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Until Dawn im Test für PlayStation 4

Nächste Ausfahrt: Alptraum: Until Dawn im Test für PlayStation 4 Nächste Ausfahrt: Alptraum: Until Dawn im Test für PlayStation 4 Foto: SCE
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Puls treibender Horror, packende Inszenierung, spannende Story, echtes Mitgefühl mit den Charakteren: Das Horror-Spiel "Until Dawn" für die PS4 von Supermassive Games hat sich viel vorgenommen. Aber kann es seinen Ansprüchen gerecht werden? Wir finden: Es kann.

Es war nur eine voreilige Wahl gegen Ende des Spiels. Ich habe die acht Teenager bis dahin sicher durch das Horrorszenario geführt und klopfte mir schon auf die Schulter für meine überragenden Entscheidungen in den zehn Akten. Um es kurz zu machen: Drei sind kurz vor dem Finale gestorben und einer mehr oder weniger. Das war der Moment, in dem ich den PS4-Controller gegen die Wand schmeißen wollte. Denn einige unter meinen "Opfern" sind mir in den etwa zehn Stunden eines Durchgangs sympathisch geworden, und es hat sich nach dem Erlebten ein fast schon inniges Band entwickelt. Aber "Until Dawn" verzeiht eben nur kleinere Fehler und bestraft die großen. Nicht immer unbedingt sofort, aber dann umso härter später.

Frostiger Horror Until Dawn - Screenshots 19 Fotos

Das Spiel ist eine intensive Erfahrung, auch wenn der Start etwas mühsam ist. Acht Jugendliche sitzen in einem Haus auf einem Berg in einem verschneiten Wald fest. Es ist der Jahrestag einer Tragödie, unter die sie einen Schlussstrich ziehen wollen. Ich kann nicht behaupten, dass das sehr innovativ ist. Zumal der Horror sich nur langsam entfaltet, um nicht zu sagen, etwas zäh. Anfangs wird viel Zeit damit verbracht, die Figuren einzuführen.

Und die sind zunächst alles andere als interessant, sondern aus der Klischee-Kiste gegriffen: der Sportler, die Zicke, die Traumfrau, der Womanizer, der Nerd, die Verhuschte, die Weltverbesserin und der Labile. Zwischen ihnen gibt es dann noch einiges an Liebesgeplänkel. Anfangs fühlte ich mich wie in einer Teenie-Drama-Beziehungs-Soap-Opera.

Zäher Start, gut geschriebene Charaktere

Hat man das überstanden, zieht das Spiel an. Je präsenter der Horror wird, desto spannender werden das Spiel und mit ihm die Figuren: Sind sie erst einmal auf sich allein gestellt und unterliegen sie nicht mehr dem Gruppenzwang, gewinnen sie an Kontur, lösen sich von ihrer Klischee-Schablone und reagieren wie echte Menschen. Den Womanizer Mike fand ich beispielsweise anfangs ziemlich ätzend. Als er sich dann ohne die anderen beweisen musste, wurde er immer sympathischer – bis er wieder auf die Gruppe stieß, das Alpha-Männchen raushängen ließ und erneut nervte.

Das ist ein geschicktes Spiel mit Verhaltensmustern von Charakteren, die keine eindimensionalen Abziehbilder sind und die von der überzeugenden Leistung der Schauspieler wie unter anderem Hayden Panettiere getragen werden. Mit diesen Figuren den Horror zu erleben, hat seinen Reiz – vor allem, weil ich entscheiden kann, wie sie sich verhalten. Geben sie einen unsensiblen, deplatzierten Kommentar ab oder reagieren sie eher einfühlsam?

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Es liegt in meiner Hand, wenn ich mit dem rechten Stick eine Auswahl treffe. Und ja, ich genieße es, die Macht über die Figuren und das Beziehungsgeflecht der acht Teenies untereinander zu haben. Das Spiel erklärt mir im Verlauf der Story im Hauptmenü sogar, welche Konsequenzen meine Entscheidungen an Schlüsselstellen auf die Story und die Schicksale hatten. "Until dawn" gibt mir so das Gefühl, Einfluss zu haben auf den Verlauf der Geschichte.

Und meine Wahlmöglichkeiten beschränken sich nicht nur auf die Dialoge. Auf der Flucht kann ich weiterlaufen oder mich verstecken. Solche Entscheidungen muss ich dann noch meist unter Zeitdruck fällen. Wie oft habe ich mich in Filmen geärgert, wenn ein Charakter sich dumm verhielt. Nun kann ich nur mir die Schuld geben und muss damit für den Verlauf eines Durchgangs leben: Das Spiel speichert zwar automatisch an durchaus fair verteilten Punkten. Aber ich kann nicht eine Entscheidung fällen und dann einen alten Speicherstand laden, um sie zu revidieren. Das erhöht den Druck.

