Zauberhafte Realverfilmung

Diese Cinderella ist zu schade für den Prinzen

Zauberhafte Realverfilmung: Diese Cinderella ist zu schade für den Prinzen Zauberhafte Realverfilmung: Diese Cinderella ist zu schade für den Prinzen Foto: ap
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Kenneth Branagh ist eine zauberhafte Realverfilmung von Disneys "Cinderella" gelungen. Die wunderbare Cate Blanchett spielt die böse Stiefmutter.

Gleich zu Beginn spricht die weibliche Erzählerstimme die magischen Worte, sie sagt "es war einmal", und da atmet man automatisch aus, weil man sich so wohl fühlt und geborgen. Der Zuschauer bekommt sodann Ella vorgestellt, die sich später beim Feuermachen versehentlich etwas Asche auf die wie rosig geklopft wirkenden Wangen wischen wird. Und weil Asche auf Englisch "cinder" heißt, nennt man Ella fortan "Cinderella".

Die Britin Lily James spielt diese Cinderella. Die 25-Jährige war schon die Lady Rose in der Fernsehserie "Downton Abbey", und dort verdrehte sie in ihrer ersten Ballsaison den gelackten Junggesellen Londons die Köpfe, indem sie nichts anderes tat, als zu lächeln - und zwar ziemlich toll zu lächeln. Von ihr heißt es nun, dass sie die Welt nicht sieht, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte, und auch das ist wieder hinreißend. Man sieht Mäuse tanzen und Blumen, Schmetterlinge und blaue Vögel. Man sieht mit Ellas Augen und merkt, wie man unwillkürlich vor sich hin summt. Von da an kann man nicht mehr anders, als diesen nach Lavendel duftenden Film sehr zu mögen.

Kenneth Branagh hat für Walt Disney das Märchen verfilmt, auf das der Händler der globalisierten Träume einst sein Geschäftsmodell gründete, und Branagh hat es auf die bestmögliche Weise getan: Er scheut nicht den Kitsch, er überzieht das Schmalzgebackene der Kinderzeit sogar noch mit buntem Zuckerguss. Branagh nimmt das Genre Märchen dabei durchaus ernst, er ironisiert nicht und modernisiert nur sanft. Er will seine Zuschauer verzaubern und entführen, so wie es die Absicht hinter der Original-"Cinderella" war, dem Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1951, der sich eben nicht an den düsteren Brüdern Grimm orientierte, sondern am verspielteren "Cendrillon oder der kleine gläserne Pantoffel" (1697) von Charles Perrault.

Die Geschichte ist bekannt. Dennoch wird einem wieder etwas wehe, wenn Ellas Mutter stirbt und der Vater eine neue Frau findet, die nicht nur kein Herz hat, sondern auch noch zwei bescheuerte Töchter mitbringt. Man vergisst dann aber rasch allen Kummer, denn diese Frau wird von Cate Blanchett gespielt, und sie ist das Gegenbild zur pudrig-zarten Ella. Blanchett bringt hier im Grunde eine Persiflage auf die Rolle, mit der sie in "Blue Jasmine" den Oscar gewann. Sie gibt viel Gift in ihre Vorstellung, aber gut dosiert und nicht so überkandidelt wie einst Glenn Close in "101 Dalmatiner". Sie führt ihren Kater "Luzifer" an der rosa Leine, sie gibt dem Bösen Grazie und Würde und sogar einen Grund, denn sie ist eine Alleinerziehende, die von den Männern verlassen wurde und nun bloß dem Selbsterhaltungstrieb folgt.

Übernatürliche Farben

Am Drehbuch hat Chris Weitz mitgeschrieben, der seit "About A Boy" als Spezialist für Geschichten vom Erwachsenwerden gilt. Er und Shakespeare-Fachmann Branagh, der 1989 mit seinem ersten Film "Henry V." für den Oscar nominiert wurde, inszenieren einen Sommernachtstraum für Vergangenheitsselige. Die entlegensten Nebensachen halten sich loyal an den Geist des Gesamtunternehmens und setzen dessen Wirkung fort. Selbst die Blumendekoration auf dem Kaminsims strahlt also, und die Tiere auf der Wiese muten wie frisch gebadet an. Die Farben sind ins Übernatürliche gesättigt, vor der Linse der Kamera tanzt Goldstaub. Branagh lebt seine Lust an Panoramen aus, Sonnenstrahlen lassen die Bilder verschwimmen.

Als wäre das nicht genug, setzt er jedem Licht auch noch ein Krönchen auf. Man schaut und schwelgt, und der Höhepunkt ist erreicht, als Helena Bonham Carter auftritt und aus einem Kürbis eine Kutsche zaubert. Aus Mäusen werden Schimmel, aus Eidechsen livrierte Diener, die Gans wird zum Kutscher, und Swarovski fertigte den gläsernen Pantoffel, der den Prinzen später zum Mädchen führt und alles gut werden lässt. Ein Fest ist das, und wer sich nicht daran stört, dass der Prinz von undurchdringlicher Unscheinbarkeit ist, und wer zudem die Frage links liegen lässt, was man mit so einem Stiesel nach der Hochzeit reden soll, wird viel Spaß haben.

Branagh hat eine elfenhafte Operette für Kinder gemacht, aber er zwinkert den Erwachsenen verschwörerisch zu. Er führt sie zurück zu den ursprünglichen Erlebnissen, erfüllt das Bedürfnis nach Eskapismus, wiegt sie in Sicherheit. "Genieß es, solange es währt", heißt es in "Cinderella". Es fühlt sich sehr gut an.

Quelle: RP