Foto: Screenshot YouTube
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Deutsche Rap-Videos haben auf YouTube und Spotify enorme Abrufzahlen. Vielen Fans, aber auch Künstlern selbst, kam das schon seit Monaten komisch vor. Immer häufiger wurden Verdächtigungen über etwaige Manipulationen öffentlich geäußert. Jetzt hat das Y-Kollektiv dem Thema eine 20 Minuten lange Reportage gewidmet. Ein Hacker packt aus.

Die deutsche Rap- und Hip-Hop-Szene ist in Aufruhr. Der Grund: Eine Reportage des Y-Kollektivs auf YouTube, die dort bereits über 1,5 Millionen Klicks gesammelt hat. In dieser mehr als 20 Minuten langen Dokumentation zeigt Reporter Ilhan Coskun mit seinem Team, was hinter den hohen Klickzahlen für deutsche Rap- und Hip-Hop-Videos steckt. 

Das Y-Kollektiv ist ein YouTube-Kanal des zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehörenden Netzwerk „Funk“. Coskun, der eigentlich als Kameramann bei den Projekten fungiert, hat sich mit einem Hacker, der unerkannt bleiben will, getroffen. Im Interview zeigt der vermummte Mann, er selbst nennt sich „Social-Media-Experte“, wie er die Klickzahlen von Künstlern bei Streamingdiensten wie YouTube und Spotify manipuliert. Und damit auch die Charts.

Die ganze Doku „Rap Hack“ könnt ihr euch hier anschauen:

Der Hacker wird im Film „Kai“ genannt. Er trifft sich mit dem Y-Kollektiv und macht eine Ansage: Der Reporter solle ihm einfach einen fertigen Song zwischen 2 Minuten und 2:15 Minuten bringen, am besten noch ein Video dazu produzieren. dann brauche er noch ein Instagram-Profil. Den Rest werde er übernehmen. Er verspricht: „Es ist mega einfach, aus dem Nichts in die Charts zu kommen“. 50.000 Euro würde das Ganze normalerweise kosten, den Beweis will er jetzt aber kostenlos antreten.

Also nimmt der Reporter mit befreundeten Musikern unter dem Namen „Error281“ schnell einen Track im Studio auf und produziert sogar noch schnell ein Video zu dem Song „8k“. Hier gibt es das Video auf YouTube:

Gut, vielleicht ist ein bisschen viel Autotune im Song, der Beat klingt aber ganz ok und der Song geht sogar ins Ohr. Hätte auch von einem bekannteren Künstler stammen können. Das Video wirkt ebenfalls professionell. Der Text ist allerdings ein bisschen grenzwertig, auch für das Experiment. So heißt es in einer Line: „Klicks generieren, kein Ding für mich hier, kein Problem. (…) Y-Kollektiv, mein Team …“ – das geht auch unauffälliger, aber das ist hier gar nicht das Thema.

Lied fertig, Song fertig, Instagram-Profil fertig – das Experiment kann starten. Wird es Error281 wirklich bis in die Charts schaffen? Der Hacker lässt sich bei seiner „Arbeit“ nicht komplett in die Karten schauen. Er startet ein Programm am PC und hat plötzlich den Zugang zu mehreren tausenden deutschen Spotify-Zugängen, die sich nach und nach auf seinem Rechner wie von Geisterhand öffnen. Und mit diesen Accounts wird nun der ausgewählte Track gestreamt. 

Der Hacker erklärt, dass er bei einem Auftrag Playlists erstellt. Mit diesen wird der Betrug verschleiert, da auch andere Künstler in die Playlists aufgenommen werden. Das heißt, dass auch andere Musiker von der Manipulation bei Spotify profitieren. Und das, ohne davon zu wissen. 

Doch auch die Künstler, deren Abrufzahlen angeblich manpuliert werden, wissen laut „Kai“ oft gar nichts von den Vorgängen. Es seien vielmehr die Manager der Rapper, die auf ihn zukommen. Und mit denen er die Klickzahlen und die dementsprechende Bezahlung für die Beschaffung dieser, aushandelt. 

In der Doku werden die Zahlen von Error281 auf YouTube und Spotify ausgewertet. In die Charts ist er nicht gekommen. Und dennoch kann er auf beachtliche Reichweiten-Erfolge schauen: Bei Instagram hatte er mit zwei Fotos plötzich 70.000 Abonnenten, auf Spotify hatte er schnell mehr als 100.000 Aufrufe. Der Hacker sagt in der Doku, dass er jetzt aufhöre, denn ab jetzt kämen auch kosten auf ihn zu. Aber die Zahlen sind schon beachtlich. Besonders für einen völlig unbekannten Newcomer.

In der Reportage „Rap Hack“ werden keine Künstler namentlich beschuldigt, sich Klicks zu kaufen. Der Hacker gibt aber in dem Film an, dass er den fünf erfolgreichsten Künstlern im deutschen Hip-Hop zum Einstieg in die Charts verholfen habe. Und der Hacker zeigt dem Reporter Beispiele, die aus seiner Sicht auffällig waren. Für „Kai“ besonders auffällig: die Künstler Mero und Sero el Mero, die beide kometenhaft aufstiegen. Beide stehen beim Label „Groove Attack Trax“ von Xatar unter Vertrag.

Klar, dass Xatar die nicht konkret genannten Anspielungen nicht auf sich sitzen lassen wollte. Er antwortet in einem langen Statement ruhig und sachlich auf die Vorwürfe. Die Vorwürfe sind ja nicht neu, der Rapper Fler beispielsweise hatte in den vergangenen Monaten häufiger in Interviews gesagt, dass in der Branche Klicks gekauft werden. 

Macht euch selbst ein Bild:

Das Y-Kollektiv antwortete wiederum auf Xatars Video und Coskun distanzierte sich von dem Vorwurf, Mero und Sero el Mero an den Pranger gestellt zu haben. „Dass sie oder deren Manager betrügen würden, habe ich zu keiner Zeit behauptet. Also das ist mir auch nochmal ganz wichtig. Ich habe nicht gesagt, dass einer von den Jungs manipuliert.“ Er beruft sich lediglich daruf, dass diese Künstler von „Kai“ als „auffällig“ genannt wurden.

Auch dieses Video könnt ihr hier schauen:

Und jetzt? Alles nur gekauft? Da bei dem Fehler im System alle profitieren, stellt Coskun in seiner Doku zum Schluss einige Fragen. „Ist etwa der dumm, der sich die Klicks nicht kauft? Ist es das normale Business im Rapgame, an dem alle profitieren: Labels, Künstler, Streamingplattform, Manager, Tourneeveranstalter und Produzenten?“

Viele berechtigte Fragen, YouTube und Spotify wollten sich auf Anfrage dem Y-Kollektiv gegenüber nicht äußern. Schade eigentlich …

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