"Arcade war gestern!"

FIFA 18 im Test für Playstation 4

"Arcade war gestern!": FIFA 18 im Test für Playstation 4 "Arcade war gestern!": FIFA 18 im Test für Playstation 4 Foto: EA

Alle Jahre wieder freuen sich die männlichen Geschlechtsgenossen unter uns auf ihre September-Affäre. Pünktlich zum Herbstanfang wird sich ins Bett gekuschelt und die frischverliebte Zweisamkeit genossen. Gemeint ist natürlich FIFA, mit dessen Release ausnahmslos jeder Fußball-Fan in den heimischen vier Wänden verschwindet. Auch wir haben unsere imaginären Fußballschuhe geschnürt und FIFA 18 vom Mittelpunkt bis zur Eckfahne durchleuchtet. Das Ergebnis kann sich kicken lassen.

Dauerrivale Konami hat mit Pro Evolution Soccer 2018 bereits gut vorgelegt. Die Japaner machen mehr und mehr Druck auf den amerikanischen Riesen und sind besser gewappnet denn je. Kein Wunder, dass EA da nachlegt und mit einer überarbeiteten Spielmechanik aufwartet.

Let's get back to reality!

In FIFA 18 geht es auf dem Spielfeld deutlich langsamer zugange als noch im Vorgänger. Das monotone Abrennen der Seitenlinie mit Bale, Ronaldo und co. ist nicht mehr zielführend. Dafür haben wir im Mittelfeld deutlich mehr Zeit den Ball laufen zu lassen und auf einen Fehler des Gegners zu lauern. Immerhin muss der Verteidiger jetzt noch mehr Geduld mitbringen als vorher.

Die Spieler sind bei weitem nicht mehr so agil, weshalb blindes Pressing schnell bestraft wird. Bevor wir also mit Defensiv-Hünen wie Per Mertesacker einen Richtungswechsel vollziehen können, sind quirlige Angreifer wie Messi oder Neymar über alle Berge. Wie schnell ein Spieler reagieren kann, hängt auch von seiner Statur ab. Je größer und robuster, desto eingeschränkter und langsamer seine Bewegungen. Damit wird das Zweikampfverhalten zwar anspruchsvoller, kommt der Realität aber ein Stück näher.

FIFA 18 (6) - image/jpeg

Die Ballphysik hat ebenfalls einen Sprung nach vorne gemacht. Wenn unser Pass zum Mitspieler mal zappelnd auf halber Strecke verpufft, dann ist das zunächst nervig. Aber es fühlt sich einfach echter an, als die pfeilgeraden Kugeln der Vergangenheit, die auch noch problemlos per Volley unter die Latte geklemmt wurden. Die Direktannahmen in FIFA 18 sind dagegen ein Spiel mit dem Feuer. 90 Prozent der überhasteten Volleys landen im Orbit und gesellen sich zu Ramos’ Elfmeter aus dem Champions League Finale 2012. Man merke: Schusskraft immer wohl dosiert aufladen!

Im Netz wird unterdessen bemängelt, dass Distanzschüsse immerzu mit einem Torerfolg gekrönt werden. Das können wir so nicht bestätigen. Es stimmt, mit genug Zeit und Raum lassen sich aus der Entfernung einige Hämmer gut platziert auf den Kasten bringen, aber dass diese dann auch immer zum Tor führen stimmt nicht. In der Regel sind die Keeper dran und werden zu schönen Paraden gezwungen. Das ist aber in der Realität ähnlich und deshalb ein Gewinn für das Spielerlebnis.

Vielmehr müssen wir als Verteidiger lernen am Gegner dran zu bleiben und große Freiräume zu unterbinden. “Das Spiel enger machen”, wenn wir mal abgedroschene Phrasen benutzen wollen. Dann klappt es auch mit der Vermeidung von Distanzschüssen. Unterm Strich können wir festhalten, dass FIFA 18 in Sachen Realismus nochmal ordentlich einen draufgelegt hat.

