Thomas Cook
Foto: Daniel Roland/AFP

Thomas Cook, der zweitgrößte Reise-Anbieter der Welt, ist pleite! Die Folgen sind dramatisch. Urlauber aus Tunesien melden eine Art Geiselnahme.

Thomas Cook benötigte noch 200 Millionen Pfund. Doch am Ende ist alles Ringen offenbar vergeblich: Eines der ältesten und größten Reiseunternehmen der Welt geht in Konkurs.

Schon während der letzten Rettungsversuche bei Thomas Cook gab es für Urlauber düstere Vorzeichen. Jetzt kursieren die ersten Horror-Meldungen. Unter anderem berichten Touristen der BBC, dass ein Hotel in Tunesien Gäste, die bei Thomas Cook gebucht hätten, einbestellt und weitere Zahlungen verlangt hätten – aus Sorge, vom Unternehmen nicht den ausgemachten Betrag zu erhalten.

Ryan Farmer aus Leicestershire sagte, viele Urlauber hätten sich geweigert, da sie ja schon ihre Rechnungen bei Thomas Cook beglichen hätten. Das Sicherheitspersonal habe dann die Hoteltore verriegelt und „niemandem erlaubt, rauszugehen“. Es habe sich wie eine „Geiselnahme“ angefühlt. Die Nerven liegen blank.

Ein Video auf Twitter untermauert die Schilderungen:

Beim britischen Touristikkonzern ist der letzte Rettungsversuch vor einem Konkurs gescheitert. In der Nacht zum Montag gab die zivile Luftfahrtbehörde (CAA) den finanziellen Kollaps bekannt. Thomas Cook habe den Geschäftsbetrieb eingestellt, zudem würden Hunderttausende Buchungen gestrichen. Konzernchef Peter Fankhauser sprach von einem „zutiefst traurigen Tag für das Unternehmen, das Pionierarbeit bei Pauschalreisen geleistet und Millionen auf der Welt das Reisen ermöglicht“ habe.

600.000 Urlauber drohen weltweit zu stranden

Mehr als 600.000 Kunden hatten beim Konzern gebucht. Bei rund 150.000 handelt es sich um in aller Welt gestrandete britische Touristen, die nun laut der CAA nach Hause gebracht werden müssen. Die Regierung in London sprach von der größten Rückholaktion in Friedenszeiten. Rund 22.000 Angestellte von Thomas Cook in 16 Ländern – davon 9000 im Vereinigten Königreich – verlieren ihre Jobs.

Das 1841 gestartete Unternehmen war schon seit einigen Jahren in Geldnöten. Im Mai gab es an, mit 1,25 Milliarden Pfund (rund 1,42 Milliarden Euro) in der Kreide zu stehen. Als Grund für die Malaise gab Thomas Cook nicht zuletzt die Ungewissheit um den für Ende Oktober geplanten Brexit an, der die Nachfrage nach Sommerurlauben gedämpft habe. Höhere Treibstoff- und Hotelkosten spielten ebenfalls eine Rolle, angesichts Hitzewellen in vergangenen Sommern in Europa blieben viele Menschen zudem lieber zu Hause.

Erst kürzlich konnte Thomas Cook zwar 900 Millionen Pfund auftreiben – das Geld stammt unter anderem vom chinesischen Hauptanteilseigner Fosun, einem Mischkonzern. Doch versuchte der Touristikkonzern am Wochenende sich in Gesprächen mit Aktionären und Gläubigern weitere 200 Millionen Pfund zu sichern, um den Konkurs noch abzuwenden. Auch Gewerkschaften schalteten sich ein und riefen Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom zu einer „echten finanziellen Unterstützung“ für Thomas Cook auf.

„Das Unternehmen muss gerettet werden, wie auch immer“, schrieb der Generalsekretär der Gewerkschaft Transport Salaried Staffs Association, Manuel Cortes, in dem Brief. Keine britische Regierung könne den Verlust „so vieler Arbeitsplätze und die Aussicht zulassen, dass nur noch ein großer Reiseanbieter – TUI – den Massenmarkt kontrolliert“. Auch die oppositionelle Labour-Partei hatte die Regierung aufgefordert, Thomas Cook zu helfen.

