Nach dem Unwetter in Nordrhein-Westfalen
Foto: Marius Becker/dpa

Die Zahl der Unwettertoten ist in Nordrhein-Westfalen auf mindestens 43 gestiegen. Das hat das NRW-Innenministerium am Freitag auf Anfrage in Düsseldorf mitgeteilt. Bislang war die Zahl auf mindestens 30 beziffert worden. Nach Angaben der Kölner Polizei stieg die Zahl der Toten allein im Kreis Euskirchen auf 24 und im Rhein-Sieg-Kreis auf 6.

Ob die in Erftstadt-Blessem befürchteten Todesopfer in der Zahl bereits enthalten sind, blieb zunächst unklar. Dort hatten gewaltige Erdrutsche Häuser und Autos mitgerissen. Luftbilder zeigen das enorme Ausmaß der Zerstörung. Immer wieder kamen Notrufe aus dem Ort unweit von Köln. Wie viele Menschen vermisst werden, war zunächst unklar. Die Situation sei unübersichtlich. Ein Erkundungstrupp des Katastrophenschutzes sei im Ort unterwegs.

Erftstadt: „Katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“

Der Verwaltung des vom Hochwasser stark betroffenen Rhein-Erft-Kreises ist bislang ein Todesopfer bekannt. Dies sei von der Stadt Erftstadt gemeldet worden, berichtete eine Sprecherin am Freitag. Es sei aber zu befürchten, dass es noch weitere Opfer gebe. So sei unklar, ob es alle Autofahrer noch rechtzeitig aus ihren Wagen schafften, als sie auf der B265 von Wassermassen überrascht wurden.

Es seien noch 50 Menschen mit Booten gerettet worden, aber auch wieder Menschen auf eigene Faust in bereits evakuierte Häuser zurückgekehrt. Die Flut sei sehr schnell gekommen. Senken hätten binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen.

„Es ist eine katastrophale Lage, wie wir sie hier noch nie hatten“, sagte Rock. Riesige Erdlöcher klaffen in Erftstadt, Häuser sind teilweise eingestürzt. Es habe Todesopfer gegeben, teilte die Bezirksregierung Köln mit.

In der Ortschaft an der Erft war es zu massiven und schnell fortschreitenden Unterspülungen von Häusern gekommen. Eine Sprecherin des Kreises sagte, es seien Menschen in Autos auf überfluteten Straßen eingeschlossen worden.

Von der Bezirksregierung verbreitete Luftbilder und Fotos von dpa-Fotografen zeigen Erdrutsche von gewaltigem Ausmaß. Autos lagen in neu entstandenen riesigen Erdlöchern neben Betonteilen der ehemaligen Kanalisation.

Aus den Häusern kämen immer wieder Notrufe, hatte die Bezirksregierung berichtet. Die Situation sei unübersichtlich. Ein Erkundungstrupp des Katastrophenschutzes sei in dem Ort unterwegs.

Innenministerium: Mindestens 43 Tote in NRW

Der Landrat von Euskirchen, Markus Ramers (SPD), sagte, er rechne mit weiteren Toten, die entdeckt würden, wenn das Wasser abgeflossen sei.

>> Fotos: So ist die Lage in der Katastrophen-Region Erftstadt <<

Nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn sind in Nordrhein-Westfalen 23 Städte und Landkreise von Überschwemmungen betroffen.

Überschwemmungen in NRW-Städten und Landkreisen:

  • Oberbergischer Kreis
  • Rhein-Sieg-Kreis
  • Mettmann
  • Heinsberg
  • Düren
  • Hochsauerlandkreis
  • Rheinisch-Bergischer Kreis
  • Wuppertal
  • Rhein-Erft-Kreis
  • Bochum
  • Hagen
  • Mülheim an der Ruhr
  • Euskirchen
  • Essen
  • Ennepe-Ruhr-Kreis
  • Köln
  • Leverkusen
  • Solingen
  • Märkischer Kreis
  • Oberhausen
  • Unna
  • Düsseldorf
  • Bottrop

Das Landeskabinett wollte am Vormittag zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um über die katastrophale Lage zu beraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den Betroffenen Hilfen. Sie sprach in Washington von einer „Tragödie“.

Seit Aufzeichnung der Pegelstände hat es in Nordrhein-Westfalen noch nie eine so großflächige und verheerende Hochwasserlage wie in diesen Tagen gegeben. Darauf hat NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) am Freitag hingewiesen. „Die Wassermassen haben in vielen Regionen bisher gemessene Werte überschritten“, sagte sie in Duisburg am Sitz der Hochwassermeldezentrale des Landesumweltamts.

