Baldur’s Gate trifft auf Diablo

Tower of Time im Test für PC

Baldur’s Gate trifft auf Diablo: Tower of Time im Test für PC Baldur’s Gate trifft auf Diablo: Tower of Time im Test für PC Foto: Event Horizon

Mit dem Erwachsenwerden wird auch die Zeitspanne immer kleiner, die man für Videospiele erübrigen kann. An epische Rollenspiele im Stil von “Tower of Time” dürfen sich eigentlich nur Singles ohne Abendprogramm heranwagen: Stolze 60 Stunden solltet ihr euch schon einmal freischaufeln, um den jüngsten Stern am Rollenspiel-Himmel durchzuspielen.

Immerhin ist “Tower of Time” dabei - und das ist das Tolle - erstaunlich zugänglich gestaltet. Die schnellen, in seperate Arenen verfrachteten Kämpfe sind auch für einen “kleinen Quickie zwischendurch” so motivierend, dass man selbst als “Nicht-Über-Nerd” immer wieder gerne reinschaut. Aber langsam, fangen wir von vorne an!

Tief hinab

In “Tower of Time” dreht sich alles darum die Spitze eines mysteriösen Turms zu erklimmen. Oder besser: Tief hinab zu steigen, denn der besagte Turm liegt aus irgendeinem Grund einfach mal falsch herum in der Landschaft - und beherbergt nicht nur zahlreiche fiese Monster, sondern auch jede Menge geheime Räume, knackige Rätsel und sonderbare Gestalten.

Die Geschichte ist zu Beginn recht zäh - was allen voran daran liegen dürfte, dass ein Großteil der Dialoge und Schrifttafeln nicht vertont wurde. Hier ist Lesen angesagt - und zum Zeitpunkt dieser Zeilen auch ein großes Maß an Englisch-Kenntnissen, denn eine Option für deutsche Texte suchen wir (noch!) vergebens! Immerhin sind die wenigen Szenen, in denen gesprochen wird, erstaunlich professionell vertont - was bei einem Indie-Studio dieser Größe sicher keine Selbstverständlichkeit ist.

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Apropos Indie-Studio: “Tower of Time” ist tatsächlich das Erstlingswerk der polnischen Spieleschmiede “Event Horizon”. Über längere Zeit konnte der Titel im “Early Access”-Programm reifen, wobei sich die Entwickler auch viel Zeit nahmen um auf die Wünsche der Spieler einzugehen, stetig Inhalte nachzuschieben und das Spiel an allen Enden und Ecken zu verbessern.

Natürlich ist der Titel auch nach seinem finalen Release am 12. April 2018 noch nicht perfekt: Lange Ladezeiten zwischen den Kämpfen reißen euch unnötig aus der Spielerfahrung heraus, hier und da springt die Bildrate munter von 20 auf 60 Frames und zurück… aber letztendlich sind das alles nur Kleinigkeiten, denn für sich genommen, als großes, ernstzunehmendes Rollenspiel im Stil von Baldur’s Gate, mit komplett selbst geschriebenen und hervorragend umgesetzten Kampfsystem, kann sich der “Tower of Time” wirklich blicken lassen.

Action mit Pause auf Knopfdruck

Die Kämpfe zwischen eurer Auswahl vom Spiel gestellter Helden (nein, ihr dürft leider keine eigenen Charaktere erstellen!) sind der wahre Star in “Tower of Time”: Nachdem ihr euch in den Ebenen des Turms euren Feinden nähert, schaltet das Spiel in einen separaten Kampfbildschirm um, indem ihr euren Helden einzelne Befehle erteilen und die Zeit zur Not auch verlangsamen oder ganz anhalten könnt.

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Wer in seinem Leben mal ein Rollenspiel wie Baldur’s Gate, Icewind Dale, oder einen neueren Genre-Vertreter wie “Pillars of Eternity” gezockt hat, weiß sofort, was ihn erwartet: Taktisch geprägte Schlachten gegen stets nachrückende Bösewichte wie Skelette, Orks und Golems - über 150 Gegner-Typen und 50 (!) Bosse erwarten euch im Turm. Schön: Bereits vor dem Kampf erhaltet ihr detaillierte Informationen über sämtliche Gegner, die sich euch in den Weg stellen - inklusive deren Schadenswerte, Lebens- und Rüstungspunkte, sowie deren Resistenzen gegen die Elemente.

