Roots Bloody Roots

"Call of Duty: WWII" im Test für PlayStation 4

Roots Bloody Roots: "Call of Duty: WWII" im Test für PlayStation 4 Roots Bloody Roots: "Call of Duty: WWII" im Test für PlayStation 4 Foto: Activision

Call of Duty ist wieder da: Kaum ein Jahr nach “Infinite Warfare” kehrt Activision der Zukunft den Rücken und vollzieht eine Kehrtwende zurück zu den Wurzeln der Serie - und trifft damit bei den Fans voll ins Schwarze. Laut Publisher ließ der Titel bereits innerhalb der ersten drei Tagen 500 Millionen US-Dollar in die Kassen des Videospiel-Giganten Activision Blizzard fließen. Dennoch kommt auch “WWII” nicht ohne Probleme daher. Wir zeigen im Test, warum ihr euch den Kauf gut überlegen solltet.

Ja, Activision Blizzard steht darauf Erfolgsmeldungen zu verkünden: Die Spieler lieben es! Doch Halt, irgendwas stimmt nicht. Nein, die Spieler hassen es! Zumindest, wenn man in die Foren und die Steam-Bewertungen schaut. Aber das sind ja eh alles Trolle und Besserwisser. Doofes Internet!

Doch dann die Verkaufszahlen! 500 Mille in drei Tagen! Also lieben es die Spieler doch! Oder? Eventuell doch nicht ganz so, wie propagiert: Zumindest auf Steam nähern sich die Spielerzahlen bereits zwei Wochen nach dem Release am 3. November der Kurve von “Call of Duty: Infinite Warfare” - oder wie ich gerne sage: dem "Steam’schen Marianengraben" - verdächtig nahe an.

Aber Call of Duty ist doch auch kein PC-Spiel mehr! Tatsächlich hat die Serie über die letzten Jahre immer mehr Fans im PC-Elite-Lager eingebüßt. Mittlerweile steht fest: Call of Duty ist auf der Konsole daheim. Vielleicht auch ein Grund, warum sich die Maussteuerung für viele Zocker noch immer so anfühlt, als würde man mit einem Stück Seife über den Schreibtisch wischen. Ja, den PC und seine Kundschaft nimmt man bei Activision “nebenbei” mit - und vollführt ebenso “nebenbei” auch nur die nötigsten Instandsetzungen durch Patches und Community-Betreuung.

Schade nur, dass wir nicht auf die aktiven Spielerzahlen einer PlayStation 4 oder Xbox One Version von Call of Duty WWII blicken können - diesbezüglich gibt es leider noch keine Details zu vermelden.

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Zurück zu den Wurzeln

Verzeiht die praktisch wortwörtlich aus jedem PR-Text gerissene Überschrift, aber genau darum geht es in WWII: Der Ballast der Vergangenheit fliegt raus, übrig bleibt ein deutlich “geerdetes Gameplay” (noch ein PR-Wort!). Oder um es anders auszudrücken: “Pew, pew, boom, rattatatatata.” Die Entwickler von Sledgehammer Games haben den Spielablauf dermaßen entschlackt, dass tatsächlich nur noch reines Geballer ohne Sinn und Verstand übrig geblieben ist.

Groß gefeiert wird zum Beispiel die Rückkehr der “Health Packs”: Anstelle von einer sich regenerierenden Lebensleiste, dürft ihr nun wieder auf die Suche nach (praktisch an jeder Ecke) im Level verteilten Verbandskästen gehen. Ist mal kein Verbandskasten greifbar, fordert ihr einfach einen von den werten Kollegen an, um dann praktisch auf Knopfdruck wertvolle Lebensenergie zurückzugewinnen.

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Spielerisch wertvoll? Nope. Definitiv nicht. Besser in den Kontext der Umgebung eingebettet? Nun, wenn ein guter Freund angeschossen wird und sofort ein Sanitäter gesucht wird, ihr euch aber nach hunderten Schusswunden immer wieder selbst heilen dürft - wohlgemerkt ohne einen medizinischen Abschluss - ja, dann fehlt auch hier der Kontext zur Handlung und Spielumgebung.

Leider ebenfalls zurück im Call of Duty Kosmos sind die “never gets old“ Quick-Time-Events: Selbstablaufende Handlungs-Sequenzen, in denen ihr (wie von der Tarantel gestochen) auf einen Knopf herum hämmert, den euch das Spiel einblendet. Das wäre ansich nicht mal so schlimm - ich bekenne mich hiermit als einer der wenigen Fans von gut integrierten QTEs - wenn, ja wenn das zugehörige Interface nicht komplett für den Allerwertesten wäre!

Ganz im Ernst, wer diese grafische Oberfläche verbrochen hat, gehört vor den Bug eines Landungsschiffes am Strand der Normandie geschnallt! Die dargestellten Symbole sind winzig klein und von einer 2 bis 3 Meter vom TV entfernten Couch kaum auszumachen, das dazugehörige System (“bewege den Cursor hierhin!”) bleibt ohne jegliche Erklärung und ist in etwa so intuitiv, wie der Aufbau einer Schrankwand von Ostermann mit zwei gebrochenen Zeigefingern. Urghs!