FIFA 18 (4) - image/jpeg

Optimierungen im Mikrosegment

Gab es im letzten Jahr mit dem Storymodus “The Journey” noch ein großes Novum, beschränkt sich die Bewerbung in diesem Jahr auf die Implementierung von Altstars für den Ultimate-Team-Modus - so genannte "Icons". Als Nostalgiker könnt ihr mit alten Größen wie Lothar Matthäus, Ronaldinho oder Maldini spielen. Mir persönlich fehlen zwar einige Ikonen aus meiner Jugend wie Zidane, Figo oder Beckham, aber das lässt sich aushalten.

Was Lizenzen angeht, so sind besonders wir Deutschen hellauf begeistert. Immerhin hat es auch die 3. Liga endlich ins Spiel geschafft. Daneben umfasst FIFA bekanntlich jede relevante Liga der Welt und setzt damit Maßstäbe. Da ist der vernachlässigbare Verlust des Camp Nous an die Konkurrenz von Konami noch der größte Rückschlag.

FIFA 18 (2) - image/jpeg

Darüber hinaus hat EA an vielen kleinen Baustellen gearbeitet. Neben der bereits oben beschriebenen Überarbeitung und Verlangsamung der Spielmechanik, kommt der Publisher den Core-Gamern entgegen und integrierte die Reservierung von Spielpausen. Bedeutet: Wenn wir in Onlinepartien bei Nicht-Ballbesitz die Optionstaste drücken, werden wir nicht mehr mit einem Spruchband genervt. Der Befehl zur Pause wird stattdessen reserviert. Die Unterbrechung folgt dann automatisch beim nächsten Ballkontakt.

Durch das Einführen der Ingame-Wechsel sparen wir uns generell einen Großteil der Pausen. Fliegt der Ball ins Aus, so wird uns ein Spielerwechsel vorgeschlagen, sodass wir mit einer einfachen Bestätigung eine Auswechslungen vollziehen können. Das neue Feature können wir im Teammanagement optimieren, indem wir im Vorfeld bestimmen, welche drei Wechsel uns während der Partie vorgeschlagen werden sollen. Schon ein Schritt nach vorne, aber in Zukunft wäre es wünschenswert auch Formationen und Spieleranweisungen auf solch kurzem Wege zu ändern. Dann wäre der Moment erreicht, indem Spielpausen nur noch für Klogänge oder das nervöse Kratzen am Knie genutzt würden.

FIFA 18 (3) - image/jpeg

Die Neuerungen im Karrieremodus sind dagegen sehr übersichtlich geblieben. Neben einigen wenigen optischen Überarbeitungen heben sich nur die neuen Verhandlungsgespräche ab, die wir jetzt in unserem Managerbüro visualisiert bekommen. Dabei sitzen uns der Spieler und sein Berater gegenüber und verhandeln live mit uns die Vertragsbedingungen aus. Neben Laufzeit und Gehalt gibt es jetzt die Möglichkeit des Einbauens einer Ausstiegsklausel - das fällt aber eher unter die Kategorie “Nice to have”.

Echt nervig ist, dass jedes Verhandlungsgespräch in der immer gleichen Animation abgespult wird. Bereits beim dritten Spieler haben wir den händeschüttelnden Empfang übersprungen, um endlich zur Sache zu kommen. Eine Sprachausgabe hat das Feature nicht, womit auf eine einfallslose Melodie zurückgegriffen wird. Die Berater sehen zudem fast alle gleich aus, da aus einem beschränkten Repertoire an Vorlagen zurückgegriffen wird. Wäre es wenigstens möglich die Dialoge schnell durchzuklicken, aber tatsächlich muss jeder Punkt des Vertragsinhaltes einzeln gekärt werden. Bei fünf bis zehn Spielern, deren Verträge auslaufen ein langatmiges Grauen!

