Jogi Löw
Foto: AP Photo/Frank Augstein, Pool

Joachim Löw nahm Thomas Müller kurz in den Arm, bedankte sich bei seinem Assistenten Marcus Sorg und verschwand kopfschüttelnd in den Katakomben des Wembley-Stadions. Auf der Tribüne grinste Englands Fußball-Idol David Beckham und rieb sich die Hände. Die englischen Fans sangen inbrünstig „Football’s coming home“.

Plötzlich war für Löw da nur noch Leere. Das monotone Brummen der Rasenmäher auf dem heiligen Rasen von Wembley war für den Rekord-Bundestrainer nach dem 0:2-K.o. gegen England der bittere Abschiedssound nach dem abrupten Ende seiner Ära.

„Die Enttäuschung ist da. Viel mehr Gedanken sind nicht möglich“, sagte Löw. Mit seiner letzten Turnier-Mission ist der 61-Jährige im Achtelfinale mit der Fußball-Nationalmannschaft zu früh gescheitert – zwölf Tage vor dem erhofften letzten Endspiel-Date bei der Europameisterschaft.

Joshua Kimmich weinte in Wembley Tränen der Enttäuschung. Der mit der persönlichen Negativmarke von sieben EM-Gegentoren nach Hause geschickte Manuel Neuer dachte aber erstmal an den Bundestrainer, unter dem er alle seine bisher 104 Länderspiele bestritt. „Es war ein sehr trauriges Gefühl, als ich den Jogi gesehen habe. Er hat eine klasse Ära geprägt“, sagte der DFB-Kapitän. 198 Länderspiele in 15 Jahren – Löw konnte nach dem WM-Triumph von 2014 keinen weiteren Fußball-Gipfel erklimmen.

Fußball EM - England - Deutschland Jogi Löw Abgang hochkant
Das letzte Spiel als Bundestrainer verlor Joachim Löw 0:2 in Wembley gegen England. Das Ende einer Ära. Foto: Christian Charisius/dpa

„Gefühlt war es so, dass sich immer mehr in unserer Hälfte abgespielt hat. Und die Kontermöglichkeiten haben wir nicht genutzt“, sagte Kapitän Manuel Neuer und bilanzierte: „Das war K.o.-Runde, wir haben gegen England gespielt, das ist eine gute Nation.“ Routinier Toni Kroos bezeichnete das Aus als insgesamt „sehr, sehr bitter“.

Thomas Müller vergibt die Mega-Chance

55 Jahre nach dem legendären WM-Endspiel 1966 brauchten die Three Lions am Dienstagabend kein historisch zweifelhaftes Lattentor, um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erstmals wieder in einem entscheidenden Turnierspiel zu bezwingen. Löw hatte wieder einmal, als es schief lief im deutschen Spiel, keinen Plan B parat.

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Raheem Sterling (75. Minute) und Harry Kane mit seinem ersten EM-Treffer (86.) erzielten vor 41.973 euphorisierten Fans die Tore zum 2:0 (0:0)-Sieg der Engländer gegen eine in der spannungsgeladenen Stimmung viel zu harmlose DFB-Elf. Für Rekordcoach Löw endet die DFB-Zeit nach fast 15 Jahren und 198 Länderspielen als Bundestrainer mit einer herben Enttäuschung. Thomas Müller vergab in der 81. Minute bei einer der wenigen deutschen Tormöglichkeiten die Chance auf den Ausgleich. „Wenn du im Achtelfinale rausfliegst, ist es natürlich enttäuschend. Das ist ein bitterer Abend“, sagte Kai Havertz.

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Während die DFB-Elf nur zum Kofferpacken nach einem Turnier mit mehr Schatten als Licht noch einmal ins EM-Quartier in Herzogenaurach zurückkehrt, um dann frustriert den Sommerurlaub anzutreten, geht die EM-Reise der Engländer weiter. Am Samstag soll im Viertelfinale gegen Schweden oder die Ukraine in Rom das Ticket für die nächste Wembley-Partie im Halbfinale gelöst werden. Der 11. Juli steht als Endspiel-Tag ganz dick im englischen Fußball-Kalender.

Hansi Flick übernimmt Jogi Löws Job

Löw und seine glücklosen DFB-Stars haben hat dann ungewollt frei. Im September startet Hansi Flick als neuer Bundestrainer mit der Fortsetzung der WM-Qualifikation für Katar 2022 ein neues Kapitel – viel Arbeit wartet nach der EM-Enttäuschung auf den einstigen Löw-Assistenten und Bayern-Erfolgscoach. Unmittelbar vor der Partie hatte Löw noch ein Anliegen geäußert. „Kein Trainer wünscht sich ein Elfmeterschießen, das ist immer ein Vabanque-Spiel“, sagte der Bundestrainer – doch so hat er sich den Ausgang nicht gewünscht.