Immerhin: Der Rest funktioniert dann doch. Ihr ballert euch durch die rund sechs bis siebenstündige Kampagne, erobert den Strand der Normandie, schleicht euch durch Paris (eines der Highlights der Kampagne), ballert euch durch die Wälder der Ardennen und über die Ludendorff Brücke bei Remagen über den Rhein, klettert in Panzer, Geländewagen und Flugzeuge und versucht die Welt vor den bösen Nazis zu befreien.

Mangelnde Abwechslung kann man WWII nicht vorwerfen - wer jedoch genauso lange dabei ist, wie meiner einer, dem wird die ein oder andere Szene bereits aus zig anderen Titeln bekannt vorkommen. Aber das Mantra lautet ja auch “Zurück zu den Wurzeln!” und nicht “Wir erfinden das Rad neu!” - immerhin also eine Sache, bei der niemand gelogen hat.

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Eine Sache noch: Wer dem vom Spiel vorgegeben Weg nicht folgt, blickt immer wieder hinter die häßlichen Kulissen und generiert einige kuriose Fehler. So können einige Stellungen nicht von Raketen getroffen werden, oder ihr werdet von Schüssen verwundet, die eigentlich kein Soldat mehr auf euch abfeuern könnte - schließlich habt ihr gerade das gesamte feindliche Battalion in Rambo-Manier niedergemäht.

Oder ihr verfolgt in der Luft einen feindlichen Flieger und freut euch über seine heftigen Ausweichmanöver - nur um dann kurz innezuhalten und dabei zu verstehen, dass die Bewegungen des feindlichen Fliegers nicht von euch abhängen, sondern komplett vorgeschrieben sind. Im gesamten Spiel wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Entwickler gerne gegen mich “cheaten” - zum Wohl der Spannung.

Ja, ihr folgt dem Spiel - und nicht das Spiel euch. Wer nach dieser Maxime “fremd bestimmt” spielt, kann viel Spaß haben. Wer gerne Herr seiner eigenen Leistungen bleiben will, rauft sich derweil alle Haare vom Haupt. Call of Duty: WWII ist von vorne bis hinten durchgescripted!

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Damals, im Krieg, als die Lootboxen vom Himmel regneten

Das Kernstück von Call of Duty bleibt natürlich der Online-Modus. Und der kann sich zumindest in Sachen Inhalt mal wieder mehr als blicken lassen: Unzählige Modi, ein riesiger Haufen von Waffen und Perks zum Freispielen, 5 Divisions, denen ihr euch anschließen könnt, 10 Maps und noch drei Maps für den neuen “War”-Modus obendrauf, fertig ist das wohl riechende und üppig veredelte Mehrspieler-Menü.

Gestartet wird stilecht in der neuen Hubwelt, dem Hauptquartier, oder kurz HQ: Wie in Destiny versammeln sich hier mehrere Spieler in einer großen, frei begehbaren Lobby, liefern sich spannende 1 vs 1 Duelle in einem eigens dafür abgetrennten Übungsareal, probieren sich am Schießstand (hier dürft ihr sogar in die Scorestreaks reinschnuppern!) und werfen einen Blick auf stolze 15 Retro-Spiele von Activision, die sich freischalten lassen.

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Nebenbei öffnet ihr hier auch Lootboxen, die vom Himmel herabfallen und gleich vor euren Füßen landen. Kurios: Andere Spieler können euch dabei zuschauen, wie ihr die Boxen öffnet. Das nenn ich mal einen kreativen Ansatz, um für Ansporn bei den Mitspielern zu sorgen! “He verdammt, der hat gerade DAS geile Teil gezogen, DAS will ich auch!”. Moralisch durchaus verwerflich, aber extrem gut umgesetzt. Hut ab!

Mit dem klassischen Call of Duty kann ich persönlich leider nicht mehr allzu viel anfangen: Die Karten sind winzig, die Spawn-Punkte der Gegner binnen weniger Sekunden Laufzeit erreicht (Spawn-Camping FTW!) und der Aufbau der Kriegsplätze erreicht nur selten die Klasse alter CoD-Karten - außer natürlich, man nimmt diese als direktes Vorbild, so wie bei “Carentan”. Die französische Stadt basiert auf einer modernisierten Version einer Karte aus Call of Duty 2.

Zudem ist der Spielablauf für meinen persönlichen Geschmack einfach zu “schnell”: Man stirbt im Sekundentakt! Und das liegt nicht zwingend an meinem (nicht vorhandenen) Skill, sondern durchaus auch an nervigen “Ich schmeiße meine Granate mal über die halbe Map und schaue, was passiert”-Kills, welche zufälliger nicht sein könnten. Über Leben und Tod entscheidet darüber hinaus nicht selten die heimische Internet-Leitung: Wo ich live am fluchen bin, zeigt sich in der Wiederholung, dass der Gegner einfach einige Millisekunden früher “dran” war, als meiner einer. Grmbl….

