Lützerath: Aktivisten bewerfen Polizei mit Böllern, Steinen und Flaschen

Monatelang war der Konflikt um das Braunkohledorf Lützerath, das abgebaggert werden soll und zum Symbol des Klimakonflikts geworden ist, eher theoretischer Natur – nun wird es ernst. Die Polizei steht am Montag direkt an dem Örtchen. Aktivisten wollen es nicht aufgeben.
Lützerath
Polizeiaufgebot in Lützerath. Foto: Thomas Banneyer/dpa
Lützerath
Polizeiaufgebot in Lützerath. Foto: Thomas Banneyer/dpa

Die Buchstaben auf dem „Willkommen in Lützerath“-Schild sind bunt, das „ü“ erinnert an ein lächelndes Gesicht. An diesem Morgen aber ist der Blick auf den freundlichen Gruß von tiefschwarzem Rauch verschleiert. Mitten auf der Straße lodert eine Barrikade, dahinter sitzen Menschen in weißen Ganzkörper-Anzügen in Reihe. Es wird sehr klar: Das herzliche Willkommen gilt vielen – aber nicht der Polizei. Die steht nämlich auf der anderen Seite.

Lützerath im Kreis Heinsberg, ganz im Westen des Landes NRW und am Rande eines riesigen Kohlekraftwerkes, soll abgebaggert werden, um weitere Kohle zu gewinnen. Das ist schon eine ganze Weile beschlossene Sache. Klimaaktivisten aber halten die Siedlung, deren einstige Bewohner weggezogen sind, besetzt. Sie wollen die Bagger stoppen – praktisch, aber auch symbolisch. Gegen die Erderwärmung.

Lange war der Konflikt eher theoretischer Natur, am Montag aber wird es nun ganz real. Man kann auch sagen: heiß. Polizei und der Energiekonzern RWE, dem Grundstücke und Häuser mittlerweile gehören, rücken an, um die Räumung, die erst Mitte Januar erfolgen soll, vorzubereiten. Rundherum sieht man ächzende Bagger, Polizisten in schwerer Schutzmontur stellen sich auf. Bei den Lützerath-Aktivisten kommt das erwartungsgemäß nicht gut an.

„Die Leute hier versuchen zu verhindern, dass die Polizei ins Dorf kommt, um Vorbereitungen zu treffen, damit das Dorf abgerissen wird“, sagt Julia Riedel, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“, die direkt an der brennenden Barrikade steht. Eigentlich hatten die Aktivisten auch für ein „Aktionstraining“ eingeladen, um Blockade-Methoden zu üben. Das sagen sie nun ab. Nun hätten „andere Sachen Priorität“, sagt Mara Sauer, eine weitere Sprecherin.

Es ist nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Journalisten wurden von der Polizei mit Warnwesten versorgt, um kenntlich zu sein – aber in einem Blau, das jenem der Polizei ähnelt und in Lützerath mitunter irritiert beäugt wird. Frauen mit einem Kreuz singen „Meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht“. Der Unweltaktivist der Gruppe Letzte Generation, Wolfgang Metzeler-Kick, hat sich derweil an die Straße geklebt. Er sei zuletzt in einer Vollzugsanstalt in Bayern gewesen, berichtet er. Danach habe man ihn gefragt, ob er weiter Aktionen in Bayern plane. „Ich habe gesagt: Nein. Meine Aktionen werde ich dann in Richtung Lützerath verlagern.“ Nun ist er hier. „Es ist unmöglich mit anzuschauen, wie der Wahnsinn des Alltags die Menschheit letztendlich ausrottet“, sagt er.

Die Stimmung ist zunehmend angespannt. Es kommt zu Konfrontationen zwischen Polizei und Aktivisten. Im Hintergrund dreht sich ein gigantischer Braunkohlebagger im Regen immer weiter. Eine unwirkliche Szenerie, wie von einem ambitionierten Filmregisseur entworfen.

Klimaaktivisten tyrannisieren Polizei in Lützerath

Irgendwann stehen sich eine Reihe Aktivisten und eine Reihe Polizisten Auge in Auge gegenüber – direkt am Ortsschild von Lützerath. „Jeder anständige Polizist, der ein bisschen auf die Verfassung gibt, wechselt jetzt die Seite!“, ruft ein Aktivist. Das geschieht allerdings nicht. Mehrmals gibt es Handgemenge. Aktivisten werfen Flaschen.

Die Aktivisten glauben, dass die Polizei eine Eskalation provozieren wolle. Dagegen setze man „eine ganz bunte Mischung von Strategien“, sagt Sprecherin Mara Sauer. Auf die Frage, ob diese gewaltfrei seien, antwortet sie: „Für uns steht die Sicherheit von allen Beteiligten an erster Stelle. Und von uns wird keine Eskalation ausgehen.“ Was die Polizei mache, sei „halt eine ganze andere Frage“.

Polizeisprecher Andreas Müller betont unterdessen, dass heute wirklich keine Räumung geplant sei. Der Ansatz sei deeskalierend. Aber klar: Wenn Polizei vor Lützerath auftauche, führe das auf der anderen Seite zu Reaktionen. „Ich glaube, man merkt schon, dass es dann emotional wird und dass die Situation dann eine andere ist, wenn dann tatsächlich Polizei hier vor Ort ist.“

Notwendig sei die Polizei-Präsenz, um Strukturen vorzubereiten, die für eine Räumung mit dann mehr als 1000 Beamten gebraucht würden. Erwartet wird so ein Einsatz irgendwann vom 10. Januar an. „Die müssen untergebracht werden, die müssen verpflegt werden“, sagt Müller. „Ab jetzt wird man Polizei hier wahrnehmen.“

Lützerath: Aktivisten greifen Polizei an

Unmittelbar vor dem Braunkohledorf Lützerath ist es am Montag (2. Januar) zu Rangeleien zwischen Polizisten und Klimaaktivisten gekommen. Die Aktivisten hätten Böller, Flaschen und Steine auf die Polizei geworfen, berichteten dpa-Reporter vor Ort. Danach beruhigte sich die Situation zunächst wieder. Anschließend zog sich die Polizei zurück.

Zuvor hatten sich Aktivisten hinter einer brennenden Barrikade positioniert. Ein Aktivist des Bündnisses „Letzte Generation“ hatte seine linke Hand auf der Zufahrtsstraße festgeklebt.

Ein Polizeisprecher sagte, die Räumung von Lützerath stehe am Montag noch nicht an. Es würden aber vorbereitende Arbeiten für den geplanten Großeinsatz Mitte Januar ausgeführt. Der Energiekonzern RWE, dem die Häuser und Grundstücke gehören, sperrte nach eigenen Angaben drei Landstraßen ab.

Lützerath südwestlich von Düsseldorf soll zur Kohlegewinnung abgebaggert werden. In den Häusern, deren einstige Bewohner weggezogen sind, leben allerdings Aktivisten, die um den Ort kämpfen wollen. Für das Abbaggern und Verbrennen der Kohle sehen sie keine Notwendigkeit. RWE sagt dagegen, dass Lützerath abgerissen werden müsse, um inmitten der Energiekrise eine sichere Versorgung der Kraftwerke zu gewährleisten.

dpa