Fahrt auf dem Antidepressiva-Float

CSD-Parade in Köln – bunt, laut und absolut herzlich

Fahrt auf dem Antidepressiva-Float: CSD-Parade in Köln – bunt, laut und absolut herzlich Fahrt auf dem Antidepressiva-Float: CSD-Parade in Köln – bunt, laut und absolut herzlich Foto: TONIGHT.de/Patrick Heyde

Antidepressiva Float beim CSD | Sonntag, 6. Juli 2014 Antidepressiva Float beim CSD | Sonntag, 6. Juli 2014 Antidepressiva Float beim CSD | Sonntag, 6. Juli 2014 Antidepressiva Float beim CSD // So 06.07.14 Ganze Stadt 128 Fotos Am vergangenen Sonntag war wieder Karneval in Köln. Nicht der klassische Straßenkarneval, der immer zu Beginn des Jahres gefeiert wird, sondern der „rosa“ Karneval: Der Christopher Street Day. Der Umzug schlechthin für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Ein Erfahrungsbericht.

Ich muss zugeben, ich war zunächst etwas perplex, als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte beim CSD in Köln auf einem Wagen mitzufahren. Vorweg: Ich habe absolut nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebe, bevorzuge meinerseits aber das andere Geschlecht. Und obwohl ich Wahl-Kölner bin, habe ich es bislang nie geschafft, beim CSD dabei zu sein, so dass ich mir kein genaues Bild über das Geschehen machen konnte. Also, kurz überlegt und die Neugier hat gewonnen. So stand ich pünktlich um 12 Uhr am Antidepressiva-Bus, mit dem ich durch die Kölner Straßen ziehen sollte.

CSD Demo-Parade 2014 | Sonntag, 6. Juli 2014 CSD Demo-Parade 2014 // So 06.07.14 Ganze Stadt 144 Fotos 

Sprachlos, wohlgemerkt. Denn das was ich sah, hatte ich so nicht erwartet. Ich war völlig falsch gekleidet, trug ich einfach nur ein T-Shirt mit Jeans – langweilig im Vergleich zu dem, was die Feiergemeinde allgemein so auffuhr. Ich sah Männer in Ganzkörperlackanzügen, Frauen, die an Leinen auf der Straße knieten und Befehle bekamen wie "Kathrin, da liegt noch Staub!" – zack, da senkte sich auch schon die Peitsche. Mein erster Gedanke: "Das kann ja was werden". Nicht negativ gemeint. Ehrlich.

Micaela Schäfer auf dem Float

Nico beim CSD 204 Float Antidepressiva Truck (image/jpeg) Unser Reporter Nico auf dem Antridepressiva-Float.  Aber zurück zum Wagen von Frank Zschirner und Luca Rudolf, den beiden Organisatoren des Antidepressiva-Floats. Die ersten Wagen der Parade setzten sich bereits in Bewegung, unter anderem waren auch die Darsteller der RTL-II-Serie "Köln 50667" vertreten, da schraubten die Techniker noch am Wagen, befestigten LED-Schilder und die letzten Boxen, schließlich wollten die 70 geladenen Gäste vor allem eins: Feiern, feiern, feiern.

Bevor es dann losging, der nächste Hingucker. Micaela Schäfer mit Freundin. Ich muss gestehen, ich habe sie zunächst nicht erkannt. Zu meiner Verteidigung: sie trug für ihre Verhältnisse ungewöhnlich viel Kleidung und eine blonde Perücke. Das Beste: Sie war der Stargast auf unserem Float. Feiern mit Micaela, ich war hin und weg.

Der Gefühlszustand steigerte sich noch, als dann auch endlich feinste elektronische Musik aus den Boxen ertönte und die Floatpässe verteilt wurden. Also los, ab ans Geländer und beste Plätze sichern. Keine fünf Minuten später hatte ich schon die Regenbogenflagge in der Hand, ich verteilte Aufkleber mit der Aufschrift "Stop Homophobie" und kannte bereits meine Nebenleute. Thorsten und Stefan. Man kann ja über Schwule sagen, was man will, aber sie sind unfassbar herzlich.

