Großes Campino-Interview

"Gott sei dank kann ich leben, wie ich will"

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Er ist ein dankbarer Gesprächspartner. Campino redet sich gern in Rage. Das Klagen über die Krise nervt ihn, sagt er. Von Politikern wünscht er sich Haltung. Er erzählt, wie es früher zu Hause zuging, und von seinem Bruder, dem Insolvenzverwalter. Sie treten zwischen dem 19. und 26. Dezember sechsmal im Düsseldorfer ISS Dome auf. Weihnachten arbeiten - ist das schlimm für Sie?

Campino Überhaupt nicht. Weihnachten akzeptiere ich als Kinderfest. Wenn man Familie hat und mit ihr die Weihnachtstage verbringt, dann sollte man sich Mühe geben, das zu einem tollen Fest werden zu lassen. Aber in meinem Fall ist es nicht so schlimm.

Und Ihr Sohn?

Campino Er ist bei der Familie seiner Mutter super aufgehoben. Die machen ein tolles Weihnachtsfest für ihn. Ich bin an Silvester für die Ballerei zuständig. Und was meine eigene Familie angeht: Seitdem meine Eltern tot sind, ist das alles nicht mehr so dringlich. Weihnachten hat einen festen Platz in meinem Herzen, aber ich kann problemlos in einem Hotelzimmer liegen, ein Glas Wein trinken und meine Ruhe haben. Ich bin dann konzentriert auf die Konzerte. Heiligabend habe ich zwar frei, aber danach sind noch zwei Termine, und die sind erst vorüber, wenn der letzte Ton gespielt ist. Diese Professionalität musst du mitbringen.

Sie sagten, Weihnachten sei in Ihrem Herzen - seit der Kindheit?

Campino Das ist nicht nur eine Kindheitserinnerung. Bei allem Für und Wider ist Weihnachten in unserer Kultur das emotionalste Fest im Jahr. Vor allem, wenn man die Kaufrauschgeschichte und den Konsumzwang, der Weihnachten ein bisschen beschädigt, beiseite lässt. Ich finde, es ist ein Fest, das in der Krise besonders berührt.

Krise ist ein gutes Stichwort. Es gibt noch keinen Song über die Wirtschaftskrise. Warum springen die Toten Hosen nicht ein?

Campino Wir empfinden uns nicht als Feuerwehrmänner des Kommentars, wenn irgendetwas in der Gesellschaft den Bach runter geht.

Komisch, auch Grönemeyer lässt nichts von sich hören.

Campino Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass diese Krise nicht hausgemacht war. Man konnte nicht die Regierung dafür verantwortlich machen. Wir haben eine Große Koalition gehabt. Die hat ihre Sache gar nicht so schlecht gemacht. Ich konnte als beobachtender Bürger vieles nachvollziehen - nur das ständige Gemecker nicht, das es über diese Konstellation gab. Es wäre nicht richtig gewesen, die Politiker anzugreifen. Mir ist ja auch nichts Besseres eingefallen.

Und nun, nach der Wahl?

Campino Jetzt sind die Feindbilder wieder klarer. Und da könnte es sein, dass von Seiten der Kunst und auch der Musik wieder schärfere Kommentare kommen.

Welcher Art?

Campino Die Nachrichten erzählen uns dauernd, wie schlecht es uns geht. Selten wird dabei erwähnt, dass wir wahnsinnig gut leben im Verhältnis zu anderen. Der Nackenbruch, der findet woanders statt. In Afrika und Asien. Die Menschen dort sind auf gewisse Gelder angewiesen, die natürlich als erstes eingefroren wurden oder nicht mehr locker zu machen sind. Das ist das schlimme Ende der Geschichte. Da sind wir so in der Mitte, im Grunde hören wir nur von den schlechten Nachrichten. Auch im Umfeld merkt man, dass der eine oder andere Sorgen hat. Aber letztendlich ist das alles noch zu kompensieren.

Viele jüngere Menschen machen sich mehr Sorgen. Aber auch von ihnen meldet sich kaum jemand. Warum reagiert keine junge Band, Silbermond, etwa?

