Walzer
Foto: Shutterstock/fizkes

Discofox und Walzer liegen wieder neu im Trend – viele Schüler machen einen Tanzkurs. Für die Jugendlichen ist der Kurs wichtiger Treffpunkt und Ausgleich. Die Tanzschulen mussten sich im Vergleich zu früher aber umstellen.

Wenn Thimo Thress die Musik aufdreht, verschwinden die Smartphones in den Hand- und Hosentaschen. Unaufgefordert. Denn alle wissen: In den nächsten 75 Minuten zählt nur das Gegenüber. Und vielleicht die richtige Schrittabfolge in den Beinen. Beim langsamen Walzer soll hier vor allem ein imaginärer Bierkasten helfen.

An vier Abenden pro Woche können 14- und 15-Jährige im Düsseldorfer Stilwerk zum Standard-Tanzkurs gehen. Manche kommen sogar zu allen Terminen. Denn Tanzen liegt bei Jugendlichen im Trend.

Valentina und Colin kommen aus Erkrath und machen seit September mit. Tanzlehrer Thimo Thress habe in ihrer Schule Werbung für den Tanzkurs gemacht. Die beiden 15-Jährigen hatten sofort Interesse. „Viele meiner Mitschüler kommen auch regelmäßig“, sagt Colin. „Man lernt hier auch immer viele neue Leute kennen“, sagt Valentina. Ein Grund für sie, zu kommen. An diesem Abend sind etwa 50 Jugendliche im Tanzkurs.

Das Interesse am Tanzen, sagt Margret Hey vom Landesverband NRW des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes, sei immer da gewesen. Eine Delle habe es nach Einführung des achtjährigen Gymnasiums gegeben. „Davon haben wir uns aber wieder erholt“, sagt sie. Jedes Jahr sei sie erstaunt, wie viele sich als Debütanten etwa für den Semperopernball in Dresden bewerben. Auch Schulen fragten immer wieder beim Verband an, mit der Bitte, Tanzlehrer in den Sportunterricht zu schicken, um den Schülern erste Schritte beizubringen. Die allgemeine Meinung sei, dass Tanzen einfach zur Kultur dazugehört, schildert Hey ihren Eindruck.

Dass es beim Tanzkurs nicht nur um die Schritte geht, das weiß auch Roman Frieling, Leiter der gleichnamigen Tanzschule, die die Kurse im Stilwerk und an drei anderen Standorten in der Umgebung anbietet. Und das soll es auch gar nicht. Der Tanzkurs ist für ihn Ort der Begegnung, Schule fürs Leben und Treffpunkt, um gemeinsam eine gute Zeit zu haben. „Da passieren schon magische Momente bei uns“, sagt Frieling. Das erste Mal Auffordern zwischen Jungen und Mädchen zum Beispiel. Oder auch die Erkenntnis, dass ungeduscht und mit Dönerfahne zum Tanzen zu kommen eher uncool ist – Lernen aus dieser Erkenntnis eingeschlossen.

Der Kurs hat auch etwas Verbindendes. Auf Zuruf vom Tanzlehrer werden immer wieder die Partner gewechselt. Tanzte der große, schlanke Junge mit den weiß-polierten Marken-Turnschuhen gerade noch mit dem schüchternen Mädchen mit blondem Pferdeschwanz und Rollkragenpullover, hat er kurze Zeit später die schwarzhaarige, dunkel geschminkte Docmartens-Trägerin mit Nietengürtel und zerschlissener Jeans im Arm. Das Pferdeschwanz-Mädchen hingegen tanzt jetzt mit einer stark geschminkten Altersgenossin mit langem, glattem Haar und Bauchfrei-Top. Ein kurzer Handschlag und schon steigen sie in ein Gespräch über den vergangenen Schultag ein, während die Füße quasi von selbst im Takt bleiben. Auf dem Schulhof hätten sie vielleicht nicht zusammengefunden.

Damit die Schüler trotz Schulstress zum Tanzen gehen können, musste die Tanzschule sich anpassen. „Wir machen nicht mehr nur einen Termin pro Woche, an dem alle kommen müssen, sondern vier, bei denen die gleichen Schritte gelernt werden“, sagt Roman Frieling. Außerdem fangen die Kurse etwas später an. Denn durch Nachmittagsunterricht und Hausaufgaben könnten viele Schüler nicht vor 19.00 Uhr zu einem Kurs kommen.

Für Schülerin Valentina ist der Tanzkurs wichtiger Teil der Woche. Sie sieht ihn auch als sportlichen Ausgleich zum langen Sitzen auf der Schulbank. Denn es gibt auch sportliche Aspekte, die für so einen Kurs sprechen. „Beim Tanzen werden ganz verschiedene Dimensionen von Training verbunden“, sagt Dr. Denise Temme, Juniorprofessorin am Institut für Tanz und Bewegungskultur an der Sporthochschule Köln. Da gehe es um Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination. Das Training werde dabei aber meist nicht als solches wahrgenommen, sondern falle hinten ab.

„Das Besondere beim Tanzen ist auch, dass das funktionale Element nicht im Vordergrund steht“, sagt Temme. Während es beim Joggen oder Fitnesstraining meist darum geht, den Körper zu formen und Gewicht zu verlieren, steht beim Tanzen das Körpergefühl im Mittelpunkt. Nicht die Körperform sei entscheidend, sondern was man mit ihm machen kann und wie sich das anfühlt. „Dabei kann man viel über sich selbst lernen.“ Zum Paartanz gehört auch, sich anderen zu zeigen. Gerade Jugendliche könnten so herausfinden, womit sie sich wohlfühlen und was sie unangenehm finden.

Tanzen ist für Denise Temme ein Kontrast zur leistungsorientierten Welt. Denn Multitasking ist hier nicht möglich. Der Tanz lebe davon, dass sich beide Partner vollständig beteiligen. „Da muss man mal für eine Stunde alles abschalten“, sagt sie. Auch das Smartphone, das ja sonst der ständige Begleiter ist.

Quelle: dpa