Zwölf Einblicke

Wie Obdachlose Düsseldorf sehen

Zwölf Einblicke: Wie Obdachlose Düsseldorf sehen Zwölf Einblicke: Wie Obdachlose Düsseldorf sehen Foto: Susanne Hamann
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Über zehn Jahre haben Najim Kabouri und Ralf Hesselfeld auf Düsseldorfs Straßen gelebt. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählen sie, was sie in dieser Zeit über Düsseldorf und über die Gefahren eines Lebens auf der Straße gelernt haben.

Najim Kabouri ist 39 Jahre alt. Zwölf Jahre seines Lebens hat er auf der Straße verbracht. Eines Tages hat der Alltag einfach nicht mehr funktioniert. Erst verlor er den Job, dann die Wohnung. Ralf Hesselfeld (48) hat knapp elf Jahre auf der Straße zugebracht. Erst gab es Streit in der Familie, dann kam der Alkohol, am Ende waren Job und Wohnung weg.

Erst durch die Unterstützung der Obdachlosenhilfe fiftyfifty, konnten beide wieder in eine Wohnung ziehen. Die Organisation stellte ihnen eine Wohnung zur Verfügung und half ihnen dabei, wieder Hartz IV zu beziehen. Im Gespräch blicken Kabouri und Hesselfeld zurück auf die Jahre auf der Straße.

Die Altstadt ist das gefährlichste Viertel für Obdachlose:

"Am gefährlichsten sind die betrunkenen Leute in der Altstadt. Dabei ist es vollkommen egal, wie alt die sind oder wie viel Geld sie haben", sagt Kabouri. Der 39-Jährige ist dort einmal von Betrunkenen ohne ersichtlichen Grund verprügelt worden, als er Flaschen gesammelt hat. Ein anderes Mal hat ihm jemand mit einer Krücke das Jochbein gebrochen. "Die Altstadt ist kein gutes Pflaster", bestätigt auch Hesselfeld. Wer dort übernachtet, muss damit rechnen, mit Flüssigkeiten übergossen oder auch angepinkelt zu werden. "Eine Art Sozialrassismus", nennt Oliver Ongaro das. Der Streetworker weiß: "Wenn Leute betrunken sind, entsteht das oft gegen Menschen die arm sind."

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Die Altstadt ist das rentabelste Viertel für Obdachlose:

Allerdings hat die Altstadt zwei Seiten, "man findet dort natürlich auch die meisten Pfandflaschen", sagt Hesselfeld. Vor allem am Wochenende lohnt sich für Obdachlose deshalb die Tour durch die Gassen. "Aber schlafen würde ich dort auf keinen Fall", sagt Kabouri.

Die Pfandflaschen-Ringe an Mülleimern sind eine gute Sache:

Pfandflaschen sind für Obdachlose eine der wichtigsten Einnahmequellen. Sie zu beschaffen, ist aber nicht immer angenehm. "Man weiß wirklich nie, in was man greifen wird, wenn man die Hand in einen Mülleimer steckt", sagt Hesselfeld, "deshalb sind die Ringe eine wirklich gute Sache." Kabouri sieht noch einen anderen Grund: "Es suchen auch viele Senioren Pfandflaschen und die achten oftmals gar nicht darauf, was in den Mülltonnen liegt. Da ist es schon viel besser, wenn die Flaschen in den Ringen stecken."

Man kann für 50 Cent am Tag leben:

Die Unterkunft in einer Notschlafstelle ist kostenlos, und eine Mahlzeit bekommt man in den Armenküche in der Altstadt für 50 Cent. "Das bedeutet, man bekommt für zwei Pfandflaschen etwas Warmes zu essen, und die findet man wirklich immer", sagt Hesselfeld. "Wenn man in der Bäckerei Hinkel in der Altstadt nett nachfragt, bekommt man eigentlich auch immer eine Tüte mit Brot." Auch Ongaro bestätigt: "Hunger ist ein Thema, das nicht so sehr die Obdachlosen betrifft, sondern eher Familien, die sehr arm sind und nicht wissen, wie sie sich finanzieren sollen."

Die Düsseldorfer sind meistens freundlich:

Immerhin sind die Düsseldorfer insgesamt laut Hesselfeld und Kabouri freundlich und hilfsbereit: "Ich habe schon erlebt, dass ich morgens aufgewacht bin und ein 5-Euro-Schein lag auf mir. Mal hatte ich etwas zu essen neben mir stehen. Und ein Matratzenladen hat mir und einem Kumpel mal Matratzen gespendet", sagt Hesselfeld. Kabouri hat solche Situationen noch nicht erlebt, "ich muss aber auch sagen, dass ich meistens sehr versteckt geschlafen habe."

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Am Hauptbahnhof findet man die härteste Szene Düsseldorfs:

"Es gibt nur einen Ort, wo ich in Düsseldorf nie hingehe", sagt Hasselfeld. "Das ist Mintropstraße, Worringerplatz - also die Szene rund um den Hauptbahnhof." Dort befindet sich die härteste Drogenszene Düsseldorfs, das bestätigt auch der Streetworker Orango. "Dass Hesselfeld dort nicht hinwill, hat zwei Gründe. Zum einen mischt sich die Alkohol- und die Drogenszene so gut wie nicht, zum anderen, ist die Szene dort so hart, dass sogar viele Abhängige sagen, sie würden dort niemals hingehen."

