Review-Diskussion: Warum Spiele-Tests keine Zahlen benötigen

Werden Wertungen obsolet?

Review-Diskussion: Warum Spiele-Tests keine Zahlen benötigen: Werden Wertungen obsolet? Review-Diskussion: Warum Spiele-Tests keine Zahlen benötigen: Werden Wertungen obsolet?
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„82 Prozent? 4 von 5 Sternen?“ Bereits seit unzähligen Jahren diskutieren Journalisten über Wertungssysteme, doch in den letzten Monaten nahm die Anzahl derer gewaltig zu, die gegen eine simple Zahl am Ende eines ellenlangen Tests sind. Wir werfen einen Blick auf die Diskussion und versuchen zu zeigen, ob sich Spiele überhaupt noch objektiv bewerten lassen.

Die populäre, englischsprachige Games-Seite Joystiq.com verabschiedet sich pünktlich zum Start ins neue Jahr von seinem „5 von 5 Sternen“ System und gleichzeitig von der „Messung von Spielspaß“ durch eine Zahl.

Als ich den langen und hervorragend geschriebenen Erklärbeitrag von Richard Mitchell gelesen hatte, fingen die Zahnräder in meinem zerebralen Zentrum wieder an zu rattern: Schon lange wollte ich mich mal wieder ausführlicher mit dem Thema beschäftigen, welches zuletzt auch einen Platz in meiner Magisterarbeit „Anwendung der kognitiven Hermeneutik auf Videospiele“ gefunden hatte. Wer kein Fachchinesisch mag: Die Arbeit beschäftigt sich mit einer Interpretationsmethode von Videospielen, welche sich am Produzenten aufhängt und dessen Motive versucht zu ergründen. 

Nur wenige Wochen später ziehen jetzt auch die Kollegen von Eurogamer nach und verabschieden sich vom ewigen „X von 10 Punkten“-Mantra: Games are changing – so reviews should too.

Somit hätten wir mit Joystiq.com, Eurogamer.net und Kotaku gleich drei prominente Spiele-Seiten, welche sich vom alten Gefüge lösen wollen und einer neuen Zukunft der Bewertung entgegenstreben. 

Ebenso brandaktuell ist die Debatte bezüglich des von 2K Games publizierten Titels „Evolve“: Eine ganze Bandbreite an Medien verweigert dem Spiel eine endgültige Wertung vor dem Start und weist auf einen „Test in Entwicklung“ hin. Dass dies insbesondere bei Online-Spielen Sinn macht (deren Infrastruktur erst unter „Live“-Bedingungen getestet werden kann), dürfte für jeden Spieler einleuchtend sein, war in der Vergangenheit aber längst nicht immer der Fall.

Egal wie man es dreht, wir – also der Gaming-Journalismus an sich – befindet sich bereits seit längerer Zeit auf dem Scheideweg. Oder wie es Ex-Gamestar-Chefredakteur Christian Schmidt bereits 2011 in seinem viel diskutierten Beitrag "Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester" geschrieben hat: 

"Videospiele sind auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Gleichzeitig befindet sich der Fachjournalismus, die professionelle Kritik dieser Spiele, auf dem umgekehrten Pfad. Er bewegt sich aus der Mitte der Gesellschaft an ihren Rand." (Quelle: Spiegel.de)

Ich möchte hier weder das Ende des Gaming-Journalismus heraufbeschwören, noch das Bewertungssystem auf Teufel komm raus für nichtig erklären - und es allen Recht machen kann man ohnehin nicht - aber die Diskussion ist wichtig und entscheidend für unseren weiteren Umgang mit einem Medium, welches sich längst über Bruder Film und Schwester Buch erhoben hat.

Wie lässt sich ein Spiel objektiv bewerten?

Wie lässt sich ein Spiel bewerten? Nein, wichtiger: Wie lässt sich ein Spiel OBJEKTIV bewerten? Bei einer Runde „Stein, Schere, Papier“ wird niemand rufen, dass diese verdammt clevere Mechanik mindestens 9 von 10 Punkten, oder 89 Prozent Spielspaß verdient hätte. Packt man dieselbe Mechanik in ein Videospiel – beispielsweise Starcraft II – und veredelt sie mit zig unterschiedlichen Einheiten, einer wahnsinnig detaillierten Hintergrundgeschichte (das, wovon Gamer gerne als „Lore“ reden) und einem visuell ansprechenden Blickfang, sieht die Sache schon ganz anders aus.