Schon viele Spiele wollten interaktive Filme sein. "Until Dawn" ist es. Das liegt auch daran, dass die Story in sich schlüssig und spannend ist. Das Genre erfinden die Autoren allerdings nicht neu. Vielmehr haben sie sich munter bedient bei Filmen und Serien wie "Cabin in the Woods", Scream, Saw, Supernatural, "The Descent", "Freitag, der 13.", "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast", Shining und "Haunted Hill". Und das sind nur die Referenzen, die mir sofort aufgefallen sind.

Beklemmende Atmosphäre, exzellente Inszenierung

Im ersten Akt wusste ich darum auch leider schon, wer der Psycho ist. Langweilig ist das trotzdem nicht. Zumal die Story eine unerwartete Wendung nimmt, die geschickt vorbereitet wird. Es gibt eine Geschichte in der Geschichte, die sich nebenbei entfaltet, bis sie in den Mittelpunkt rückt. Trotz aller Klischees ist das überaus gelungen umgesetzt. So wie die gesamte Inszenierung.

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Es ist ein beklemmendes Gefühl, durch die Dunkelheit zu stolpern. Bisweilen sieht man kaum mehr als Schemen, die man mit dem Schein einer Lampe aus der Düsternis reißt. Das Spiel mit Licht und Schatten beherrscht Supermassive Games. Begleitet wird das Ganze von einer überaus dichten Soundkulisse. Ich höre das Knirschen von Schnee unter den Schritten und Laute von irgendwelchen Tieren, von denen ich hoffe, dass sie keine spitzen oder scharfen Zähne haben.

Es ist diese bedrohliche, beklemmende Atmosphäre, die „Until Dawn“ auszeichnet. Zumal es zwar einen definierten Weg gibt, ich davon aber in gewissen Grenzen abweichen und das Setting erkunden kann – ohne zu wissen, was hinter der nächsten Ecke lauert. Auch das trägt zur Spannung bei und macht das Spiel ein wenig unberechenbar. Der Horror selbst dagegen hielt sich bei mir in Grenzen. Ich war etwas angespannt, aber wirklich gegruselt habe ich mich nie. Vielleicht bin ich da als Freund von Horror-Filmen auch nur bereits zu unsensibel. Und ja, ab und an gibt es dann noch Jump-Scares, die sich aber in Grenzen halten.

"Until Dawn" ist keine spielerische Herausforderung, aber die Spielmechanik ist dann doch nicht so simpel gestrickt, dass es langweilt. Und da stören auch die Quick-Time-Events nicht mehr, die mich sonst eher nerven. Supermassive Games setzt sie zudem selten und sehr zurückhaltend ein – mit Sinn und Verstand bei Kletterpassagen beispielsweise. In Situationen also, in denen man nachvollziehbar schnell reagieren muss.

Fazit 

Das Spiel ist der tatsächlich gelungene Versuch eines interaktiven, sehr gut inszenierten Films mit Charakteren, die man nicht sofort vergisst und deren schnelles Ende ich tatsächlich verhindern wollte. Nach einem Durchgang bin ich bereit für einen nächsten – und das bin ich nicht oft bei Spielen. Vielleicht benutze ich dann doch noch einmal die alternative Steuerung über die Bewegungssensoren des PS4-Controllers. Im kam damit bei meinen Durchgängen nicht wirklich klar, aber das kann an mir liegen.

"Until Dawn" erhält von mir 17 von 19 Bärenfallen, 23 von 26 feuchten Tunnelgängen, 53 von 57 Schneeverwehungen, 73 von 77 verschlossenen Türen und ein Extra-Lob für kleine Details: Die Figuren hinterlassen tatsächlich Spuren im Schnee und machen sich in Schächten bis auf die nackten Fußsohlen schmutzig.

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Knappfo-Box:

  • Titel: Until Dawn
  • Hersteller & Publisher: Supermassive Games / Sony Computer Entertainment
  • Kosten: ca. 60 Euro
  • Plattform: PlayStation 4
  • Genre-Einordnung: Horror
  • Vergleichbar mit: Beyond: Two Souls, Heavy Rain
  • Perspektive: 3D
  • Worum geht’s?: Teenies vor einem fiesen Killer retten
  • Spieleranzahl: 1 Spieler
  • Eingewöhungszeit: 10 Minuten
  • Langzeitmotivation: Hoch, mehrmaliges Durchspielen wird gefördert
  • Schwierigkeitsgrad: Leicht
  • Sprache: Deutsch und Englisch
  • Kaufen?Ja!

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