Foto: dpa/Axel Heimken
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Die Fans mussten lange warten, am Montagabend war es dann so weit: Rammstein, eine der erfolgreichsten deutschen Bands und wohl auch die provokanteste, haben in Gelsenkirchen ihren Tourauftakt zelebriert. Dabei gehe es allerdings nie darum, Leute zu schocken.

Ein kurzer Trailer zur ihrer ersten Single „Deutschland“ aus dem Album „Rammstein“ löste heftige Proteste aus. In dem Video präsentiert sich die Rockband mit Anspielungen auf deutsche Konzentrationslager, vier Band-Mitglieder deren Kleidung an die von KZ-Gefangenen erinnert, hängen am Galgen.

Der Holocaust werde hier zu „Marketingzwecken missbraucht“, hatte Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, daraufhin gesagt. Und jetzt haben sich auch die Musiker zum ersten Mal über ihre Beweggründe für das Video geäußert.

„Es geht uns nicht darum, Leute zu schocken“, sagt Christian „Flake“ Lorenz im Interview mit dem Magazin „Rolling Stone“. Aber natürlich habe die Band diese Reaktionen aktiv provoziert. „Wir wollen provozieren, Leute in Bewegung bringen. Das ist das Gegenteil von Entertainment.“

Aus Sicht des Keyboarders stelle sich zudem die Frage, „warum wir beim Thema Deutschland immer gleich so empfindlich sind. Der Song handelt von dem ambivalenten Verhältnis, das wir zu Deutschland haben. Und das Video zeigt, woher dieses Verhältnis womöglich kommt“, so Lorenz.

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Schlagzeuger Christoph Schneider räumt derweil ein, von den heftigen Reaktionen überrascht gewesen zu sein. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so einen Aufruhr geben würde.“ Dennoch stehe er nach wie vor hinter der Entscheidung, den 35 Sekunden langen Filmausschnitt ins Netz zu stellen. Er repräsentiere gut das zwei Tage später in voller Länge veröffentlichte Rammstein-Video „Deutschland“. Niemand werde verhöhnt, die Band mache sich nicht lustig.

Lediglich die Tatsache, „dass hier Rammstein am Galgen hängen, macht den Trailer eben für einige zur Provokation“, so Schneider. Und Provokation gehört bei Rammstein zum Programm. Die Songs sind selten eindeutig, Videos gern mal zwielichtig.

Die Interpretationsspielräume, das martialische Auftreten in Videos und auf der Bühne, nicht zuletzt direkte oder indirekte Zitate von NS-Ikone Leni Riefenstahl haben einer der weltweit erfolgreichsten deutschen Bands oft den Vorwurf eingebracht, sehr weit am rechten Rand zu spielen.

Nur eine Woche Woche vor Veröffentlichung des neuen Albums hat Rammstein mit der gut 20 Jahre alten Coverversion „Stripped“ von Depeche Mode eines ihrer umstrittensten Videos auf YouTube hochgeladen. Die angeprangerte Nazi-Ästhetik haben sie schon mal selbst als Grenzüberschreitung bezeichnet. Für die Bewerbung des neuen Albums schien es dann aber doch wieder ein geeignetes Mittel zum Zweck zu sein.

Und das siebte Studioalbum und enthält wie seine Vorgänger wieder elf Songs, darunter auch das Lied „Deutschland“, eine ebenso brutale wie wenig nationale Abrechnung mit 2000 Jahren Geschichte eines Landes, dem Rammstein sagt: „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“.

Es ist zuviel „übermächtig, überflüssig, Übermenschen, überdrüssig“, denn „wer hoch steigt, der wird tief fallen“. Doch schon die nächste Zeile birgt wieder Ungemach: „Deutschland, Deutschland über allen“. Werden sich alle mitgrölenden Fans bei der anstehenden Stadion-Tour an das Rammsteinsche „n“ am Ende halten oder auf die durch die Nazis diskreditierte „über alles“-Variante ausweichen?

Genau hingehört haben die in der DDR aufgewachsenen sechs Rammstein-Mitglieder für den Song „Radio“. Das Lied ist ein Schrei gegen Zensur und Unterdrückung: „Wir durften nicht dazugehören; nichts sehen, reden oder hören.“ Doch Musik kennt ebenso wie Gedanken „keine Grenzen, keine Zäune“. Im zugehörigen Video schafft es eine schwarz uniformierte Armee nicht, die Radiostation in Besitz zu nehmen und der Musiker Herr zu werden. Und vor dem Funkhaus wehen am Ende rote EU-Fahnen.

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„Zeig Dich“ ist eine Abrechnung mit dem Teil des Klerus, dessen Vertreter sich „aus Versehen an Kindern vergehen“, alles stets „im Namen des Herren“. Ein weiterer starker Song ist „Puppe“. Text und Musik machen die sich steigernde Verzweiflung eines Jungen spürbar, der durch das Schlüsselloch beobachten muss, wie sich seine Schwester im Nachbarzimmer prostituiert und schließlich von einem ihrer zahlreichen Freier beim Akt ermordet wird.

Dem Dunklen, Abgründigen, Grenzüberschreitenden frönen die Rammstein-Songs auch bei immer wieder von der Band aufgegriffenen Themen wie Promiskuität („Ausländer“), Sex-Fantasien à la „besser widerlich als wieder nicht“ („Sex“), ausgelebter Hassliebe („Was Ich Liebe“), Voyeurismus („Weit Weg“) oder Kindesmissbrauch („Hallomann“).

Dinge, die bei ihren Fans offenbar gut ankommen. Innerhalb der ersten Woche wurden von ihrem Album allein in Deutschland mehr als 260.000 Einheiten abgesetzt. Das nach Angaben des Marktforschungsinstituts „GfK Entertainment“ der „erfolgreichste Start einer Band in diesem Jahrtausend.“

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(mit Agenturmaterial (dpa))