CSD Demo Parade 2014 | Samstag, 31. Mai 2014 CSD Demo Parade 2014 | Samstag, 31. Mai 2014 CSD Demo Parade 2014 | Samstag, 31. Mai 2014 CSD Demo Parade 2014 // Sa 31.05.14 Altstadt 206 Fotos Dass ich hetero bin, das sah man mir offensichtlich direkt an, nur eine Dame fragte mich, ob ich mich denn für Männer interessieren würde. Als ich das verneinte war für sie die Antwort klar: "Okay, also bi", sagte Jana. Ich glaube so hieß sie, ich habe leider ein unglaublich schlechtes Namengedächtnis. Als ich auch das verneinte, sagte sie mir mit einem Augenzwinkern: "Das kann ja noch werden." Mit dieser Einschätzung liegt sie allerdings falsch.

Ausgegrenzt wurde ich wegen meiner Gesinnung absolut nicht, ich kam mit fast allen ins Gespräch, philosophierte mit Thorsten über den Kleiderstil mancher Zuschauer und wir fanden sogar einen netten Feuerwehrmann für ihn. Allerdings nur zum Gucken, schließlich war der Feuerwehrmann nicht auf unserem Truck. Ich lernte außerdem, dass "Totti" Bemerkungen wie "gay" oder "Homo" absolut nicht als Beleidigung verstand.

Feiern mit Dom-Blick

Aber gut, ich schweife ab. Wir fuhren also über die Deutzer Brücke, feierten mit Blick auf den Dom und am Rand jubelten uns die Menschen zu, bewegten sich zu den Bässen. Es war wie Karneval, nur ohne Helene Fischer oder den Höhnern. Ein Glück, denn das reicht mir ehrlich gesagt einmal im Jahr.

Mit zunehmender Fahrtdauer, steigendem Alkoholspiegel und Temperaturen auf dem LKW um die 30 Grad stieg die Anzahl nackter Oberkörper um mich herum. Respekt, die Jungs halten ihre Körper in Form. Chapeau. Ich ließ mein T-Shirt an. Obwohl Juli ist, bin ich doch noch ein bisschen von der Sommerfigur entfernt. Lohnt sich vielleicht auch nicht mehr, aber gut, 2015 ist ja auch noch ein Jahr, vielleicht schaff ich es dann mal.

CSD Demo Parade | Sonntag, 19. Mai 2013 CSD Demo Parade | Sonntag, 19. Mai 2013 CSD Demo Parade | Sonntag, 19. Mai 2013 CSD Demo Parade // So 19.05.13 Altstadt 111 Fotos Nach gut fünf Stunden war für uns die Parade an der Domplatte vorbei. Frank Zschirner zog für das Debüt des Antidepressiva-Floats ein positives Fazit: "Das ist der totale Hammer hier!". Müdigkeitserscheinungen Fehlanzeige. Genau wie beim Rest der Gäste. Mein lieber Mann, die Jungs und Mädels können wirklich ausdauernd sein. Also runter vom Wagen, quer über die Domplatte und ab ins Consilium. Aftershowparty! Im schicken Innenhof wummerten die Bässe schon wieder, als wir ankamen. Die Jungs von Solar Elektro Sounds verstehen ihr Handwerk. Muss man neidlos anerkennen.

Nochmal zur Erinnerung: Es war noch nicht mal 18 Uhr, wir feierten bereits sechs Stunden und doch, irgendwie hatte hier noch niemand genug. Da wollte ich natürlich nicht der einzige sein, der schon schlappmacht, habe das Spektakel noch zwei Stunden auf mich wirken gelassen und dann erschöpft die Heimreise angetreten. Offiziell ging die After-Show-Party bis zehn, so wie ich Thorsten, Melli, Stefan und wie sie alle hießen, kennengelernt habe, dürfte da noch nicht Schluss gewesen sein.

Mir bleibt nur zu sagen: Hut ab, meine anfänglichen Zweifel sind verflogen, ich habe viel gelernt und es war einfach eine sensationelle Party mit der Antidepressiva-Crowd. Die Kölner wissen einfach wie sie Karneval feiern. Egal ob den "klassischen" oder eben den "rosanen".