Frikadellen
Foto: GSDesign/shutterstock

Das Österreichische Wörterbuch ist mittlerweile rund 70 Jahre alt geworden. Geburtstag hat damit der „Versuch, Österreich sprachlich eine Identität zu geben“. „Wir wollen die tatsächlich gesprochene Sprache abbilden und nicht urteilen, ob diese oder jene Variante sprachlich besser oder schlechter ist“, schildert Ulrike Steiner als Redakteurin des Wörterbuches die Bemühungen. Mit dem vom Bildungsministerium herausgegebenen Standardwerk für alle Schulen und Behörden solle aber auch gegen den „Einheitsbrei, der aus Deutschland zu uns überschwappt“, angegangen werden, ergänzt ihr Kollege Herbert Fussy.

Es handelt sich nicht um ein Dialektwörterbuch, sondern um eine Momentaufnahme des österreichischen Deutsch. Und das unterscheidet sich vom „deutschen Deutsch“ beträchtlich. Nicht nur durch den in die gerade erschienene neue Auflage aufgenommenen Heckenklescher (minderwertiger Wein) oder den Bitzler (zorniger Mensch). Wenn man im Wirtshaus picken geblieben ist (hängen geblieben), obwohl der Kellner einen nicht einmal ignoriert (unbeachtet gelassen) hat, wird das Verständnis für deutsche Nordlichter schon schwieriger.

Und dann erst im Gasthaus, wenn das Service (die Bedienung) das Cola nicht bringt. Die Speisekarte bietet Russen (marinierte Heringe), Frankfurter (Wiener Würstchen), Eintropfsuppe (Brühe mit Einlage), Fleischlaberl mit Erdäpfelpüree (Frikadellen mit Kartoffelbrei). Beliebt sind auch der Lungenbraten mit Heurigen und Kohlsprossen (Filet mit Frühkartoffeln und Rosenkohl), das Selchkarree mit Fisolen (Schweinerücken mit grünen Bohnen) oder das Salonbeuschel (Kalbslunge und Kalbsherz). Zur Verdauung gibt es dann noch einen Beuschelreißer (starker Schnaps).

Das österreichische Deutsch hat es trotz aller amtlichen, schulischen und wissenschaftlichen Anstrengungen schwer. Es fehle das „sprachliche Selbstbewusstsein“, hat die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak von der Universität Wien herausgefunden. „Es herrscht das falsche Gefühl vor, wir sprechen nicht richtig.“ Demgegenüber hielten die Schweizer ihr Schyzerdütsch stolz hoch. In Österreich herrsche dagegen ein „latentes Minderwertigkeitsgefühl gegenüber dem Hochdeutschen, obwohl es schon besser geworden ist“.

Ein Blitzgneißer (Schnelldenker) muss nicht unbedingt sein, der weiß, dass Pölster Kissen, die Verlassenschaft ein Erbe, der Häfen das Gefängnis und der Haberer ein Freund ist. Der Arzt röntgenisiert, die Putzfrau glättet die einfärbige Tuchent (die einfarbige Bettdecke) und viele Politiker stehen im Verdacht, zu packeln (mauscheln). Man wohnt am (auf dem) Land und kauft um (für) 100 Schilling bei (an) der Kassa (Kasse). Bargeldlos wird die Rechnung jedoch mit dem Erlagschein (Zahlschein) beglichen.

Beim Fleischhauer (Metzger) bestellt man Faschiertes (Gehacktes) ebenso in Deka (10 Gramm) wie beim Greißler (Tante Emma-Laden) Malanzani (Aubergine) oder Ribisel (Johannisbeere). „Wir Österreicher sind zweisprachig“, lautet ein verbreitetes Bonmot.

Quelle: dpa