"Personal Shopper" mit Kristen Stewart

Die ideale Schauspielerin für unsere Zeit

"Personal Shopper" mit Kristen Stewart: Die ideale Schauspielerin für unsere Zeit "Personal Shopper" mit Kristen Stewart: Die ideale Schauspielerin für unsere Zeit Foto: Weltkino Filmverleih
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Man muss wissen, dass das kein Film mit einer klassischen Handlung ist, es gibt im Grunde nicht mal einen Plot, und die Fragen, die der Regisseur aufwirft, bleiben sämtlich unbeantwortet. Trotzdem ist "Personal Shopper" von Olivier Assayas eine sehenswerte Produktion, und der Grund ist die Hauptdarstellerin Kristen Stewart. Die 26-Jährige bewegt sich wie in einem Traum, das ist geträumte Gegenwart, und man schaut ihr fasziniert zu. Sie ist nicht zu fassen, und am Ende denkt man, dass vielleicht keine andere Schauspielerin so gut in diese Zeit passt wie die Frau aus Los Angeles.

Kristen Stewart spielt Maureen, eine Amerikanerin in Paris. Sie arbeitet als Assistentin einer nicht näher definierten Berühmtheit mit dem Namen Kyra. Sie muss der ständig abwesenden Chefin Kleidung besorgen, also rauscht sie auf dem Motorroller durch die Stadt, von Chanel zu Cartier, und überall reicht man ihr nur das Beste an - bezahlt wird per Blanko-Scheck. Die Kleider, Gürtel und Handtaschen legt sie meist in der Wohnung des Stars ab, eine Begegnung gibt es nur ein einziges Mal, und dabei kommt es zu keinem Dialog. Maureen hat Prokura, nur eines darf sie nicht: die Kleider der Bossin anprobieren. Sie tut es trotzdem.

Man wird verstehen, dass Maureen dieser Job nicht ausfüllt, aber sie braucht das Geld, außerdem kann sie beim Auftrags-Shoppen nachdenken, denn vor kurzem ist ihr Zwillingsbruder gestorben. Die Geschwister hatten Kontakt zur Geisterwelt, sie waren Medien, und sie gaben einander das Versprechen, dass derjenige, der zuerst stirbt, dem Überlebenden aus dem Jenseits ein Zeichen sendet. Nun schaut Maureen genau hin und sieht allerorten Gespenster.

So aufgeschrieben liest sich die Handlung hanebüchen, das muss man zugeben, aber die Kunst von Assayas liegt darin, dass dem Zuschauer das bald völlig egal ist. Im Grunde ist der Film nämlich ein Essay über Kristen Stewart, mit der Assayas schon für den Vorgängerfilm "Wolken über Sils Maria" zusammengearbeitet hat. Ihre Rolle damals war ähnlich geartet, sie spielte die rechte Hand einer von Juliette Binoche verkörperten Film-Diva. Damals war das eine Nebenrolle, jetzt ist Stewart in jeder Szene zu sehen.

2002 hat man sie das erste Mal wahrgenommen, da war sie elf und trat als Tochter von Jodie Foster in "Panic Room" auf. Dann war sie vier Mal die Bella Swan in der erst ziemlich guten und dann ziemlich doofen Vampir-Reihe "Twilight". Mit 22 galt sie als höchstbezahlte Schauspielerin Hollywoods, und seither wechselt sie zwischen Blockbustern wie "Snow White & The Huntsman" und Autorenkino-Produktionen. Zuletzt sah man sie bei Woody Allen, demnächst filmt sie mit Ang Lee und Kelly Reichardt. Stewart, die Arthaus-Muse.

Kristen Stewart als Frau der Gegenwart

Am besten ist sie indes, wenn sie ein Frau aus der Gegenwart spielt wie in "Personal Shopper". Sie trägt eine Lederjacke, die nicht wärmt, aber schützt. Sie zieht die Bündchen der Ärmel über die Fäuste, und stets wirkt sie auf hohem Niveau unbehaust. Man möchte ihr immerzu Multi-Sanostol-Sirup auf einen Löffel drücken und hinhalten, aber wahrscheinlich würde sie es nicht mitbekommen. Sie trägt in diesem Film fast immer Kopfhörer, weiße Kabel seilen sich aus ihren Ohren ab, und verbunden sind sie mit dem iPhone. Sie schottet sich ab gegen die Zudringlichkeit der Welt, sie ist mutterseelenallein, und selbst in den Szenen, die im Trubel der französischen Hauptstadt spielen, in Bahnen und Zügen etwa, lächelt sie an den Schönheiten des Lebens vorbei. Sie duckt sich weg, sie zieht den Kopf zwischen die Schultern, als habe sie Angst vor der Zukunft; sie will irgendwohin zurück. Ihre Maureen ist eine Figur im Transit, immer unterwegs. Sie kommt nicht an, sie hat ja auch kein Ziel, die Bewegung allein wiegt sie in Sicherheit, sobald es still wird, spürt sie Angst.

Stewart gelingt es, übergangslos aus dem Zustand größter Zerbrechlichkeit in den unverbrüchlicher Härte zu wechseln. Eben wirkte sie versonnen, dann entschlossen, und das macht ihr Spiel so aufregend, verwirrend und irritierend. Sie entzieht sich immerzu. Ihr Auftritt hält den Film denn auch zusammen. Er beginnt als Paraphänomen-Thriller und man sieht tatsächlich Geistererscheinungen samt Ektoplasma-Reflux. Daraus wird ein Psychokrimi, als Maureen SMS von einem Unbekannten erhält. Irgendwann geschieht auch noch ein Mord, aber das macht nichts, denn da hat man längst begriffen, dass es Assayas in diesem wilden Genre-Gewirr mit den vielen unverknüpft daliegenden Erzählfäden darum geht, das Erwachsenwerden in unübersichtlicher Zeit zu illustrieren. Maureen wird bewusst, dass der Zustand der Geborgenheit hinter ihr liegt. Sie wolle eine andere sein, sagt sie, aber als jemand fragt, wer sie denn sein wolle, weiß sie es nicht.

"Personal Shopper" ist ein Film über ein Gefühl, er übersetzt eine Atmosphäre in Bilder. Kristen Stewart ist hochnervös, ständig tippt sie auf ihrem Smartphone, es gibt eine ellenlange Passage, in der sie nur simst, und diese Stelle macht einen schier wahnsinnig, weil der Soundtrack dazu aus den Signaltönen für eintreffende Nachrichten besteht und man denkt, dass sei das eigene Handy, das sich da meldet.

Nora von Walstätten spielt in einen Kurzauftritt Kyra, die Chefin von Maureen, Lars Eidinger ist ein paar Minuten lang als deren gut frisierter Partner zu erleben, ansonsten kommuniziert Mauren ausschließlich mit Unsichtbaren.

"Personal Shopper" ist ein Showcase der Fähigkeiten von Kristen Stewart. Sie ist der Star zur Zeit, sie ist reine Gegenwart. Irgendwann wird Maureen gefragt, was sie machen wolle. Sie zuckt mit den Schultern und sagt: "Ich bleibe hier und warte."

Personal Shopper, Frankreich, Deutschland 2016 - Regie: Olivier Assayas, mit Kristen Stewart, Lars Eidinger, 110 Min.

Quelle: RP