Rasen und Driften als wäre es 2001

Gravel im Test

Rasen und Driften als wäre es 2001: Gravel im Test Rasen und Driften als wäre es 2001: Gravel im Test Foto: Milestone S.r.l.

Rennspiele mit Arcade-Wurzeln sind mittlerweile zur Seltenheit geworden: Die italienische Entwicklerschmiede Milestone S.r.l. will mit Gravel für den Genre-Erhalt sorgen. Ob das klappt, zeigen wir euch im Test.

Wenn Rennfahrer vor Feuerbällen posieren und mir dazu eine wild berauschte Ansagerstimme etwas vom größten, besten und geilsten Renn-Event aller Zeiten erzählt, wandern bei mir die Augen automatisch in den Hinterkopf, um nach Ablenkung zu suchen.

Die Aufmachung von “Gravel” schreit von Anfang an “Hey, hier kommen die frühen 2000er!”. Sei es das Interface-Design, die billigen Filmausschnitte, die röhrende Metal-Musik im Hintergrund, alles ist eine Spur “Trash”, eine weitere Spur “Retro”,... und alles andere ganz sicher stets neben der Spur.

Am Anfang begnüge ich mich mit Fahrzeug Numero Uno aus einer langen Reihe von Fahrzeugen, welche alle mit einem Schloss-Symbol gesperrt bleiben. Auch weitere Farbvariationen werden mir zum Freispielen angezeigt, doch meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Farbvarianten freispielen ist für mich ähnlich spannend wie im Stau stehen.

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Nicht falsch verstehen: Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Rennspielen, deren Progression im Wesentlichen auf weitere Fahrzeuge und Strecken beschränkt ist. Dieses Freischalten neuer Inhalte ist mein Motivationsgrund Nummer 1 um ein Rennspiel “durchzuspielen” - und letztendlich alle Strecken gesehen zu haben. In dieser Hinsicht macht “Gravel” also eigentlich nur einen Fehler: Die Strecken und gebotenen Fahrzeuge sind nicht interessant genug, um mich zum Freispielen zu motivieren.

In den Sand gesetzt

Auf der Strecke vergesse ich die coolen Filmchen und fiktionalen Rennfahrer, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Mit Vollgas über Schotter, Eis und Sand fahren, rasant in Kurven driften und sich dem erstaunlich gut präsentierten Rausch der Geschwindigkeit hergeben. Per Knopfdruck halte ich das Geschehen an und spule zurück, um etwaige Fehler gerade noch rechtzeitig zu korrigieren - das Feature ist altbekannt, wurde bereits ausreichend diskutiert und wird von mir persönlich immer gerne genutzt. Aber ich bin halt auch “casual” und habe nicht die Zeit mich stundenlang mit einem Kurs zu beschäftigen, um dessen Bestzeit zu knacken. Diese Zeiten sind lange vorbei.

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Und mal ganz ehrlich: Keiner der hier gebotenen Kurse lockt aufgrund des Layouts, oder seiner visuellen Präsentation zum Perfektionieren. Dessen scheinen sich auch die Entwickler bewusst gewesen zu sein, denn in der erstaunlich langen Kampagne hangelt ihr euch von einer Variationen zur nächsten, um zwischendurch mehreren “Bossen” die Staubkörner zwischen die Zähne zu schieben. Der Schwierigkeitsgrad pendelt dabei zwischen “Gähn!” bis zu “Was zum Geier!” - was vor allem daran liegen dürfte, dass man nach einem Fahrfehler ohne Korrektur-Rückspulen kaum mehr Chancen auf den ersten Platz hat. Die Konkurrenz fährt einfach davon.

Das Highlight sind die Cross Country Strecken, bei denen ihr beispielsweise durch die Wälder Alaskas, oder mitten durch die Wüste Namibias heizt. Die offene Gestaltung der Kurse lädt zum Erkunden ein und lässt auch alternative Routen zu. Am unteren Ende der “Spaß”-Skala: Die langsamen Stadium-Rennen sind geprägt von der “Ich rempel alle beiseite und werde Erster”-Taktik und lassen aufgrund der mangelnden Geschwindigkeit und der eher groben Steuerung einfach keine gute Laune aufkommen.

Alternativ versucht ihr euch an asphaltierten Cross-Kursen, zertrümmert im “Smash Up”-Modus Tore und fahrt um die beste Rundenzeit.