Löw wirkte aber auch schnell wieder gefasst. Frustration ja, Schwarzmalerei nein. So schlimm wie 2018 nach dem historischen WM-K.o. ist die Bilanz nicht. In seiner letzten Pressekonferenz als Bundestrainer blieb er auch nach dem zu mutlosen Spiel vor mehr als 40.000 euphorisierten England-Fans nicht hoffnungslos.

Dieser, seiner letzten DFB-Mannschaft, traut er beim EM-Heimturnier 2024 unter Nachfolger Hansi Flick den großen Wurf zu, der diesmal Wunschdenken blieb. „Kaltschnäuzigkeit“ fehlte, konstatierte Löw. „Die Mannschaft muss noch reifer werden“, sagte er – und verschwand mit einem letzten «vielen Dank» in den Katakomben von Wembley.

Die Deutschen traten nur zu Beginn engagiert auf, nachdem beide Teams schon vor dem Anpfiff ein starkes Zeichen gesetzt hatten. Dem gemeinsamen Kniefall der Spieler schloss sich Löw an. Der 61-Jährige ging wenige Sekunden vor dem Anstoß wie auch sein englischer Kollege Gareth Southgate als Zeichen gegen Rassismus mit einem Knie auf den Boden. Wieder gab es vereinzelte Buhrufe während der Geste, die überwiegende Mehrheit der Zuschauer und Zuschauerinnen im Wembley-Stadion klatschte jedoch lautstark Beifall.

Gänsehaut in Wembley

Überhaupt diese Atmosphäre im englischen Fußball-Tempel! Schon Stunden vor der Partie feierten Fans rund um das Stadion eine feucht-fröhliche Party. Auf den Sitzen waren auch schwarz-rot-goldene Fahnen ausgelegt, die fast ausschließlich einheimischen Fans sangen und lärmten und zelebrierten eine ausgelassene EM-Sause. Seit November 2019 hatte eine deutsche Nationalmannschaft wegen der Coronavirus-Pandemie nicht mehr vor solch einer Kulisse gespielt.

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In der Anfangsphase beflügelte dies die DFB-Elf. Leon Goretzka, der bei seinem ersten Startelf-Einsatz bei diesem Turnier wie erwartet Ilkay Gündogan (Schädelprellung) ersetzte, war nach einem feinen Pass von Thomas Müller kurz vor der Strafraumgrenze nur durch ein Foul zu stoppen (8.). Den Freistoß aus zentraler Position schoss Kai Havertz aber in die englische Mauer. Neben Goretzka war auch Havertz‘ Chelsea-Kollege Timo Werner neu in die Startelf gerückt. Der Angreifer hatte nach einer guten halben Stunde die beste Chance zur Führung, scheiterte aber an Keeper Jordan Pickford (32.). Zwanzig Minuten vor Schluss musste Werner raus, für ihn kam Serge Gnabry.

Zu wenig Druck der DFB-Elf

Zwischen den beiden Chancen und in der Viertelstunde vor der Halbzeit dominierten aber die Engländer. Die Deutschen verloren zu viele Zweikämpfe im Mittelfeld, die Three Lions spielten aggressiver und erarbeiteten sich zeitweise ein deutliches Übergewicht. Löw verschränkte die Arme. Löw winkte frustriert ab. Was er da auf dem heiligen Rasen sah, konnte ihm überhaupt nicht gefallen. Sinnbildlich stand zu diesem Zeitpunkt Bayern-Profi Müller, der (zu) viel im leeren Raum rannte und versuchte, seine Mitspieler anzutreiben.

Doch Joshua Kimmich beispielsweise war ständig in der Defensive gebunden und konnte offensiv kaum Akzente setzen. Dies gelang den Engländern besser. Sterling scheiterte mit einem Schuss an Torwart Manuel Neuer, der wie sein Gegenüber Harry Kane eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben als Zeichen für Toleranz und sexuelle sowie geschlechtliche Vielfalt trug (16.).

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Auch im Prestigeduell mit den Engländern hielt Löw an seiner Grundformation im 3-4-3 System fest. Sein Kollege Gareth Southgate änderte sein System und stellte in der Abwehr auf eine Dreierkette um, die wenige Minuten nach Wiederanpfiff fast bezwungen war.

Doch den großartigen Dropkick von Havertz lenkte Pickford reaktionsschnell über die Latte (48.). Wieder gehörte die Anfangsphase vor den Augen von Prinz William (39), dessen Frau Kate (39) und Sohn George (7) sowie Popstar Ed Sheeran (30, „Shape Of You“) und Beckham (46) dem DFB-Team – wieder aber währte die Drangphase zu kurz und blieb erfolglos. Stattdessen sorgten der starke Sterling und Kane mit seiner Turnierpremiere für den deutschen K.o.

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Quelle: dpa