Nil
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Beim Wort Nil denken die meisten gleich an Ägypten. Dabei entspringt der längste Fluss Afrikas – und der Welt – in Äthiopien und Uganda und fließt dann durch insgesamt elf Länder. Seit Jahren erregt ein Staudamm-Projekt in Nordäthiopien die Gemüter. Ein Abkommen soll nun Frieden bringen – aber wie?

In den vergangenen Tagen kam es in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba immer wieder zu längeren Stromausfällen. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, denn an Elektrizitätsprobleme sind die Menschen in dem ostafrikanischen Land schon lange gewöhnt. Aber die Ausfälle häuften sich just zu dem Zeitpunkt, als sich Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi zu einem offiziellen Besuch in der Stadt aufhielt. Beobachter meinten lächelnd, die Regierung wolle ihm wohl unmissverständlich klar machen, wie dringend Äthiopien den umstrittenen Grand-Renaissance-Staudamm an der Grenze zum Sudan wirklich benötigt.

Das Mega-Projekt entsteht derzeit am Oberlauf des Blauen Nils im Nordwesten Äthiopiens. Sobald alle angeschlossenen Wasserkraftwerke in Betrieb gegangen sind, soll der 3,2 Milliarden Euro teure Damm 6000 Megawatt Strom erzeugen – so viel wie fünf Atomkraftwerke. Damit kann das wirtschaftlich aufstrebende Äthiopien nicht nur seinen eigenen Strombedarf decken, sondern sich auch zu einem der wichtigsten Stromexporteure der Region entwickeln. Im Herbst 2017 soll der Staudamm eingeweiht werden.

Zu den Kunden könnten etwa Kenia, Uganda, der Sudan und Ägypten gehören. Mit letzteren beiden Nil-Anrainer-Staaten hat Äthiopien nun vor wenigen Tagen ein Grundsatzabkommen unterzeichnet, mit dem ein seit Jahren köchelnder Streit um das Nilwasser beigelegt werden soll. Kairo hatte zuvor teilweise bedrohliche Töne angeschlagen und sogar das Wort „Krieg“ benutzt. Hintergrund ist die für den Dammbau geplante Verlegung des Blauen Nils um einige hundert Meter.

Erst vor wenigen Wochen hatte der äthiopische Minister für Wasser und Energie, Alemayehu Tegenu, in einem Interview klargemacht, dass sein Land sich durch nichts und niemanden von dem Vorhaben abbringen lassen wird. „Äthiopien wird niemals ein anderes Land um Erlaubnis für seine Entwicklungsprojekte bitten“, sagte er. Äthiopien sei ein unabhängiges Land, werde sich aber stets bemühen, anderen Ländern keinen „deutlichen Schaden“ zuzufügen, setzte er versöhnlich nach.

Aber Ägypten bangt um die Zukunft seiner Wasserversorgung. Der Wüstenstaat profitiert als Mündungsland des Nils am meisten von der Lebensader – mit dem 1971 gebauten Assuan-Staudamm haben die Ägypter selbst ein riesiges Reservoir geschaffen. Sollte nun Äthiopien seinen eigenen See kreieren, so die Sorgen in Kairo, werde sich in Ägypten über Jahre der Zufluss reduzieren.

Die Ängste waren in der Vergangenheit bereits mehrmals Grund für deutliches Säbelrasseln. Seit dem Sturz von Langzeitherrscher Husni Mubarak Anfang 2011 befindet sich Ägypten in ständiger politischer Unruhe – sowohl der islamistische Ex-Präsident Mohammed Mursi als auch das neue Staatsoberhaupt Abdel Fattah al-Sisi nutzten den Konflikt mit Äthiopien daher für außenpolitische Propaganda.

Wurde unter Mursi indirekt über Sabotagepläne nachgedacht, buhlte die Al-Sisi-Regierung von 2014 an Afrika-weit um Unterstützung gegen Äthiopien. Verhandlungen mit dem Nil-Anrainer wurden ausgesetzt, erst im Herbst 2014 besuchte erstmals eine ägyptische Delegation die Dammbaustelle. Einen Tag nach Unterzeichnung der neuen Kooperation reiste Al-Sisi am Dienstag selbst nach Äthiopien.

Beim Treffen mit dem äthiopischen Ministerpräsidenten Hailemariam Desalegn bezeichnete er die einstige „Kühle»“zwischen beiden Ländern als Geschichte. Das neue Abkommen sei eine „starke Grundlage“ und eine „historische Entscheidung für eine bessere Zukunft“, sagte Al-Sisi.

Als Ende der Streitigkeiten darf das Treffen jedoch nicht verstanden werden: Die Details des Drei-Länder-Deals müssen erst noch ausgearbeitet werden. Die strahlenden Gesichter Al-Sisis, Desalegns und des sudanesischen Präsidenten Omar al-Bschir nach der Unterzeichnung konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Blaue Nil noch lange für Gesprächsstoff sorgen wird.

Denn der im Tana-See im Hochland Äthiopiens entspringende Strom steuert 85 Prozent des Wassers zum gesamten Fluss bei – anders als der im Viktoriasee entspringende Weiße Nil, der weit weniger Wasser trägt. Deshalb pocht Addis Abeba so sehr darauf, das Vorrecht auf den Fluss zu haben. Der ehemalige äthiopische Regierungsberater Tecola Hagos brachte es vor wenigen Tagen in einem Kommentar auf den Punkt: „Die künftige Geschichte zwischen Ägypten und Äthiopien (…) wird mit dem Wasser des Blauen Nils als Tinte geschrieben werden.“

Quelle: dpa