Ultimate Team – Cashcow mit Suchtfaktor

Der Königsmodus bei FIFA bleibt weiterhin Ultimate Team. Der Sammelkarten-Hype entfacht immer wieder auf’s neue und sorgt in Freundeskreisen zu regelrechtem Wettrüsten. Wer Superstars wie Ronaldo oder Messi zieht, erntet auch in diesem Jahr geballte Missgunst. Echtgeld reinzupumpen ist verpönt, doch heimlich hat es jeder schon gemacht. Genau deshalb tüftelt EA seit Jahren an seiner Cashcow.

Der neueste Clou in FIFA 18 sind die bereits vorgestellten Icon-Karten. Doch auch darüber hinaus bindet der Publisher die Spieler an seinen Money-Mode. So werden wir eingangs zunächst einmal mit allerhand Packs überhäuft, sodass wir uns schon mal an den Nervenkitzel des Öffnens gewöhnen. Für Grünschnäbel gibt es anschließend eine sorgfältig dezidierte Einführung, die visuell gekonnt durch den Modus führt und mit kleinen Geschenken wie Münzen oder Verbrauchskarten belohnt. Dazu gesellen sich Tages- und Wochenaufgaben, die ebenfalls mit kleinen Givings zum Spielen motivieren. Ein Konzept, dass wahrscheinlich nicht nur mich wochen- und monatelang bei der Stange halten wird.

Diese Videospiele erscheinen in den nächsten Wochen: Die 10 besten Games im Oktober 2017 Diese Videospiele erscheinen in den nächsten Wochen Die 10 besten Games im Oktober 2017 Zum Artikel »

Die besten der Besten messen sich seit letztem Jahr in FUT Champions, wo es nach Abschluss der Weekend League wertvolle Packs hagelt. Wer ständig von den vielen Überfliegern auf den Deckel bekommt, für den dürfte der neue Offline-Modus namens Battle Squads was sein. Ganz wie bei FUT Champions, gibt es dort eine Rangliste, die leistungsgerecht mit Packs und Münzen belohnt. Dort zählen aber nicht die Anzahl Siege, sondern Punkte, die sich aus den Leistungen der Partien ergeben.

Glücklicherweise können wir uns als Spieler die Schwierigkeitsstufe selber aussuchen. Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto mehr Punkte. Je mehr Punkte, desto besser der Rang. Und das Wichtigste: Je besser der Rang, desto wertvoller die Belohnung zum Wochenende! Die Anzahl Spiele ist aber begrenzt. Innerhalb einer Woche lassen sich im unregelmäßigen Abstand je vier Partien bestreiten. Die Gegner sind echte Teams aus der Community.

Mit Battle Squads greift EA jetzt also auch die Offline-Spieler für FUT ab und dürfte mit weiteren Einnahmen aus Ingame-Käufen ungeduldiger Gamer hoffen.

The Journey 2 - The Return of Alex Hunter

Im Storymodus “The Journey” führen wir die Karriere des fiktiven Profis Alex Hunter fort. Im Intro begeben wir uns mit unseren Teamkollegen in das sonnige Rio de Janeiro, wo wir die Sommerpause ausklingen lassen. Doch statt kokusnussschlürfend am Strand zu liegen, zocken wir lieber mit den Favela-Kids auf dem Bolzplatz. FIFA Street lässt grüßen, als wir uns im 3 gegen 3 durch den Platz dribbeln – selbstverständlich mit fliegendem Torwart! Anschließend folgen wunderbar inszenierte Credits, die uns richtig heiß auf Teil 2 der Hunter-Story machen.

Der Modus ist um einiges kürzer als noch beim Vorgänger. Verantwortlich dafür ist die deutliche Reduktion der spielbaren Parts. In FIFA 17 war "The Journey" noch sehr stark an den "Be a Pro"-Modus angelehnt, wodurch wir als Spieler viele unbedeutende Partien bestreiten mussten.

FIFA 18 (1) - image/jpeg

Für genügend Abwechslung ist diesmal dramaturgisch gesorgt. Alles beginnt mit den ersten Wechselgerüchten, die um den 18-jährigen Hunter kreisen. Wird es Chelsea, Milan oder gar Real Madrid? Was folgt, ist In Sachen Storytelling einfach erste Sahne. EA hat in der Hinsicht nochmal ordentlich in den Modus reingebuttert. Die Handlung wurde stark verdichtet und die Bildsprache steht der eines Spielfilms in nichts nach. Schade also, dass "The Journey" in nur sechs kurze Kapitel zusammengefasst wurde.

