Alice Cooper, Passion Pit, Arcade Fire und mehr!

Reingehört: Neue Alben vom 4. August 2017

Alice Cooper, Passion Pit, Arcade Fire und mehr!: Reingehört: Neue Alben vom 4. August 2017 Alice Cooper, Passion Pit, Arcade Fire und mehr!: Reingehört: Neue Alben vom 4. August 2017 Foto: Cover

Neue Alben braucht das Land: Wir haben für euch querbeet reingehört und verraten euch, was sich für die Beschallung des Trommelfells am besten eignet.

Da die letzten zwei Wochen in Sachen neuer - und vor allem spannender - Alben ziemlich dürftig und überschaubar waren (Sommerloch, olé olé!), haben wir uns mal wieder eine längere Auszeit gegönnt. Mittlerweile sind dann doch einige Highlights zusammengekommen, die wir euch nicht vorenthalten wollen. Spoiler: Diesmal werden vor allem Rock- und Metal-Fans glücklich, denn mit Alice Cooper und Accept finden sich gleich zwei absolute Klassiker auf unserer Liste.

Die letzten Ausgaben von "Reingehört" findet ihr hier:

Reingehört: Neue Alben vom 21. Juli 2017, u.a. mit Lana del Ray und Mura Masa
Reingehört: Neue Alben vom 7. Juli 2017
, u.a. mit Stone Sour und Faber
Reingehört: Neue Alben vom 23. Juni 2017
, u.a. mit Imagine Dragons und Katy Perry
Reingehört: Neue Alben vom 2. Juni 2017
, u.a. mit Kraftklub und Major Lazer

Crème de la Crème für das Trommelfell Die besten Alben 2017 56 Fotos  

Alice Cooper - Paranormal

Vincent Damon Furnier nähert sich mit großen Schritten den 70 Jahren - am 4. Februar 2018 darf er 70 Kerzen ausblasen. Die Puste dafür sollte er noch haben. Es ist beeindruckend, wie sicher er noch immer im Sattel sitzt, wenn es um das Abliefern fantastischer Rock-Songs geht.

Zugegeben: Auf seinem neuen, bereits 27. Studio-Album gesellt sich auch einige prominente Hilfe an seine Seite. Zum Beispiel Bassist Roger Glover (Deep Purple, Rainbow), oder Gitarrist Tommy Denander, Billy Gib­bons (ZZ Top) und Larry Mullen Jr. (U2). Mit solchen Leuten sollte es doch ein leichtes sein, eine Scheibe für die Ewigkeit zu erschaffen!

10 Tracks umfasst "Paranormal", hinzukommen 2 Bonus-Song und 6 Live-Tracks von seinem Gig in Columbus, darunter Klassiker wie "School's Out", "Billion Dollar Babies" und "No More Mr. Nice Guy". Überraschung: Die 12 neuen Tracks müssen sich allesamt nicht vor den Klassikern verstecken. Ganz im Gegenteil: Jeder Song überrascht, jeder Song vereint andere, kreative Elemente in sich - und vor allem: Alice Cooper legt den sperrigen Rock der letzten Alben ad acta, und konzentriert sich wieder auf astreinen, teils erstaunlich groovigen 70er-Jahre-Rock.

Unsere Highlights bislang: Der titelgebende Opener "Paranormal" verneigt sich vor Deep Purple, das von Bläsern begleitete "Holy Water" grooved euch die Schuhe von den Füßen, das psychedelische "The Sound Of A" hätte selbst Pink Floyd eine Freudenträne ins Auge getrieben und die zwei Bonus-Tracks "Genuine American Girl" und "You and All of Your Friends" zeigen, was die Original-Bandbesetzung (Dennis Dunaway, Neal Smith und Michael Bruce) auch heute noch drauf hat. Herrlich! 5 von 5 Sterne!

Arcade Fire - Everything Now

Nanu, wer hat denn da ABBA in den Player geschmissen? Ha, das ist gar nicht ABBA? Nein, das ist doch eine Männerstimme… und sie gehört Win Butler, dem Frontmann der kanadischen Indie-Rock-Band Arcade Fire - aber Kanada ist ja praktisch das Schweden von Amerika, also dann doch wieder irgendwie nah dran an ABBA.

