Mann nachdenklich Laptop Stress
Das Angebot der Krisen- und Gewaltberatung bei der Caritas Herten richtet sich speziell an Männer. Foto: Shutterstock/Rawpixel.com

Immer mehr Männer suchen die Krisen- und Gewaltberatung bei der Caritas in Herten auf. „Gewalttätigkeit ist erlerntes Verhalten und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt Jan Hamelmann. Der Diplom-Sozialpädagoge weiß: Wenn Männer Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen, gibt es gute Chancen, aus Gewaltkreisläufen herauszukommen.

Mit dem Projekt „Echte Männer reden“, bietet die Caritas ein Beratungsangebot für Männer an, die sich in einer Krise befinden oder die gegenüber ihrer Partnerin und/oder ihren Kindern einmal oder häufiger gewalttätig geworden sind. Wie kam es zu der Initiative und seit wann gibt es die Beratung?

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Jan Hammelmann: Die Caritas bietet seit langer Zeit Beratung für Menschen in den verschiedensten Lebenslagen an. Dabei ist uns aufgefallen, dass es zu wenig Angebote für Männer gibt – der Bedarf allerdings vorhanden ist. Deswegen haben wir unsere Leistung ausgeweitet und die Krisen- und Gewaltberatung für Männer ins Leben gerufen. Männerberatung ist kein typisches Beratungsangebot, denn Männer sind oftmals so geprägt, dass sie ihre Probleme selbstständig lösen wollen. Von sich aus Hilfe zu suchen, empfinden viele Männer als Eingeständnis eigener Schwäche. Es passt nicht in ihr traditionelles Männerbild. Viele betrachten das als unmännlich.

Was unter Gewaltberatung zu verstehen ist, dürfte vielen klar sein. Doch Sie beraten auch Männer, die sich in einer Krise befinden. Was ist darunter zu verstehen?

Hammelmann: Vorab: Die Gründe eine Beratung in Anspruch zu nehmen, sind vielfältig und selten auf nur eine Ursache zurückzuführen. Das Projekt „Echte Männer reden“ hat drei Beratungsanlässe für Männer. Erstens geht es um die häusliche Gewalt. Sie ist die am weitesten verbreitete Form von Gewalt in unserer Gesellschaft und findet – anders als viele denken — in sämtlichen Bildungsschichten statt. Zweitens die Krisenbewältigung: Dabei geht es in erster Linie um die momentane Lebenssituation, die Unbehagen, Sorge und Ratlosigkeit verursacht. Das können Lebenssituationen sein, die von gesundheitlichen sowie beruflichen Schwierigkeiten oder von Problemen in der Beziehung gekennzeichnet sind. Und drittens kümmern wir uns auch um Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind. Oberstes Ziel in der Beratung ist immer, dass die Männer Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Wie wird das Angebot angenommen? Sie sagten ja, dass Männer größtenteils versuchen, ihre Probleme selbst zu lösen, anstatt sich Hilfe von außen zu holen.

Hammelmann: Das ist korrekt und so ist es leider auch. Denn Männer werden – anders als Frauen – meistens als groß und stark in der Gesellschaft dargestellt. Und um diesem Bild nicht zu widersprechen, versuchen sie auf ihre eigene Art, Probleme zu lösen. Dass das oft nicht der richtige Weg ist, sollte vielen aber klar sein, und deswegen wünsche ich mir, dass mehr Männer den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Und ich denke, der Trend geht in diese Richtung. In unserer Beratungsstelle ist ein Anstieg klar erkennbar. 2017 kamen 70 Männer in die Beratung, 2018 kamen 79 und 2019 waren es schon 87 Männer, mit denen ich gearbeitet habe.

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Hammelmann: Zuerst nehmen die Männer mit mir Kontakt auf. Dann folgt ein Erstgespräch, bei dem wir uns kennenlernen und im Anschluss entscheiden, ob wir in den Beratungsprozess einsteigen wollen. Gewalttätiges Verhalten ist erlerntes Verhalten, demzufolge kann der Mann in der Beratung Verhaltensalternativen erlernen. Wichtig dabei ist, dass er sein Verhalten ändern will. Wenn das der Fall ist, treffen wir uns wöchentlich bis 14-tägig zu Gesprächen in Einzelberatung. Später auch im Vier-Wochen-Rhythmus. Das muss aber individuell entschieden werden, denn die Beratung ist ein Prozess, der sich am Beratungsbedarf des Mannes orientiert. Die Gespräche dauern eine Stunde. Den Gewaltkreislauf haben die Männer dann in der Regel nach acht bis zwölf Monaten durchbrochen.