Campino Die Musik hatte Ende der 70er, Anfang der 80er und noch bis in die 90er Jahre hinein den Anspruch, mit Liedern Dinge anzustoßen. Heute kommt mir so eine Haltung, die wir immer noch pflegen, fast ein bisschen altmodisch vor. Es mag sein, dass Bands sich davor in Acht nehmen, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Weil das ja auch angreifbar macht. Stichwort: Gutmensch, Stichwort: leidender Juso. Man macht sich ja nicht unbedingt beliebt mit diesen Themen. Wir merken das, wenn wir uns für Oxfam, Pro Asyl oder Afrika einsetzen. Oft erntet man damit Zynismus, vor allem von Leuten, die sehr richtungsweisend waren wie Harald Schmidt. Das endet in einer Allesniedermache. Solche Reaktionen halten viele Halb-Überzeugte davon ab, sich einzumischen. Wer kein Anliegen hat, kann auch nicht abgeschossen werden. Vielleicht ist das ein Grund, warum viele Bands sich teilweise wieder in englische Texte flüchten oder bei sich bleiben und ihrer Gefühlswelt.

In wen setzen Sie Hoffnungen? Wer könnte Kritik wagen? Jan Delay?

Campino Ich würde nicht bei Jan Delay anfangen, wenn es um kritische Sachen geht. Da ist er nicht der richtige Mann. Das müsste irgendwo anders herkommen.

Noch einmal aus dem Punk vielleicht?

Campino Eine Zeitlang haben das die Punkbands übernommen, in bester Rio-Reiser-Tradion. Schauen Sie sich eine Band an wie Slime oder auf eine subtilere Art die Fehlfarben. Das waren Texte, da konnte man eine Haltung erkennen. Peter Hein! Das waren Sternstunden für die deutsche Pop- und Rockmusik. Das hat Seltenheitswert.

Und Peter Fox?

Campino Peter Fox hat ein paar ganz gute Sachen gemacht. Der ist gut mit seiner Solo-Platte. Der hat Sprachgefühl. Ihm würde ich ohne weiteres zutrauen, dass der mal ein Ding raushaut, das Anstöße gibt. Wo es um wirklich Kritisches in der Gesellschaft geht.

Kann man jüngere Leute über Musik überhaupt noch erreichen? Ist die Musik noch so wirkmächtig?

Campino Das glaube ich auf jeden Fall. Es geht gar nicht um jüngere Leute, sondern es geht darum, dass man alle erreichen kann. Musik ist nach wie vor etwas hoch Emotionales.

Aber hat die Musik noch die Kraft Identitäten zu stiften?

Campino Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch einmal zu so einer Bewegung kommt, wo Musik eine solche Wichtigkeit hat wie im Punk oder bei den Hippies. Mittlerweile hat sich das Leben sehr verändert. Über das Internet und durch das verstärkte Freizeitangebot hat sich eine Aufsplitterung der Milieus ergeben. Das ist aber nicht weiter schlimm.

Was heißt es, heute links zu sein?

Campino Ich würde mich nicht versteifen wollen auf diesen Ausdruck: links sein. Ich kann bei mehreren Parteien gute Gedankenansätze finden. Trotzdem gibt es keine Partei, bei der ich für alles unterschreiben möchte. Ich weiß nur, dass es nicht richtig sein kann, dass eine Partei in Deutschland den Ausschlag gibt, die als erstes dafür berühmt ist, dass sie keine Grundsätze oder Prinzipien hat.

Welche Partei meinen Sie?

Campino Die FDP natürlich. Sie zeichnet sich dadurch aus, absolut ideologiefrei zu sein.

Frei von Ideologie zu sein, das ist nicht unbedingt schlecht.

Campino Herr Westerwelle ist für mich ein Feindbild. Nicht weil er politisch ein Profil hätte, sondern weil er für mich ein Synonym ist für im Strom schwimmen und die Fahne nach dem Wind halten. Dieser Mann ist in den Container bei Big Brother gegangen, und er würde es jederzeit wieder tun. Er malt sich im Geiste immer noch seine Prozentzahlen auf den Schuh. Fremdschämen ist der Ausdruck, der mir bei ihm ganz schnell einfällt. Da haben wir uns doch alle wohler gefühlt, als Joschka Fischer das gemacht hat.

