Interview mit Künstler Klaus Klinger

Was sind Düsseldorf seine bemalten Häuser wert?

Interview mit Künstler Klaus Klinger: Was sind Düsseldorf seine bemalten Häuser wert? Interview mit Künstler Klaus Klinger: Was sind Düsseldorf seine bemalten Häuser wert? Foto: Klaus Klinger
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Seit 40 Jahren bemalt Klaus Klinger Häuser, seit 30 Jahren gibt es seine Gruppe Farbfieber. Doch auch, wenn Düsseldorf sich gerne mit seiner Street Art schmückt - die Zuschüsse der Stadt für sein "Urban Art Festivals" sind rückläufig.

Herr Klinger, wie viele Häuser haben Sie in Düsseldorf eigentlich bemalt?

Klinger Es werden bis heute so 70 bis 80 gewesen sein. 25 sind schon wieder weg. Sie sind verdeckt durch einen Anbau oder verschwunden, weil das Haus abgerissen wurde.

Ist es eine Kunst, die aufs baldige Verschwinden angelegt ist?

Klinger Das sicher nicht, es gibt zudem ja Werke, die unter Denkmalschutz stehen. Eines meiner Favoriten-Bilder ist das von Mutter und Kind, die in den Himmel schauen, am Bunker in Rath. Das haben wir jüngst sogar aufgearbeitet. Es ist kein deutsches Motiv, wie viele denken, sondern zeigt Menschen, die im spanischen Bürgerkrieg in den 30er Jahren in den Himmel schauten. Die deutsche Luftwaffe hat damals dort ja für den Zweiten Weltkrieg "geübt", das Bild passt also zu einem Bunker. Jedes Wandbild hat seine eigene Geschichte.

In Garath wurde gerade an der Feuerwache die Gewalt gegen Polizisten beim G20-Gipfel auf einem Graffito positiv dargestellt. "Friede Freude Bullenklatschen" stand da. Das kam nicht gut an.

Klinger Natürlich ist das nicht akzeptabel. Ich glaube, da sind ein paar junge Leute übers Ziel hinausgeschossen. Die Betreuung der Aktion war nicht optimal. Die Motive sind ja nun weg.

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Im August findet das dritte "Urban Art Festival" statt. Worum geht es genau?

Klinger Schwerpunktthema ist der Kamper Acker in Holthausen. Wir werden den Platz mit einem Bild versehen. Er ist 1300 Quadratmeter und damit ähnlich groß wie der Gustaf-Gründgens-Platz, der beim Festival 2015 bemalt wurde. Wir arbeiten noch am Motiv. Es dürften geometrische Formen eine Rolle spielen, denn auf dem Platz sollen unterschiedliche Aktivitäten stattfinden können, auch sportliche. Uns ist wichtig, dass sich die Bevölkerung beteiligt. Sie soll den Platz, der ja keinen einfachen Charakter hat, wieder stärker in Besitz nehmen. Wir gestalten da aber nur den Anfang, drumherum sollen noch Bänke und Bäume aufgestellt werden. Das ist dann Sache der Stadt.

Kann denn Kunst den Charakter eines Platzes ändern?

Klinger Sie kann eine Rolle dabei spielen. Es gibt ja gute Beispiele in Düsseldorf, wo Plätze sich verändert haben. Der Fürstenplatz ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Er ist nicht zu Tode gentrifiziert, sondern steht für Integration. Der Migrantenanteil ist in Friedrichstadt nicht gering und dort haben in einer Ecke zudem die ihren Platz, die sich am Kiosk eine Flasche Bier gekauft haben und sie in der Öffentlichkeit trinken. Wenn der Kamper Acker sich wie der Fürstenplatz entwickeln und sein Image verändern könnte, wäre das sicher sehr positiv. Plätze hängen von ihren Nutzern ab.

Wird nur der Platz gestaltet?