Wirklich neu ist das sogenannte “Arrow Time”-System: Wie auf einem Whiteboard zieht ihr für einige der Helden-Fertigkeiten Linien über den Bildschirm. So lasst ihr beispielsweise den Krieger in die gewünschte Richtung stürmen, oder lasst eine schwere Felswand aus dem Boden wachsen. Per Talentbaum lässt sich jeder Skill zusätzlich aufmotzen: So wird die genannte Felswand nicht nur zur Blockade für eure heran stürmenden Feinde, sondern verlangsamt diese sogar, oder wird um die Hälfte gekürzt, damit euer Bogenschütze über die aus dem Boden gestampfte Deckung schießen kann.

Während der Kämpfe solltet ihr stets auf die “Aggro” der Gegner achten: Grundsätzlich setzen sich die Gegner den Helden als Ziel, der am meisten Schaden verursacht, Nahkämpfer profitieren jedoch über einen Aggro-Bonus - perfekt um die fiesen Viecher als Krieger an sich zu binden. Grundsätzlich gilt, dass ihr besser reagiert, als agiert: Nur wer die Cooldowns der Fertigkeiten gut berechnet und auch mal gewillt ist Gegner durch die Arenen zu “kiten” - oder anders ausgedrückt auch mal “wegzulaufen” und den Pulk aus der Ferne mit Bogenschüssen und Magie niederzustrecken - hat in den späteren Gefechten eine Chance auf den Sieg.

Wenn Baldur's Gate auf Diablo trifft...

Seine Nähe zum in vielen Tests zitierten Genre-Kollegen “Diablo” zieht “Tower of Time” insbesondere aus dem großen Haufen Loot, den ihr regelmäßig aus Schatztruhen ziehen, oder den Händen besiegter Gegner entreißen dürft - wer gerne Werte vergleicht und stets auf der Suche nach “legendären” Waffen ist, der wird hier definitiv glücklich!

Aber auch die praktisch per Knopfdruck erreichbare Stadt als Verwaltungszentrale erinnert ein wenig an die Mechanik eines “Diablo”, in der ihr immer wieder in den Dungeon hinabsteigt, um euch dann inmitten der Stadt mit dem Crafting neuer Gegenstände, dem Trainieren der Helden und der Erweiterung der vorhandenen Gebäude befasst. Wohlgemerkt könnt ihr die Stadt übrigens nicht selbst erkunden - es handelt sich dabei nur um einen weiteren Meta-Bildschirm als Klick-Galerie.

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Eine weitere Eigenheit von “Tower of Time”: Das klassische Aufleveln der Helden entfällt. Anstelle munter Erfahrungspunkte zu grinden, könnt ihr durch gefundene Blaupausen das jeweilige Trainingsgebäude in der Stadt upgraden - und erlangt auf diese Weise neue Fertigkeiten.

Weiterführende Links zu “Tower of Time”

Offizielle Homepage: http://www.evehor.com/
“Tower of Time” auf Steam: http://store.steampowered.com/app/617480/Tower_of_Time/

Fazit

Bereits nach kurzer Spielzeit ist klar, dass die Entwickler von “Event Horizon” ihre Hausaufgaben in Sachen westlicher Rollenspiel-Geschichte gemacht haben: Technisch mag das äußerst charmant und detailliert präsentierte Abenteuer an der einen oder anderen Stelle noch etwas haken, in Sachen Spielmechanik hingegen kann man dem “Tower of Time” keine Vorwürfe machen: Jedes einzelne Gefecht ist spannungsgeladen und taktisch geprägt, motiviert ohne Ende und lässt euch den sonderbaren Turm mit Freude immer weiter herabsteigen.

Erst ab der magischen 30-Stunden-Grenze gesellt sich eine etwas zu prägnante “Been here, done that”-Einstellung hinzu. Nebenbei neigen die Kämpfe mit zunehmender Spieldauer auch gerne mal dazu im visuellen Chaos auszuarten, wenn mal wieder zig Feuerbälle über den Bildschirm schwirren und ihr eure Helden im visuellen Mischmasch kaum mehr ausmachen könnt. Last but not least strapazierten einige Rätsel mein altes Zockerfell mehr als nötig gewesen wäre.

Insgesamt bleibt mir aber nur die Verneigung meines Hauptes vor den Entwicklern: Für geradezu popelige 20,95 Euro bekommt ihr hier ein nicht nur hervorragend funktionierendes, sondern zu weiten Teil auch äußerst motivierendes und - am wichtigsten! - eigenständiges Rollenspiel, welches sich trotz seiner Indie-Herkunft nicht vor den großen Genre-Konkurrenten verstecken muss und euch für weit mehr als 50 bis 60 Stunden an den Bildschirm fesseln kann.

“Tower of Time” erhält von uns 9 von 10 zerstörte Golems, 86 von 100 siegreichen Schlachten und 4 von 5 in Rätseln sprechende Statuen.

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