Krude Mischung aus Arcade und Simulation

Der größte Haken an Gravel ragt aus einer ganzen Garderobe von Haken hervor: Anstelle sich auf die deutlich sichtbare Arcade-Seite zu konzentrieren, musste irgendein schlauer Entwickler zusätzlich die Simulations-Schiene fahren: Das Schadensmodell und die Einstellungsmöglichkeiten vor dem Rennen bleiben aber stets blass.

Auch das Fahrgefühl will einfach nicht so recht passen: Kurvenbegrenzungen nehmen euch im richtigen Winkel kaum Geschwindigkeit, dafür bedeutet das Fahren gegen eine kleine Palme meist vollständigen Stillstand. Auch das Driften per Handbremse erscheint anfangs so mächtig, dass ihr kaum normal bremsen müsst. Positiv: Das Geschwindigkeitsgefühl passt.

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Auch an Online-Modi haben die Entwickler gedacht: Leider scheint der Titel bereits jetzt so gut wie “tot” zu sein: Nach mehreren Versuchen eine Partie (auf PC) zu finden, habe ich es schließlich aufgegeben. Noch eine Sache, die man sich zum Wohle einer Arcade-geprägten Einzelspielerkampagne hätte sparen können.

Matsch auf den Augen

Technisch wirkt Gravel wie ein Relikt aus Ende der PlayStation 2-, Anfang der Playstation 3 - Ära. Die Wagenmodelle sind grobschlächtig, aber immerhin gibt es ein Schadensmodell. Matschige Texturen und teils sehr simple Modelle (die Bäume!) kommen hinzu. Die Kurse haben durchaus ihre “Momente”, was meist aus dem Zusammenspiel aus schön inszenierten Sonnenuntergängen und poppigen Farben herrührt - wer näher hinschaut (bloß nicht bremsen!), muss dagegen mit dem Kopf schütteln.

Lichtblick sind im wahrsten Sinne des Wortes die Reflexionen auf nasser Straße bei Nacht. Aber wer fährt schon gerne bei Nacht und Regen. Richtig. Niemand.

Auch die Soundkulisse kann nicht begeistern: Allen voran die Musik, welche im Hintergrund der Rennen vor sich her schreddert, besteht meist aus uninspirierten Metal-Tracks und trägt weiter zum “B-Movie”-Stil des Spiels bei. Wohlgemerkt sage ich das als jemand, der bis heute gerne den “Twisted Metal”-Soundtrack hört. Last but not least: Auch den erstaunlich professionellen Ansager hätte man sich anhand der stets selben Sprüchen sparen können.

Fazit

Nee, liebe Entwickler von Milestone, das war nix! Zum Vollpreis, inklusive just veröffentlichter, kostenpflichtiger Zusatzstrecken per DLC, kassiert Gravel ein klares “Finger weg!” von mir: Technisch ist der Titel nicht zeitgemäß und frisst sowohl auf Konsole, als auch auf PC unnötige Ressourcen für schwache Wagenmodelle und spröde Umgebungen. Spielerisch wird immerhin einiges an Abwechslung geboten - und auch die Anzahl der gebotenen Kurse und Fahrzeuge geht in Ordnung.

Letzten Endes ist Gravel weder Fisch noch Fleisch, weder Sim- noch Arcade. Hätte man sich auf den bereits vorhandenen, starken Arcade-Ansatz konzentriert, hätte man aus Gravel sicher ein besseres Spiel machen können. Was bleibt ist ein Rennspiel, welches zum Vollpreis eigentlich niemand braucht. Einzig wahre Liebhaber von Rennspielen mit Arcade-Touch nehmen Gravel irgendwann (dürfte nicht lange dauern!) zum deutlich reduzierten Preis mit. Bis dahin dreht ihr besser noch ein paar Runden durch Forza Horizon 3, Dirt 4, Burnout Paradise Remastered, Project Cars 2 oder Trackmania Turbo - letzteres ist im April 2018 gratis für PlayStation Plus Zocker.

Gravel erhält von uns 64 von 100 Pferdestärken, 2 von 5 schlecht gelandeten Sprüngen und 6 von 10 eingeworfenen Kopfschmerztabletten gegen die dröhnende Metal-Mucke aus der Synthie-Maschine. Purer Durchschnitt und leider nicht geil.

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