Fremdscham, Freude und Gesprächsstoff

Warum wir Trash-TV so lieben

Fremdscham, Freude und Gesprächsstoff: Warum wir Trash-TV so lieben Fremdscham, Freude und Gesprächsstoff: Warum wir Trash-TV so lieben Foto: Pablo Garcia Saldaña

Dass Trash-TV im deutschen Fernsehen (und vermutlich auch international) gut ankommt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Was in den 90er Jahren mit ein paar unglücklich Verliebten begann, die Arabella ihr Leid klagten oder von Britt irgendwelche Vaterschaften testen ließen, hat sich inzwischen zu einer riesigen Fernseh-Maschinerie mit Quotengarantie entwickelt. "Bachelor", "Dschungelcamp", "Big Brother", "Die Geissens" – die Liste der Reality-Formate ist quasi endlos. Aber wieso tun wir uns die Kacke überhaupt an? Ist das nicht eigentlich alles total blöd? Ja ist es, aber aus diesen Gründen ist uns das egal:

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Es ist so schön simpel

Der Mensch ist von Natur aus bequem und wählt gerne den Weg mit der geringsten erforderlichen Anstrengung. Gerade wenn man abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, hat man für gewöhnlich wenig Lust auf schwere Kost und komplexe Themen. An der Stelle ist Trash-TV, der Everest der Anspruchslosigkeit, genau die richtige Wahl, weil man 80% seiner Hirn-Kapazitäten einfach schon mal ins Bettchen schicken kann. Die restlichen 20% können dann fröhlich Pietro und Sarah dabei zuschauen, wie sie Fliesen für ihr neues Bad aussuchen. Und nebenbei vielleicht ein Sudoku lösen, um Unterforderung vorzubeugen.

Das soziale Happening

Trash-TV gucken ist schon längst keine Individual-Aktivität mehr – der moderne Freund der Bewegtbilder findet sich zum Reality-TV-Konsum in einem Rudel ein, um das Gesehene nicht alleine verarbeiten zu müssen. Besonders die Klassiker wie der Bachelor, das "Dschungelcamp" oder "Germany’s Next Topmodel" bieten sich für diese Form des Genusses an. Die kleinen und großen Dummheiten, die man da so zu Gesicht bekommt, werden einfach nochmal viel lustiger, wenn man zusammen darüber lachen kann. Und auch wenn das Geschehen auf dem Bildschirm irgendwann meistens sowieso in den Hintergrund rückt, hat es doch dafür gesorgt, dass sich alle gemeinsam irgendwo einfinden. Wie schön!

Bachelor, GNTM, Dschungelcamp und Co.: Trash-TV-Rudelgucken ist der Hit! Bachelor, GNTM, Dschungelcamp und Co. Trash-TV-Rudelgucken ist der Hit! Zum Artikel »

Schadenfreude ist die schönste Freude

Menschen sind von Natur aus fiese Biester, die sich am Leid anderer erfreuen. Besonders schön ist es, wenn dieses Leid Menschen widerfährt, die eigentlich eher am anderen Ende der Nahrungskette stehen, zum Beispiel „Promis“. Wenn irgendwelche Luxus-Mode-Püppchen oder selbstüberschätzende Schlagersänger sich beim Kakerlaken futtern blamieren, freut uns das deswegen ganz besonders.

Micaela Schäfer, Melanie Müller und der Wendler: Das RTL-Sommer-Dschungelcamp ruft! Micaela Schäfer, Melanie Müller und der Wendler Das RTL-Sommer-Dschungelcamp ruft! Zum Artikel » Aber auch über Blamagen von Nicht-Prominenten kichern wir gerne. In den Sozialwissenschaften wird dieses Phänomen Abwärtsvergleich genannt und beschreibt den sozialen Vergleich mit anderen Menschen, die bestimmte Sachen weniger gut beherrschen als man selbst. Dadurch fühlt man sich selbst besser und kann mit seinen eigenen Makeln besser leben, denn „ich hab vielleicht nicht so schöne Haare wie das Playmate beim Bachelor, aber dafür bin ich auch nicht so blöd!“. Sein Selbstbewusstsein ausschließlich mit dem Versagen anderer aufzubauen, ist natürlich nicht gerade ratsam, aber sich ab und zu mal einen kleinen Trash-TV-Egoboost abzuholen, hat sicher noch keinem geschadet!

Aber gibt es denn gar keine Grenzen?

Das sind die Kandidaten: "Promi Big Brother" startet mit grenzwertigem Konzept Das sind die Kandidaten "Promi Big Brother" startet mit grenzwertigem Konzept Zum Artikel » Doch gibt es! Was mit "Bauer sucht Frau" noch relativ harmlos anfing, haben RTL und Sat.1 inzwischen zu einem ganzen Schwarm an Verkupplungs-Formaten ausgeweitet, die alle nur ein Ziel verfolgen: Leute vorzuführen. Zugegeben: Das "Dschungelcamp" macht das auch. Aber während die Semi-Promis dabei ganz genau wissen, worauf sie sich einlassen und das Format hauptsächlich als Selbstpromotions-Plattform benutzen, sind die Kandidaten von „Schwiegertochter gesucht“ (das mit Beate), „Schwer verliebt“ (das ohne Beate aber dafür mit ganz vielen Dicken) und Co. weniger medienerfahren und hoffen unter Umständen sogar wirklich auf die große Liebe.

Stattdessen erwarten sie dann jedoch gescriptete Konversationen, die möglichst dümmlich formuliert sind und dann nachträglich noch dümmlicher zusammengeschnitten werden. Da geht es mit der Menschenverachtung dann doch etwas zu weit und wirklich lustig ist das eigentlich schon lange nicht mehr. Da begleiten wir doch lieber die Wollnys bei ihrem siebzehnten Familien-Großeinkauf im Supermarkt. Heute gibt es Nudeln, spannend! Denn ja, wir lieben Trash-TV – aber nicht um jeden Preis.