Der größte Unterschied zwischen den beiden Szenen ist die Beschaffungskriminalität. Während Alkoholiker ihre Sucht mit Flaschensammeln finanzieren können, müssen Heroinabhängige ganz andere Summen organisieren. "Die haben sogar einen Kumpel von mir geschlagen und ausgeraubt", sagt Hasselfeld. "Der hat über dem Apollo geschlafen, selbst nichts gehabt und ist über 50. Aber denen ist alles egal."

Auch als Obdachloser kann man gepflegt herumlaufen:

Auch Obdachlose haben die Möglichkeit, sich zu waschen und zu duschen, selbst, wenn sie nicht in einer Notschlafstelle übernachten. "Auch wenn ich gelebt habe wie ein Penner", sagt Kabouri, "habe ich es mir nie nehmen lassen, ganz normal auszusehen." Die beste Option ist das Shelter in der Altstadt. Dort kann man sich duschen und auch die Kleidung waschen.

"Schlimm war es nur, wenn ich gearbeitet habe", sagt Kabouri. "Dann stand den ganzen Tag Arbeit an, und wenn alle abends nach Hause sind, hieß es bei mir: ab auf die Straße. Das ist echt hart." Duschen fiel in diesen Situationen aus, weil Kabouri nur selten in einer Notschlafstelle übernachtet hat. "Stattdessen bin ich dann morgens schnell auf die Toilette, und habe versucht mich etwas zu waschen. Aber mehr als zwei Tage am Stück konnte ich unter diesen Bedingungen nicht arbeiten."

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Wie man im Winter in Düsseldorf die Kälte überlebt:

Vor allem der Winter ist für Obdachlose eine Herausforderung. In den Vorraum einer Bank hätten sich Kabouri und Hesselfeld allerdings niemals gelegt. "Ich habe meistens in Kellern übernachtet", sagt Kabouri. Allerdings sei er dort oft von Hausmeistern oder Handwerkern, die renovieren wollten vertrieben worden. "Um mich warm zu halten, habe ich mich oft in Container gelegt und mich mit Pappe zugedeckt", sagt Hesselfeld.

Ohne die dicken Schlafsäcke, welche die Obdachlosenhilfe fiftyfifty ausgibt, würde es aber nicht gehen. "Außer man taktet den Tag ganz genau durch", sagt Hesselfeld. "Man muss tagsüber ins Shelter gehen, das hat von 8 bis 18 Uhr offen. Dann geht man in der Armenküche was essen. Und ab 19 Uhr öffnen die Notschlafstellen." Eine weitere Option für beide war, sich im Karstadt oder Kaufhof aufzuhalten. "Das geht, wenn man eben vernünftig aussieht, dann schmeißen die einen dort auch nicht raus", sagt Kabouri.

So verbringen Obdachlose ihre Tage:

Eher schwierig ist es für Obdachlose, ihren Tag sinnvoll zu strukturieren. "Ich bin viel herumgelaufen, und habe versucht zu arbeiten", sagt Kabouri. Dazu gehörte für ihn das Sammeln und Verkaufen von Sperrholz und Pfandflaschen. "So kam ich auch immer viel mit Leuten ins Gespräch - und dann kriegt man den Tag schon rum." Gleiches erzählt Hesselfeld.

An diesen Orten in Düsseldorf schlafen besonders viele Obdachlose:

Viele Obdachlose schlafen auch im Winter draußen. Etwas Romantisches hat das aber nicht: "Klar ist es im Sommer schon auch mal ganz schön, draußen zu schlafen", sagt Kabouri. "Insgesamt ist es aber vor allem hart. Man guckt so durch die Fenster und sieht, wie andere ein zu Hause haben und zusammen am Tisch sitzen." Einige Obdachlose tun sich deshalb zusammen. Vor allem am Flughafen übernachten viele, am Hofgarten, am Ratinger Tor und über dem Apollo. In leerstehenden Häusern sammeln sich auch größere Gruppen, "da hat dann jeder sein eigenes Zimmer, aber Elektrizität oder Wasser gibt es natürlich nicht", sagt Kabouri.

Oberbilk, das Lieblingsviertel vieler Obdachloser:

Sowohl Kabouri als auch Hasselfeld halten sich hauptsächlich in Oberbilk auf. "Hier befinden sich viele Hilfeeinrichtungen", sagt Ongaro, "und das Viertel eignet sich, weil es zu Fuß von der Innenstadt aus gut zu erreichen ist."

Gemeinsam schlafen schützt vor Angreifern:

Die Nachricht von dem Obdachlosen in Köln, der angezündet worden ist (einen ähnlichen Fall es in der Nacht zum 1. Weihnachtstag in Berlin), hat auch Hesselfeld und Kabouri schockiert. "Natürlich macht einen das betroffen", sagt Hesselfeld. "Das kann ja jedem passieren." Um sich zu schützen, lassen sich Obdachlose deshalb viel einfallen. "Ich habe meistens zu zweit übernachtet", sagt Hesselfeld.

Kabouri wiederum versuchte an möglichst versteckten Orten zu bleiben. "Aber neben den Betrunkenen gibt es noch ein anderes Thema", sagt Kabouri. "Oftmals kommt auch jemand vom Ordnungsamt und vertreibt einen. Deswegen sind letztlich nichtmal die Stammplätze, die man sich auf der Straße sucht, eine Art zu Hause. Denn man weiß nie, wie lange man dort übernachten kann."

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Quelle: RPO