Welche Altersklasse sucht Sie auf und wie einsichtig wirken die Männer auf Sie?

Hammelmann: Sehr. Bei allen, mit denen ich gesprochen habe, ist keiner stolz auf das, was er getan hat – im Gegenteil. Es belastet sie, genau wie die Opfer. Der Altersdurchschnitt liegt in der mittleren Lebensphase. Also Männer zwischen 35 und 50. Aber ich habe auch schon mit 15-Jährigen oder mit 70-Jährigen gesprochen. Das zeigt, dass das Phänomen häusliche Gewalt in jeder Altersgruppe präsent ist.

Umso schöner, dass Ihr Angebot in jedem Alter angenommen wird. Doch nehmen Sie die Menschen damit nicht – vereinfacht gesagt – in Schutz für das, was sie getan haben?

Hammelmann: Fakt ist: Gewalttätiges Verhalten ist juristisch gesehen eine Straftat. Aus diesem Grund heißt es ja immer, Gewalttäter gehören weggesperrt. Klar, auch wir lehnen Gewalt ganz klar ab. In der Beratung zeigen wir diese Haltung, indem wir das gewalttätige Verhalten entschieden ablehnen, den Mann aber als Menschen wertschätzen. Es geht darum, die Dynamik des problematischen Verhaltens zu erkennen, nur so ist eine Veränderung möglich. Das ist eine Herausforderung, der ich mich aber gerne stelle. Und man kann Gewaltkreisläufe nur durchbrechen, indem man daran arbeitet. So ist Täterarbeit auch gleichzeitig aktiver Opferschutz. Somit gebe ich Ihnen auf die Frage gesehen also ein klares Nein – wir schützen damit die Opfer.

Wie sieht es überhaupt mit dem Opferschutz in der Zeit von Corona aus? Es heißt ja, dass die Gewaltrate extrem angestiegen sei. Ist da etwas dran?

Hammelmann: Davon gehe ich stark aus. Doch belegen kann ich es nicht. Es gibt auf der einen Seite verschiedene Faktoren, wie beengter Wohnraum kombiniert mit Homeoffice und weggefallener Kinderbetreuung, die dafür sprechen, dass sich die Problemlage zu Hause verdichtet. Auf der anderen Seite fehlen auch Schutzindikatoren für Kinder und Frauen, wie beispielsweise Sportvereine, Schulen oder Kitas. Durch die wegbleibende soziale Kontrolle dort, kann bisher keine steigende Opferzahl ermittelt werden, weil die genannten Einrichtungen lange geschlossen hatten und erst langsam wieder starten. So fehlt die Außenwahrnehmung, wenn beispielsweise ein Kind mit blauen Flecken in der Schule sitzt oder die Frau sich auf dem Weg ins Frauenhaus machen möchte.

Abschließend: Denken Sie, dass Männer mehr Mut aufbringen müssen, um Beratungsstellen wie Ihre aufzusuchen?

Hammelmann: Auf jeden Fall. Doch das muss jeder Mann für sich entscheiden. Wichtig ist, dass es auch als Mann keine Schande ist, sich Hilfe zu suchen, Gefühle zu zeigen und zuzulassen, statt sie wegzudrücken. Denn dadurch wird Gewalt oftmals ausgelöst. Angst und Traurigkeit gehören nicht nur zum Leben von Mädchen und Frauen, sondern auch zu dem von Männern.

Männerberatung der Caritas in Herten:
Telefon: 01 51/25 34 34 44
E-Mail: [email protected]e.

Die Beratung findet im Büro an der Hospitalstraße 11 in 45699 Herten statt. Neben dem Standort in Herten gibt es über NRW verteilt weitere Anlaufstellen. Dazu gehören unter anderem Düsseldorf, Krefeld und Köln.

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Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA); Telefon: 0 800-1 37 27 00 (kostenlos)

Quelle: WestLotto