Während der Einstieg in "Everything Now" noch ABBA-Vergleich zulässt - will heißen: großartiger, von Violine und Klavier unterstützter Pop - biegt die Band später in schrägere Regionen ab: "Signs of Life" schickt euch Liebesgrüße aus Groovy-Land, "Creature Comfort" spielt Videospiele in den 80ern, und "Electric Blue" ist eine schrill blinkende Elektro-Asia-Reklametafel am Ufer des Jangtsekiang.

Last but not least verneigt man sich mit "Put Your Money On Me" noch einmal vor ABBA, um danach von der Bühne zu stürmen und uns mit einem Grinsen im Gesicht im Hippie-Gras vor der Bühne liegen zu lassen. Tolles Teil! 4 von 5 Sterne!

Mystery Skulls - One of Us

"I believe it, Someone's here, They can see me" - ja, "One of Us" ist zumindest in Sachen Lyrics höchst paranoider Kram, der die komplette Überwachung der Bürger durch die Regierung an vielen Stellen aufgreift. "I said, even if I told ya, They've been looking for you, we're on to you. Darkness is my signal. So what do you to me, and what do me to you?" singt Luis Dubuc im Titelsong - doch uns interessiert die Message dahinter nicht wirklich, denn unsere Beine haben sich längst auf den Dancefloor verirrt, um zu den astreinen House- und Elektro-Tracks abzugehen.

Insgesamt findet ihr auf "One of Us" 10 Tracks mit einer Laufzeit von 30 Minuten. Unser Highlights: Der stampfende und vor tollem Gesang nur so strotzende Opener "Live Forever", das mit einer fantastischen Hookline ausgestattete "Losing My Mind" - bei der selbst die verzerrten Lyrics ausnahmsweise mal NICHT nerven, das groovig-spaßige "Follow You" und das spacige "Music", welches uns kurz an Jamiroquai und Daft Punk denken lässt - und uns gleichzeitig erkennen lässt, was für ein Schmuckstück wir da gerade hören durften. 5 von 5 Sterne!

Accept - The Rise of Chaos

Die deutschen Metal-Jungs aus Solingen sind seit den späten 60er Jahren im Geschäft und liefern mit "The Rise of Chaos" bereits ihr fünfzehntes Studioalbum. Dabei hat sich in Sachen Band-Line-up einiges getan: Gitarrist Uwe Lulis und Schlagzeuger Christopher Williams feiern ihre Premiere und lösen die Urgesteine Herman Frank und Stefan Schwarzmann ab - beide verließen die Band bereits Ende 2014. Keine Sorge: Mark Tornillo bleibt an Bord und darf sich wieder durch 46 Minuten und insgesamt 10 Tracks kreischen.

Seit 2010 feiert Accept nun einen Erfolg nach dem nächsten: Drei Alben in Folge erreichten die höchsten Chart-Platzierungen in der Band-Historie, zuletzt "Blind Rage" (2014). Da ist es zwar noch immer respektabel, aber keineswegs verwunderlich, dass die Qualität auch auf "The Rise of Chaos" extrem hoch bleibt - und selbst alt eingerockte Fans nicht zu langweilen vermag.

Unsere Highlights: Gleich der Opener "Die by the Sword" presst uns mit tosenden Gitarren durch den Stoff des Sofas an die Wand, das eher entspannte "Koolaid" brettert auf zwirbelnden Saiten mit uns in den Sonnenuntergang und das große Finale "Race to Extinction" lässt uns glückselig und erschöpft auf den Boden sinken und die Hände zum Himmel recken. Last but not least: Bei "Analog Man" bleibt der zeitkritische Text im Kopf hängen, während man im Chorus an "Balls To The Wall" erinnert wird. Geiles Teil!

"I was born in a cave, when stereo was all the rage, gatefold vinyl and eight tracks ruled the world, now there's flat screens in 3D, my cell phone's smarter than me, I can't keep up, my brains are beginning to burn."

5 von 5 Sterne für die harten Jungs aus Solingen!

