der Nordsee läuft. Immer wieder spritzen kleine Wellen bis an die Oberschenkel. 12 Grad Wassertemperatur sind weniger unangenehm als gedacht. Hineinplumpsen möchte trotzdem niemand.

Der Blick bleibt auf den Boden gerichtet. Jetzt kommen die Muschelbänke, warnt Blome. Verstreut liegen große und kleine Exemplare scharfkantiger Austern auf dem Boden. Keiner will eine Schnittwunde riskieren. Gleichzeitig erfasst man durch den Blick nach unten einen beeindruckenden Aspekt dieser Lebenswelt. Der Meeresboden zeigt immer andere Wellenzeichnungen. Große Wellen, kleine Rillen, enge Rippel – ein natürliches Kunstwerk in reduzierten Farben.

Quelle: dpa