Geisterspiel Köln Gladbach Borussia-Park
Foto: Fabian Strauch/dpa

Einigkeit bei Söder und Laschet, Sticheleien zwischen Bayern und dem BVB, und dazu ein Konzept von DFL-Boss Seifert: Die Bundesliga feilt an einer schnellen Rückkehr in den Spielbetrieb – und peilt dabei eine internationale Vorreiterrolle an.

Diese Livestream-Show sollte Millionen Fans ein Stück Normalität suggerieren. Die perfekt orchestrierte Abfolge aus besonders zuversichtlichen Wortbeiträgen von Spitzenpolitikern, Top-Funktionären und Liga-Boss Christian Seifert bei „Bild live“ sollte dem Fußball-Volk vor allem ein Gefühl geben: Es könnte trotz Coronavirus-Pandemie sehr bald wieder losgehen mit der Bundesliga.

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Die Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) und Markus Söder (CSU) nannten konkret den 9. Mai, zwischen Bayerns Karl-Heinz Rummenigge und Dortmunds Hans-Joachim  Watzke gab es erste Spitzen, wer die Schale nach oben recken dürfe. In der aktuellen Lage mutete die betonte Business-As-Usual-Konkurrenzhaltung fast schon skurril an. Der Pay-TV-Sender Sky reagierte mit einem euphorischen Jubeltweet und einer Anzeige, als wäre ein Neustart nicht ab 9. Mai denkbar, sondern ab morgen beschlossen.

National und international – so geht es mit dem Fußball in der Corona-Krise weiter

Im Gegensatz zu Söder und Laschet ist das Bundesinnenministerium strikt dagegen, jetzt schon einen Termin für die Wiederaufnahme von Bundesliga-Spielen zu nennen. Das geht aus einem Schreiben des parlamentarischen Staatssekretärs Stephan Mayer (CSU) an die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, die Bremer Senatorin Anja Stahmann (Grüne), hervor, das der dpa vorliegt.

Vor der Entscheidung seien „die weiteren Entwicklungen der Pandemie in Deutschland und die noch nicht bekannten Konzepte“ von DFB und DFL abzuwarten.

Vor der nächsten DFL-Mitgliederversammlung an diesem Donnerstag ist der Optimismus der Fußball-Verantwortlichen trotzdem klar gestiegen. Mit einer Fortsetzung und der Zahlung der letzten Fernsehgeld-Rate könnten einige Vereine eine drohende Insolvenz abwenden. Klar scheint auch: Können DFL und Proficlubs mit ihrem Sicherheitskonzept für die Geisterspiele bis Mitte Mai an den Start gehen, dürfte das eine Vorreiterrolle im derzeit lahmgelegten Weltsport bedeuten.

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Ein Gedanke, mit dem auch Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic liebäugelt. „Wenn wir uns in Deutschland durch die gute Arbeit in der Politik, der Medizin und in den Unternehmen als Erste Schritt für Schritt zurück in die Normalität bewegen könnten, wäre das ein positives Signal für den globalen Sport und würde Deutschland richtig nach vorne bringen“, sagte Bobic dem „Kicker“. Der frühere Nationalspieler erhofft sich dadurch schon jetzt einen „riesigen Vorteil“, „eine große Chance“ und „für uns positive Effekte“.

Auch an anderen Eventualitäten habe die DFL unter Seiferts Führung gründlich gearbeitet. „Wenn das Paket voraussichtlich in dieser Woche fertig ist, wird sich zeigen, dass der Fußball in der Krise einen sehr professionellen Job gemacht hat. Viele andere Verbände tun sich damit total schwer“, erklärte Bobic selbstbewusst und stichelte damit auch: Viele andere Ligen werden nicht so schnell wieder an einen Start denken können.

Mögliche Szenarien für den Bundesliga-Neustart

REGULÄRE FORTSETZUNG OHNE PUBLIKUM

Der präferierte DFL-Plan ist aktuell, die Saison von Mai bis 30. Juni wie geplant zu beenden, dafür wären nach aktuellem Stand nicht einmal besonders viele Englische Wochen notwendig. Alle Clubs trainieren auf ihrem Trainingsgelände, und der Spielbetrieb wird regulär wieder aufgenommen, sobald Politiker und Gesundheitsbehörden dies ermöglichen.

EM- ODER EIL-MODELL

Sollten weitere Verzögerungen oder Komplikationen entstehen, könnte ein EM- oder Eil-Modell als Kompromisslösung dienen. Beim EM-Modell würden wenige fixe Spielorte im Norden, Westen, Süden und Osten benannt, an denen mehrere Spiele pro Tag ausgetragen werden, was die Logistik erleichtern und die beteiligte Anzahl an Menschen reduzieren könnte. In einem Eil-Modell könnte die Taktung noch dichter gestaltet werden, sodass Teams zum Beispiel im Zwei-Tages-Rhythmus antreten.

Grund dafür könnten beispielsweise neue Infektionen in den Clubs sein, die neue Schutzmaßnahmen erfordern und Zeit kosten. Auch Sportphilosoph Gunter Gebauer hat sich die Frage von Ansteckungen im Ligabetrieb gestellt. „Das würde sich auf den ganzen Betrieb auswirken. Spiele würden annulliert. Und man müsste noch mehr testen. Einige Profis könnten auf den Gedanken kommen, Regressforderungen an den Verein zu stellen, weil sie spielen müssen“, sagte der Wissenschaftler der „Märkischen Oderzeitung“.

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GERINGERE STADIONAUSLASTUNG

Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann hat die Frage aufgeworfen, warum in einem Stadion für 70 000 Menschen mit ausreichend Abstand nicht 20 000 Fans hineingelassen werden dürften. „Diese Frage hat mir auch noch keiner beantworten können“, sagte Lehmann.

Die alternative Idee des Ex-Profis ist aus zwei Gründen derzeit kein Thema: die DFL kämpft um eine Fortsetzung mit möglichst wenigen Menschen (etwa 250 arbeitende Personen sind angepeilt) rund um die Stadien und würde damit die eigenen Vorschläge konterkarieren. Zudem sind Großveranstaltungen in Deutschland bis 31. August verboten.

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ABBRUCH ODER ANNULLIERUNG

Sollte die Saison trotz aller Szenarien nicht beendet werden können, sehen die Statuten von DFL und DFB dafür keine Lösung vor. Werden die bisherigen Spieltage annulliert? Zählt der aktuelle Tabellenstand? Gibt es Absteiger oder wird die Liga auf 20 Teams erweitert? Für die Solidarität unter den Proficlubs könnte ein solcher Fall zu einer Zerreißprobe werden, wie die aktuelle Situation der 3. Liga zeigt.

EUROPÄISCHER PLAN

Der nationale Wettbewerb hat zur Beendigung der Saison Vorrang, wie die UEFA eingeräumt hat. Alle Spiele der Champions League und Europa League sind „bis auf Weiteres“ verschoben. Die Königsklasse könnte zum Beispiel mit verkürzten Viertelfinals oder einem Final-8-Turnier an einem Spielort beendet werden, möglicher Termin wäre Ende August. Doch davor müssten die nationalen Ligen ihre Saison beendet haben – und nicht nur die Bundesliga.

Quelle: dpa