Sollte man nicht jedem Zeit geben, sich zu bewähren - auch gegen die eigenen Vorurteile?

Campino Wir werden das auch überstehen. Bei der großen Koalition gab es im Hintergrund Leute, die Substanz haben und bei vielen Sachthemen spürte ich eine gewisse Kompetenz. Die wurde jetzt erst einmal eingetauscht gegen neue Leute. Man kann nur hoffen, dass die sich selbst übertreffen und in ihrem Job wachsen. Auch Gerhard Schröder und viele andere Politiker zuvor sind in ihre Rollen gewachsen. Diese Zeit muss man ihnen lassen. Das Schönste wäre, wir sitzen in zwei Jahren hier und ich würde zugeben müssen, dass Westerwelle das doch irgendwie gut hingekriegt hat. Was Besseres können wir uns ja nicht wünschen.

Haben die Toten Hosen noch den Anspruch, Gegenwart und Realität abzubilden?

Campino Ja. Ich habe den Anspruch, Texte zu schreiben aus dem Hier und Jetzt, aus meiner Position hier und jetzt in dieser Gesellschaft. Dass ich mich selber dabei nicht vergessen kann, dass das Ich immer reinspielt in die Texte, das geht jedem Autor so. Aber ich habe den Anspruch, dass das Dinge sind, die in vollem Bewusstsein mit dem, was gerade passiert, aufs Papier gehen.

Wie hält man den Kontakt zur Außenwelt? Ich unterstelle, dass je populärer man wird und je etablierter, es immer schwieriger wird, Gegenwart und das Neue aufzunehmen?

Campino Ich lebe nicht abgehoben.

Das wollte ich nicht sagen.

Campino Es hörte sich aber so an. Ich kann nicht beurteilen, wie Boris Becker lebt oder jemand, der weltweit immer erkannt wird und der in einer Elitewelt lebt, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich gehe in Düsseldorf-Flingern ganz normal einkaufen. Vielleicht unterhält sich die Brötchen-Verkäuferin mit mir eine Sekunde länger als mit anderen. Gott sei Dank ermöglichen mir die Leute, hier genauso zu leben wie sie selber auch. Daher bin nicht in einem Elfenbeinturm.

Was hat Sie zuletzt euphorisiert? Im Kino etwa.

Campino Ich bin immer wieder begeistert, wenn ein toller Kinofilm herauskommt, ein Film, der bewegt. Ich habe leider nicht so viel Zeit ins Kino zu gehen. Ich habe eine Riesenliste von Streifen, die ich gerne schauen würde.

In der Kunst?

Campino Ich interessiere mich für Fotografie. Auch weil wir Leute kennen, die da eine gewisse Rolle spielen, Andreas Gursky etwa. Wenn Andreas eine Ausstellung macht, dann sind wir informiert, und wenn es zeitlich passt, dann fahren wir hin. Auch durch Donata Wenders ist mein Interesse deutlich gesteigert worden. Die letzte Ausstellung, auf der ich war, war die von Imi Knöbel in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Campino „Der Nazi und der Friseur“ von Edgar Hilsenrath.

Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen? Berät Sie jemand bei der Lektüre-Auswahl?

Campino Lustigerweise Carmen Knöbel, die Ehefrau von Imi Knöbel. Ihr gehörte früher der Ratinger Hof, als ich so 13, 14 Jahre alt war. Die hat ein bisschen auf mich aufgepasst. Wenn ich den letzten Bus verpasst hatte, gab sie mir Taxigeld. Sie war wie eine Schutzpatronin. Über die Jahre ist eine schöne Freundschaft gewachsen. Sie liest unheimlich viel und schickt mir immer wieder ein Paket. Ohne viel Aufstand steht da „Musst Du gelesen haben“ oder „Schau Dir das mal an“. Den Hilsenrath habe ich von ihr.