Kurz: Call of Duty: WWII fühlt sich insgesamt noch immer zu sehr nach einem modernen Call of Duty mit aufgesetztem Weltkriegs-Aussehen an. Die Abkehr von Jetpacks und Wallruns tut dem Spiel sichtbar gut (und fühlt sich gut an!), allerdings hätte man gleichzeitig auch an der Geschwindigkeitsschraube drehen dürfen, um das Ganze weiter zurück zu den Wurzeln zu bringen. So bleibt letzten Endes leider nur ein spaßiges Multiplayer-Geballer mit vielen Nerv-Faktoren und einer gewohnt ziemlich “unerwachsenen” Community, die euch bei jedem zweiten Match mit nervigen “F*ck deine Mutter!”-Sprüchen in pubertären Tonlagen auf den Senkel geht.

Ein Lob muss noch raus: Den neuen “War”-Modus kennt man zwar schon von der Konkurrenz, allerdings macht er hier durchaus Laune. So arbeitet ihr euch im 6 vs 6 Duell von Objective zu Objective, baut Brücken und Mauern, begleitet Panzer und erobert Bunker - da funktioniert dann auch mal ausnahmsweise das Teamplay! 3 unterschiedliche Maps für diesen Modus reichen leider nicht wirklich aus - hier darf Activision gerne noch nachlegen!

Jahresübersicht von Januar bis Dezember Die besten Games 2017 117 Fotos

Bei der Macht von Greyskull, wer hat die He-Man-Figuren in mein Call of Duty importiert?

Technisch mag "Call of Duty: WWII" zwar der beste Serienteil sein, in Sachen Art-Design und Stilsicherheit liegt er weit zurück! Das größte Problem, welches ich mit dem Spiel habe: Die Figuren erinnern mich dank der verwendeten Hochglanz-Filter an He-Man-Figuren! Und anstelle von Dreck und Matsch, erwarten euch Kulissen, die nicht selten an ein Barbie-Haus oder Schloss Greyskull erinnern - Plastik-Look in Reinkultur! Immerhin läuft alles gewohnt flüssig und sauber über den Bildschirm - auch auf der alten PlayStation 4, ganz ohne “Pro”.

Im Gegensatz zur visuellen Seite, liefern sich die Entwickler akustisch keine Blöße: Mit einer passenden 5.1 Anlage ausgerüstet, zieht der zweite Weltkrieg auch ins Wohnzimmer eurer Nachbarn ein. Und für die deutschen Synchronstimmen hat Activision gleich zwei bekannte Stars engagiert: Dennis Schmidt-Foß (Ryan Reynolds) spricht den mürrischen Sergeant Pierson, Lara Trautmann (Sigrun Engel in Wolfenstein II, Lara Croft in “Rise of the Tomb Raider”, Piper Wright in Fallout 4 und Sombra in Overwatch) darf in die Rolle der französischen Widerstandskämpferin Rousseau schlüpfen.

Fazit

Hach, was hätte man mit den heutigen Mitteln alles aus dem Thema “Zweiter Weltkrieg” herauskitzeln können! Leider kitzelt “Call of Duty: WWII” diese Möglichkeiten in der mal wieder viel zu kurzen Kampagne nur kurz am kleinen Zeh, liefert gewohnte und bereits hundertfach gesehene Action-Kost ohne allzu große, spielerische Neuerungen und packt am Ende noch stolz das Siegel “Zurück zu den Wurzeln!” obendrauf. Nee, ganz im Ernst, das reicht 2017 einfach nicht mehr, um mich als Spieler abzuholen - weder emotional, noch von den spielerischen Aspekten her.

Auch der Online-Modus bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück: Die kooperative Zombies-Kampagne ist mal wieder nett, pfeift in Sachen Innovationen aber aus dem letzten Loch. Der War-Modus entzückt mit den besten Online-Momenten meiner bisherigen Spielzeit, die “klassischen” Modi hingegen fühlen sich unausgewogen, teils sogar unfair an.

Kurz: Das Motto “Zurück zu den Wurzeln” wird thematisch eingehalten, nicht aber spielerisch. Und eben letzteres wäre wichtiger gewesen. Was bleibt ist ein spaßiger Shooter ohne Garantie länger als ein halbes Jahr in der Erinnerung seiner Fans zu bleiben. Aber keine Sorge, denn das nächste Call of Duty kommt so sicher wie der nächste Lootbox-Drop.

Call of Duty: WWII erhält von uns 7 von 10 Lootboxen, 74 Prozent He-Man Faktor und 3 von 5 bereits hundertfach gesehenen Zugentgleisungen - in Slow-Mo und mit viel Crash-Boom-Bang.

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