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Rammstein inszeniert sich wie großes Theater. In Berlin feiern die Rocker ein Heimspiel. Entsprechend heiß geht es her, nicht nur musikalisch.

Es ist eine minuziös durchgeplante, nahezu makellose Inszenierung, die eigentlich keine persönliche Note erlaubt. Ganz am Ende bricht Rammstein-Frontmann Till Lindemann dann aber doch aus: „Berlin, ihr wart, seid und bleibt der totale Wahnsinn“, sagt er fast leise nach einem ohrenbetäubenden Konzert.

Mehr als zwei Stunden hat Rammstein („Ich will“) da am Samstagabend bereits ein Spektakel abgeliefert. Das schon vor Monaten ausverkaufte Konzert im Berliner Olympiastadion ist ihr Heimspiel – die kurzen Worte an die Berliner kommen bei den schweigsamen Brachial-Rockern fast schon einer Liebeserklärung gleich.

Zuvor spricht Rammstein lieber durch Musik und Texte. Wie eine Urgewalt entladen sich ihre martialische Klänge über dem Stadion. Der einfache Beat fährt in die Glieder, begleitet von einer spektakulären Feuershow. Dafür ist Rammstein berühmt. Ebenso für die gerne mal zwielichtigen, selten eindeutigen Texte mit großem Interpretationsspielraum.

Sie haben einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Bands bereits den Vorwurf eingebracht, sehr weit am rechten Rand zu spielen. Mit dem titellosen siebten Album – dem ersten seit zehn Jahren – positioniert sich Rammstein nun eher auf der anderen Seite. In gleich 14 Ländern stiegen die Rocker in der ersten Woche an der Chartspitze ein, jetzt spielen sie ihre bislang größte Europa-Stadion-Tour.

„Deutschland“ heißt zwar eins der neuen Lieder, und im Video sind Bandmitglieder in Kleidung zu sehen, die der von KZ-Häftlingen ähnelt. Doch der Song ist eine brutale Abrechnung mit 2000 Jahren deutscher Geschichte. „Deutschland, Deutschland über allen“, singen die Fans in Berlin vor der Kulisse des von den Nazis gebauten Olympiastadions – mit „n“ am Ende statt der durch den Nationalsozialismus diskreditierten „über alles“-Variante. Rammstein weiß zu provozieren, Grenzen auch zu überschreiten.

Auch live muss man bei den Brachial-Rockern eben genau hinhören. Die Lieder gehen ineinander über, fast als stammten sie alle von einem Konzeptalbum. Rammstein entführt in eine lyrische Welt, eine Welt voller verstörender Gedanken. Mal wird gestampft, marschiert, mal geklatscht.

Dann steht König Lindemann vor einem überdimensionierten Kinderwagen, darin eine sich windende Gestalt mit aufgerissenem Mund. „Ja, ich reiß‘ der Puppe den Kopf ab“, brüllt er. Aus dem Kinderwagen schlagen Flammen, die Puppe verbrennt, scheint schwarzes Konfetti auszuspeien.

Die Akustik im Berliner Olympiastadion ist nicht die beste – es ist eben doch eher Sport- als Konzertarena, das haben vor Rammstein schon andere Musikgrößen erfahren müssen. Doch die Show ist spektakulär, inszeniert wie eine große Oper. Die Band trägt Fantasie-Uniformen, fast wie einst der libysche Herrscher Muammar al-Gaddafi. Es gibt Flammenwerfer, bei denen man sich wundert, dass niemand verletzt wird.

Gegen Ende fahren die Musiker im Schlauchboot über die Hände der Menge. Stage diving auf Rammstein-Art. Zuvor hat das ganze Stadion mit und für sie „Engel“ gesungen. Man wird es vor den Toren noch weit gehört haben. (dpa)