Das zentrale Element bleibt der Charakter. Je nach Spielweise pendeln wir zwischen hitzköpfig und cool. Machen wir also in Interviews den Thomas Müller und bringen selbstgefällige Sprüche, so tendieren wir zum Hitzkopf. Damit generieren wir zwar mehr Follower in den Social Media, machen uns aber beim Chefcoach unbeliebt, was unseren Stammplatz gefährdet. Solange wir aber auf dem saftigen Grün gute Leistungen bringen, brauchen wir uns keine Sorgen machen.

Was gibt es sonst so an Neuerungen? Zum empfängt euch die "Journey" in jedem Kapitel mit drei optionalen Aufgaben, wie dem Schießen von Toren, die mit neuen Outfits oder Followern belohnt werden. Zum anderen werden uns die Anweisungen live am Spielfeldrand durchgegeben, anstatt wie vorher unmittelbar vor dem Anpfiff.

Einen kleinen Customizing-Bereich gibt es auch noch. Völlig klar, dass wir unseren Youngster fußballergerecht den Hals volltätowieren und mit einer auffälligen Leoparden-Frise ausstatten. Die Klamotten werden vom Ausstatter Adidas spendiert, der exklusiv den Kleiderschrank von Alex füllt. Vom Großkonkurrenten Nike keine Spur!

FIFA 18 (5) - image/jpeg

Fazit

"FIFA, das jährliche Kader-Update zum Premiumpreis!" So, oder so ähnlich lautet immer wieder das Fazit der Nicht-Bekehrten. Argumentativ lässt sich das kaum entkräften. Denn letztlich wollen wir doch alle nur miteinander spielen. Da funktioniert mit FIFA 17 nicht schlechter als mit FIFA 18. Und dennoch schlagen wir immer wieder blind zu und fühlen uns mit der alten Version wie nicht abgeholt.

Nachdem PES 2018 einen guten Eindruck hinterließ, musste FIFA 18 nachlegen. Die große Revolution gibt es zwar nicht, dafür ist EA auf die Wünsche der Community eingegangen und hat die Schwachpunkte von FIFA 17 ausgemerzt. Gleichzeitig kreiert der Publisher mit der langsameren Gangart ein noch realistischeres Spielgefühl und distanziert sich endgültig von seinem Arcade-Status.

Der neue Modus "Battle Squad" rundet derweil den Auftritt von Ultimate Team ab und gibt jetzt auch schwächeren Spielern die Chance auf coole Belohnungen. Und auch auch wenn etwas zu kurz geraten, ist die gelungene Fortsetzung von The Journey mein ganz persönlicher Geheimtipp.

FIFA 18 macht in meinen Augen also alles richtig. Wir geben dem neuesten FIFA-Spross daher 9 von 10 versenkte Freistöße, eine Ballbesitzquote von 88% und die Meisterschale für das Jahr 2017.

Wichtig ist auf'm Platz: PES 2018 im Test für PlayStation 4 Wichtig ist auf'm Platz PES 2018 im Test für PlayStation 4 Zum Artikel »

Der Junge von Nebenan auf dem Weg zum Superstar: NBA 2K18 im Test für PlayStation 4 Der Junge von Nebenan auf dem Weg zum Superstar NBA 2K18 im Test für PlayStation 4 Zum Artikel » Benzin im Blut: Project Cars 2 Im Test für PlayStation 4 Benzin im Blut Project Cars 2 Im Test für PlayStation 4 Zum Artikel » Be the One: NBA Live 18 im Test für PlayStation 4 Be the One NBA Live 18 im Test für PlayStation 4 Zum Artikel »

Jahresübersicht von Januar bis Dezember Die besten Games 2017 117 Fotos