NRW-Kliniken und Gesundheitssystem am Limit: Droht zu Weihnachten der Kollaps?

Krankenhäuser und Kliniken in NRW arbeiten am Anschlag: Dank zahlreicher Personalengpässe sei die ohnehin dürftige Situation vor Ort "maximal angespannt". Das kalte Wetter und eine dazugehörige Grippewelle zwingen das Gesundheitssystem in die Knie. Engpässe bei einer Reihe von Medikamenten verschlechtern die Lage weiterhin.
Krankenhaus Klinik Düsseldorf Universitätsklinikum
Ein Blick auf das Universitätsklinikum in Düsseldorf. Foto: Mona Wenisch/dpa
Krankenhaus Klinik Düsseldorf Universitätsklinikum
Ein Blick auf das Universitätsklinikum in Düsseldorf. Foto: Mona Wenisch/dpa

Wohl dem, der bei diesem Wetter gemütlich daheim bleiben und sich in die Kuscheldecke einigeln kann. Vielen Menschen jedoch, die aktuell allen voran aufgrund diverser Atemwegserkrankungen zwingend im Krankenhaus behandelt werden müssen, offenbart sich, wie schlimm die Situation vor Ort tatsächlich ist. Ganze Stockwerke werden teilweise nur von ein bis zwei Mitarbeitern versorgt, viele Intensivbetten können aufgrund fehlender Ärzte und Pflegekräfte nicht genutzt werden – letztere liegen aktuell selbst flach. Verschiebungen von Behandlungen und Operationen sind laut Unikliniken nicht auszuschließen.

Lage vor allem an den Kinderkliniken in NRW „maximal angespannt“

Wegen einer hohen Anzahl von Krankheitsfällen arbeiten Ärzte und Pflegekräfte in den NRW-Kliniken am Anschlag. Zwar ist die Lage derzeit nicht ganz so dramatisch wie an der Berliner Charité, die bereits alle verschiebbaren Operationen bis Jahresende absagte. Doch auch in Nordrhein-Westfalen ist die Situation äußerst prekär, in den Kinderkliniken sogar „maximal angespannt“.

Neben dem Influenzavirus grassiert nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) das Respiratorische Synzytialvirus (RSV) weiter stark. Das kann vor allem für kleine Kinder und Säuglinge gefährlich sein.

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Auch in Düsseldorf viele Krankheitsausfälle

Am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) sei die Lage aufgrund der aktuell starken Wellen von Infektionskrankheiten in einigen Bereichen „angespannt“, teilte die Uniklinik der Landeshauptstadt der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit. Die Mitarbeiter an den Krankenhäusern seien auch „nur eine Teilmenge der Bevölkerung, in der vor allem Atemwegsinfektionen gerade viele Menschen betreffen“, erklärte UKD-Sprecher Tobias Pott.

Aktuell gebe es in Düsseldorf jedoch keine pauschale Absage planbarer Eingriffe wie es beispielsweise auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie der Fall war. Gleichwohl könne es in Einzelfällen zu Verschiebungen von Operationen und Behandlungen kommen, wenn es bei den hoch spezialisierten Teams einen höheren krankheitsbedingten Personalausfall gäbe, sagte Pott.

Universitätsklinikum Köln: Corona spielt „eine eher untergeordnete Rolle“

Ähnlich sieht es am Universitätsklinikum Köln aus. „Durch einen hohen Krankenstand über alle Berufsgruppen hinweg ist die personelle Situation in vielen Bereichen sehr angespannt“, berichtete Kommunikationschef Timo Mügge. „Daher ist es möglich, dass verschiebbare Eingriffe in Bereichen mit hohen Personalausfallquoten aufgeschoben werden müssen.“

Corona-Infektionen spielten derzeit trotz zuletzt wieder steigender Zahlen „aktuell eine eher untergeordnete Rolle“. Die Mehrzahl der Erkrankungen sind laut Mügge „saisonale Atemwegsinfektionen“.

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Universitätsmedizin Essen hält die Situation „aktuell noch berrschbar“

In der Universitätsmedizin Essen, zu der 33 Kliniken mit mehr als 10.000 Beschäftigten zählen, fallen derzeit ebenfalls (noch) keine planbaren Eingriffe aus. Aber: „Bei einer krankheitsbedingten Verschärfung der Situation“ kann ein solcher Schritt nach Angaben des Konzern-Kommunikationsleiters Achim Struchholz auch in der Reviermetropole „nicht ganz ausgeschlossen“ werden. Die personelle Situation sei wegen der hohen Krankheitsquote bei den Beschäftigten „angespannt, aber aktuell noch beherrschbar“, sagte Struchholz.

Besonders betroffen sind wie im ganzen Land auch in NRW die Kinderkliniken. Die Auslastung ist laut Uniklinik Düsseldorf – wie in anderen umliegenden Kinderkliniken und überregional – „deutlich höher als sonst“. Am UKD könne man „die kleinen Patientinnen und Patienten noch versorgen. Die Situation ist allerdings nach wie vor maximal angespannt und es kommt zum Teil zu längeren Wartezeiten“, erläuterte Pott.

Ein Ende der Krankheitswelle ist nicht in Sicht

Zwei Erkrankungswellen treffen derzeit aufeinander: eine RSV-Infektionswelle, die vor allem die ganz Kleinen im ersten Lebensjahr trifft, und eine Grippewelle. Sie mache vor allem den Kindern bis ins Grundschulalter massiv zu schaffen, erläuterte Pott. Die Uniklinik arbeite mit den anderen Düsseldorfer Kinderkliniken und Häusern der ganzen Region zusammen, um die gesamten Bettenkapazitäten für Kinder zu nutzen.

Ein Ende der Erkrankungswelle ist laut Pott noch nicht in Sicht: „Ein Höhepunkt der Infektionen mit Influenza und RSV ist aktuell deutschlandweit nicht abzusehen.“

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Medikamente werden knapp: Nachbarschaft soll aushelfen

Kliniken und Arztpraxen klagen zudem über Engpässe bei einer Reihe von Medikamenten. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, rief die Bevölkerung deshalb dazu auf, sich gegenseitig mit der Hausapotheke zu helfen. „Jetzt hilft nur Solidarität. Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben. Wir brauchen so was wie Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft“, sagte er dem „Tagesspiegel“.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) klagte über unnötige Bürokratie. „Ein individuell hergestellter Fiebersaft in der Apotheke kostet natürlich mehr und die Krankenkassen erstatten das nicht, wenn es nicht auf dem Rezept verordnet steht. Der Arzt kann aber nicht wissen, dass es in der Apotheke keinen Fiebersaft geben wird“, sagte Gabriele Overwiening der Deutschen Presse-Agentur. So entstehe wegen der Krankenkassen eine völlig unnötige Bürokratie.

Es wäre ihrer Ansicht nach sinnvoll, dass Apotheken entscheiden könnten, wann sie das Mittel selbst herstellen. Ein weiteres Problem sei der zeitliche Mehraufwand, sagte Overwiening. Denn: „Wir dürfen das auch nicht im Voraus herstellen.“

dpa