Passion Pit - Tremendous Sea of Love

Mit "Take a Walk" blieb die Indie-Pop-Band aus Cambridge, Massachusetts so einigen Hörern im Trommelfell hängen – aber auch das schräge "Sleepyhead" kommt aktuell auf über 80 Millionen Aufrufe bei Spotify. Da darf man doch gespannt sein, wie sich das neue, vollkommen kostenlos über Twitter veröffentlichte Album der "Ein-Mann-Band" Michael Angelakos so im Trommelfell anfühlt.

Nach dem ersten #Reingehört: Ganz hervorragend! Und bewegend! Letzteres ist kein Wunder, immerhin hat Angelakos aktuell keine allzu leichte Zeit hinter sich. Scheidung, Bipolare Störung – und dann bekennt er sich öffentlich dazu homosexuell zu sein. Da klingt der Album-Titel "Tremendous Sea of Love" beinahe ironisch.

Umso schöner, dass man als Hörer sehr gerne die Reise in die Pyche von Angelakos antritt, an Vogelgezwitscher, klirrenden Xylophonen, tiefen Bässen und jeder Menge schrägen Synthies vorbei etwas Erhabenes findet, etwas Einzigartiges. Sicher, die Reise ist nicht leicht und definitiv kein "simpler" Pop, wohl aber eine Klangerfahrung, die man nicht verpassen sollte.

Anspieltipps: "Somewhere up There", "To the Otherside" und der Titeltrack "Tremendous Sea of Love". 4 von 5 Sterne!

Benjamin Gibbard - Bandwagonesque

Benjamin wer? Ach, Gibbard! Der Frontmann von Death Cab for Cutie! Na klar! Hätten wir auch gleich drauf kommen können!

Ok, den ersten Teil der Gleichung hätten wir also. Kommen wir schnell zum unaussprechlich schwierigen "Bandwagonesque". Der Name lässt etwas bei euch klingeln? Dann seid ihr wohl ein Kind der frühen 90er! 1991 erschien die gleichnamige Platte der schottischen Alternative Rock Band "Teenage Fanclub" und sicherte sich den Titel "Album des Jahres" noch vor Nirvanas "Nevermind" - zumindest im amerikanischen Musik-Magazin „Spin“.

Da hat sich unser lieber Benjamin Gibbard also keinen leichten Stoff an die Backe gelacht, den es hier zu covern gilt. Gleich der Opener "The Concept" läuft über 8 Minuten und lässt uns im säuselnden "haaaa haaa ha ha jaaa" die Schuhe in Richtung Horizont kicken und die nackten Füße in den Sand drücken. 42 Minuten später liegen wir noch immer dort – glückselig, verliebt und vollgepackt mit Erinnerungen an famose Song-Konstrukte wie "What You Do To Me" und "Metal Baby".

Das Beeindruckende: Unser lieber Ben schafft es Bandwagonesque nicht nur wiederzubeleben, sondern für die heutige Zeit relevant zu machen. Und das ist am Ende dann doch mehr, als wir uns hätten vorstellen können. Fantastisches Teil! 5 von 5 Sterne!

Prong - Zero Days

Qualitativ hochwertig trashen sich die New Yorker Prong durch Album Numero 12 "Zero Days", welches vor allem unter einem großen Problem leidet: Das Vorgängeralbum "X – No Absolutes" von 2016 einzuholen ist eine beinahe unlösbare Aufgabe!

Und - soviel können wir bereits jetzt verraten: Es ist der Band rund um Frontmann Tommy Victor leider nicht gelungen. Was wiederum nicht heißen soll, dass Zero Days ein schlechtes Album geworden ist! Gleich der Opener "However It May End" stampft uns durch den Boden wie eine schlecht gelaunte Nashorn-Herde, "Divide And Conquer" fischt mit Clean-Lyrics und eingängigem Gesang in Alternative-Rock-Regionen und "The Whispers" ist einfach herrlich düster und melodisch.

Ganz egal ob roh, melodiös oder laut kreischend, Tommy Victor hat seine Vokabeln gelernt. Das wirkt alles insgesamt nicht ganz so erinnerungswürdig wie auf "X – No Absolutes", lässt aber weiterhin die Frage aufkommen, warum diese Band noch nicht in den großen Stadien dieser Welt spielt. 4 von 5 Sterne!