Die Ministerin kündigte an, die Lage mit den betroffenen Kommunen und Wasserverbänden in den nächsten Wochen genau zu analysieren. „Wir müssen mit aller Kraft die Widerstandsfähigkeit in Stadt und Land gegen die Folgen des Klimawandels stärken.“ Eine Grundlage dazu habe die Landesregierung mit dem bundesweit ersten Klimaanpassungsgesetz und einer 15-Punkte-Offensive gelegt.

Gegen Mitternacht hatte die Rurtalsperre begonnen, infolge der immensen Regenmengen überzulaufen. Der Wasserverband Eifel-Rur sprach aber von einer „geringen Dynamik“. Die Zuflüsse zu den Talsperren hätten sich zuvor „erfreulich reduziert“.

1000 Soldaten helfen im Kampf gegen die Überflutungen

Im Nachgang waren Überschwemmungen im Unterlauf der Rur erwartet worden. Der Kreis Düren hatte bereits vor der Gefahr von Überflutungen in den Städten Heimbach, Nideggen und der Gemeinde Kreuzau gewarnt. Der Wasserverband warnte, Menschen sollten sich nicht in Flussnähe aufhalten, da die Gefahr bestehe, mitgerissen zu werden. Die Bundeswehr hat zur Unterstützung inzwischen etwa 900 Soldaten in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschickt.

Im heftig betroffenen Kreis Euskirchen in NRW soll ein Gutachter am Freitag erneut die Steinbachtalsperre unter die Lupe nehmen. Der Wasserstand war am Donnerstagabend durch Abpumpen gesunken. Die Talsperre, deren Damm tiefe Furchen aufweist, war von einem Sachverständigen am Vortag als „sehr instabil“ eingestuft worden. Deswegen wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Ortschaften evakuiert. Betroffen waren rund 4500 Einwohner.

Landesweit werden die Rettungs- und Aufräumarbeiten fortgesetzt. In den Städten Schleiden und Bad Münstereifel stießen die Einsatzkräfte auf einsturzgefährdete oder bereits zerstörte Häuser. In Weilerswist wurden Feuerwehrleute von den Wassermassen eingeschlossen. Sie konnten sich nach Angaben des Kreises selbst befreien.

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes waren im Süden von NRW bis zu 180 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Viele Flüsse und Bäche in der Eifel, im Bergischen Land, im Rheinland und Sauerland waren am Mittwoch und in der Nacht zu Donnerstag über die Ufer getreten. Mehr als 15.000 Feuerwehrleute und Katastrophenhelfer absolvierten bis Donnerstag landesweit über 22.000 Einsätze.

Zugverkehr in NRW und Rheinland-Pfalz eingeschränkt

Der Zugverkehr in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt. Zahlreiche Strecken seien komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar, teilte die Deutsche Bahn am Freitag in Düsseldorf mit.

„Die Wassermassen haben Gleise, Weichen Signaltechnik, Bahnhöfe und Stellwerke in vielen Landesteilen von NRW und Rheinland-Pfalz stark beschädigt.“ Allein in Nordrhein-Westfalen seien Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern betroffen. Die Ermittlung der Schäden laufe weiter auf Hochtouren.

Im Nahverkehr verkehren zahlreiche S-Bahn- und Regionallinien weiterhin nicht oder nur eingeschränkt, wie die Bahn mitteilte. Soweit es die Straßenverhältnisse zulassen, seien Ersatzbusse unterwegs.

Im Fernverkehr ist unter anderem der Abschnitt Köln-Wuppertal-Hagen-Dortmund derzeit den Angaben zufolge nicht befahrbar. Es kommt zu Zug- und Halteausfällen. Dies gilt auch für die Strecke Köln-Koblenz über Bonn Hauptbahnhof. Die Strecke Köln-Düsseldorf-Essen-Dortmund ist nur mit erheblichen Einschränkungen befahrbar.

Rund 165.000 Menschen im Westen Deutschland waren nach Angaben des Energieversorgers Eon aufgrund des Unwetters am Donnerstagnachmittag ohne Strom. Besonders betroffen seien die Eifel, der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis, der Rheinisch-Bergische Kreis und Teile des Bergischen Landes, teilte das Unternehmen in Essen mit.

Quelle: dpa