In der Nacht zum Montag gab das Unternehmen dann jedoch auf seiner Webseite bekannt, in die Zwangsliquidation zu gehen. Zwar habe es eine „weitgehend“ Einigung auf einen Deal gegeben, teilte Konzernchef Fankhauser mit. Allerdings sei in den vergangenen Tagen „eine zusätzliche Einrichtung“ verlangt worden, was eine unüberbrückbare Herausforderung dargestellt habe. Ins Details ging Fankhauser nicht. „Ich möchte mit bei unseren Millionen Kunden entschuldigen, und bei unseren Tausenden Angestellten.“

Eine Million Reisen storniert

Nun steht die britische Zivilluftfahrtbehörde vor der komplexen Aufgabe, Abertausende britische Touristen heimzuholen. Eine Flotte von Flugzeugen sei bereits organisiert worden, teilte die CAA mit. Die Aktion dürfte mindestens zwei Wochen dauern. Auch eine von der Zivilluftfahrt aufgebaute Webseite für gestrandete Kunden von Thomas Cook solle es geben. Die meisten sind durch ein staatlich betriebenes Versicherungsprogramm abgedeckt, das Urlaubern bei einem Ausfall eines in Großbritannien ansässigen Touranbieters die Heimholung aus dem Ausland garantiert.

Verkehrsminister Grant Shapps ergänzte, Dutzende Chartermaschinen seien angemietet worden, um Betroffene kostenlos nach Hause zu fliegen. Hunderte Mitarbeiter würden in Callcentern und Anlaufstellen bei Flughäfen im Einsatz sein. „Die Aufgabe ist gigantisch, die größte Heimholung in der Geschichte des Vereinigten Königreichs in Friedenszeiten“, erklärte Shapps, und: „Da wird man um Probleme und Verzögerungen nicht umhinkommen.“

Geschätzte eine Million Kunden von Thomas Cook dürften zudem nun feststellen, dass ihre geplanten Reisen gestrichen sind. Auch sie dürften eine staatliche Erstattung erhalten.

Expertin: Betroffenen Thomas-Cook-Urlaubern steht Schadenersatz zu

Thomas-Cook-Urlaubern, die ihre Reise am Montag oder am Dienstag nicht antreten können, steht Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreuden zu. Daneben bekommen sie ihren Reisepreis zurückerstattet.

Das erklärte Reiserechtlerin Sabine Fischer-Volk aus Berlin dem dpa-Themendienst. Reisenden, die bereits im Urlaub sind, riet sie, Kontakt zum Reiseleiter vor Ort zu halten. Thomas Cook selbst schrieb auf seiner Internetseite, dass man von Anrufen in den Call Centern absehen solle.

Die deutschen Veranstaltertöchter, zu denen Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature gehören, haben den Verkauf von Reisen nach eigenen Angaben komplett gestoppt. Man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden, teilte die Thomas Cook GmbH am Morgen in Oberursel bei Frankfurt mit.

„Das Unternehmen lotet derzeit letzte Optionen aus“, hieß es weiter. Sollten diese Optionen scheitern, sehe sich die Geschäftsführung gezwungen, auch für die Thomas Cook GmbH und weitere Gesellschaften Insolvenz zu beantragen.

Im Falle einer Insolvenz auch der deutschen Töchter, greife zunächst die Insolvenzversicherung, so Fischer-Volk. Diese ist allerdings auf 110 Millionen Euro begrenzt, die ein Versicherer für ein Geschäftsjahr vorhalten muss. Angesichts der Größe von Thomas Cook sei nicht klar, ob das ausreiche, erklärte die Reiserechtlerin.

Der Ferienflieger Condor, ein Tochterunternehmen, versicherte kurz nach Bekanntwerden der Insolvenzpläne, dass der Flugbetrieb weitergehe.