Man sah Sie zuletzt häufig in die Clubkultur abtauchen, mit dem DJ Sven Väth im „Amnesia“ auf Ibiza etwa. Wie passt das zusammen?

Campino Viele Kollegen aus der Techno-Szene haben einen klaren Bezug zu Punk-Rock. Sven Väth etwa, Westbam. Die haben damit angefangen, Punk-Platten aufzulegen. Und sie sind weitergegangen. Sven Väth ist in dem, was er abzieht, mehr Rock ’n’ Roll als viele Musiker, die eine Gitarre um den Hals hängen haben. Auch sein Leben, dieses ständige Auf-Tour-Sein, da gibt es so viele Parallelen. Ich mag ihn sehr gerne. Im Techno geht es um Energie. Es geht um abtanzen, und es geht darum, dass man rauskommt und sich körperlich entlädt.

Ihr älterer Bruder Michael ist Insolvenzverwalter und bei Lehman Brothers engagiert, bei deren Abwicklung. Was haben Sie für ein Verhältnis?

Campino Ich weiß, was er gerade macht und dass er einen unheimlichen Druck aushalten muss. Es geht um Milliarden. Aber wenn wir uns treffen, ist das kein Thema. Wir gehen zurück in unsere Jugend, spielen Tischtennis oder Tipp-Kick.

Man kann sich kein gegensätzlicheres Brüderpaar vorstellen.

Campino Ich denke, dass wir uns in manchen Dingen viel ähnlicher sind, als man glaubt oder wir selber erkennen. Letztlich geht es in seinem Beruf um Kommunikation mit Menschen, und was anderes mache ich auch nicht. Dass wir grundsätzlich andere Ansätze haben, wie man in dieses Leben geht, das ist klar. Er war auf der Linie meines Vaters, was die Karriere betrifft. So hat der Vater es sich gewünscht. Ich war genau nicht auf der Linie meines Vaters. Vielleicht landen wir am Ende dann doch wieder am selben Punkt. Der eine geht den Kreis in die linke Richtung und der andere in die rechte.

Waren Sie Konkurrenten?

Campino In der Jugend, ja. Aber jetzt nicht mehr. Ich glaube, wir verstehen von dem Leben des anderen nicht so sehr viel, aber wir respektieren einander.

Aber gerade am Anfang, als Sie und Ihr Bruder begonnen haben, Ihre Wege zu gehen, gab es doch sicher Reibereien.

Campino Mein Bruder Mike wäre jetzt nicht derjenige, der mich am Anfang meiner Musiklaufbahn dazu ermutigt hätte, weiter zu machen. Dafür waren die anderen Geschwister zuständig, die älter waren und einen anderen Blick gehabt haben. Zwei Brüder, die drei Jahre auseinander sind, die hauen sich auch mal einen auf die Glocke. Der eine versucht, dem anderen in Latein was beizubringen, obwohl er es selber nicht genau kann. Dann wird’s auch schon mal hitzig. In der Zeit, da wir zusammengelebt haben, hat es immens viele Auseinandersetzungen gegeben. Ansonsten sind wir zwei Brüder von sechs Geschwistern, und die anderen sind genauso wichtig. Wir sind eine eingeschworene Truppe.

Was machen Sie nach Weihnachten, wenn die Konzerte vorüber sind?

Campino Wir müssen im Februar nach Argentinien, weil es in Cordoba, in der Mitte des Landes im Gebirge, ein Independentfestival gibt. Da kommen 30000 Leute, und es ist vom Charakter her sehr anders, weil es nicht groß gesponsert ist wie sonst Veranstaltungen in der Größenordnung. Wir haben auch vor, im nächsten Jahr eine Asientournee zu machen und eventuell eine Polentournee. Aber wir werden uns in Deutschland sehr zurückhalten. Wir haben nicht vor, in den nächsten zwei Jahren eine Platte rauszubringen.

Ausreichend Zeit also für den Schauspieler Campino.

Campino Priorität ist auch, Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Das bedeutet, dass ich nicht daran denke, irgendwelche Seitensprünge zu veranstalten in Richtung Film oder Theater.

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Quelle: rpo