Klinger Wir möchten am Kamper Acker auch Hausfassaden bemalen. Es wäre schön, wenn Eigentümer ihre Immobilien dafür zur Verfügung stellen könnten. Wir freuen uns, wenn sie die Kosten mittragen, aber dies ist nicht die Voraussetzung. Es gibt auch Zuschusstöpfe. Die meisten Fassadenbemalungen finden ohnehin an Privathäusern statt, ich würde sagen zu 95 Prozent.

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Wie viel Zuschuss erhält das Festival?

Klinger Es waren mal 40.000 Euro, dann 25.000 Euro, die jetzt aber auch noch einmal verringert wurden. Es ist traurig, wenn manche Künstler für wenig und manche für nichts arbeiten müssen. Andere Festivals in Düsseldorf sind finanziell weit besser gestellt. Wir binden die Menschen ein, führen über zwei Wochen Workshops für alle Altersgruppen durch, veranstalten einen Graffiti Jam und machen einen Rundgang zu Wandbildern in der Stadt. Das alles kostet, wir würden uns mehr Unterstützung wünschen, sonst können wir dauerhaft das Festival nicht mehr organisieren. Wir benötigen eigentlich einen doppelt so hohen Zuschuss.

Dabei ist Street Art doch ein Kassenschlager, die Politiker finden sie cool.

Klinger Das stimmt, es ist ein Hype entstanden. Der Kunstmarkt hat Urban oder Street Art entdeckt. Da werden teils große Summen gezahlt.

Sind Sie neidisch auf einen Star wie Banksy?

Klinger (lacht) Nein. Der ist schon ein cleverer Kerl. Ich habe eine andere Geschichte und vor 40 Jahren mit der Wandmalgruppe Düsseldorf angefangen. Übrigens gibt es auch in Düsseldorf Werke, die etwas wert sind. Das ist der Stadt vermutlich nicht mal bewusst. Am Hermannplatz in Flingern gibt es etwa eine Arbeit des brasilianischen Künstler-Duos Os Gemeos, von dem bei Sotheby's jüngst ein Werk für 700.000 Euro verkauft wurde.

Sie betonen die politische Rolle der Kunst oder zumindest ihre gesellschaftliche Funktion. Sind Sie damit nicht ein Dinosaurier?

Klinger Ja sicher, aber wir sind nunmal hier verortet und arbeiten mit der lokalen Szene zusammen. Wir fällen unsere Entscheidungen bewusst, gehen mit dem "Urban Art Festival" ja auch nach Holthausen und nicht nach Oberkassel. Ich arbeite meist im Kollektiv und oft mit internationalen Künstlern.

Als Sie an der Kunstakademie studiert haben, war Gerhard Richter Ihr Professor. Was hat der zu Ihrem Ansatz gesagt?

Klinger Er konnte damit nicht viel anfangen und meinte, ich könnte ja in die Politik gehen. Wir haben uns richtig gestritten, das fand er dann aber gut. Ich bin nach zwei Jahren in die Megert-Klasse gewechselt, denn Richter war eigentlich kein guter Lehrer. Er hatte nur sieben Schüler, aber im ersten Semester habe ich mit ihm nur drei Worte gewechselt.

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Haben Sie für Düsseldorf noch Wunschprojekte?

Klinger Wenn die Häuser der Kiefernstraße einmal komplett gestaltet sein könnten, wäre das großartig. Aber auch so ist das eine bundesweit einmalige Situation, das hat nicht mal Berlin. Ich fände es gut, ein Wahrzeichen zu schaffen, beispielsweise einen großen Gebäudeblock in Garath zu bemalen. Auch drei bis vier Wohnblocks wären reizvoll.

Sie sind 63 und zweifacher Großvater. Ist das Kraxeln auf Gerüsten nicht langsam ein bisschen mühsam?

Klinger Bewegung hält ja jung. Aber im Ernst: Ich hatte mir vorgenommen, dieses Jahr etwas kürzer zu treten, aber irgendwie klappt es nicht.

Quelle: RP