Interview mit Bernd Begemann

"Ich wollte der Beste sein, aber nie berühmt"

Interview mit Bernd Begemann: "Ich wollte der Beste sein, aber nie berühmt" Interview mit Bernd Begemann: "Ich wollte der Beste sein, aber nie berühmt" Foto: Andreas Hornoff
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Bernd Begemann (52) tritt in Haldern als erster Künstler an allen drei Tagen auf. Im Interview erzählt er, was er auf dem Festival vorhat, warum andere erfolgreicher sind als er und weshalb 95 Prozent aller deutschsprachigen Songwriter unfähig sind.

Noch nie hat jemand an allen drei Tagen in Haldern gespielt – warum gerade du?

Bernd Begemann Die Leute können sich darauf verlassen, dass wir es bringen. Ich gehe nicht auf die Bühne, um Lieder zu singen. Ich gehe auf die Bühne, um etwas in die Welt zu setzen.

Wie ist denn der Plan?

Jeder Tag wird anders sein. Am ersten Tag spiele ich mit Band in der Bar, am dritten mit der Band im Zelt und was der Freitag bringt, wird eine Überraschung.

Wirst du bei jedem Auftritt andere Lieder spielen?

Ich denke ja. Auf der Hauptbühne werde ich ein paar Gassenhauer mehr spielen. Aber ich habe auch extrem kunstvolle Lieder mit sehr publikumsuntauglichen, ambivalenten, emotionalen Ausflutungen. Falls das ein junger Songschreiber liest – wenn Ihr was Populäres machen wollt, seht zu, dass in dem Song ein Wir- oder ein Du-Appell steckt. Das kommt besser an als ein "ich" oder "er". Das weiß ich und da halte ich mich fast nie dran.

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Hast du noch Erinnerungen an dein erstes Konzert?

Das war 1978 mit meiner Punkband Vatikan in der Fußgängerzone von Bad Salzuflen. Wir waren drei Leute, und ich dachte, wir würden so werden wie The Jam.

Wie haben die Menschen reagiert?

Mit freundlichem Unverständnis. Ich hatte später die Möglichkeit, als zweiter Gitarrist in die viel bekanntere Punkband Aheads aus Herford einzusteigen, die haben sogar eine LP gemacht. Als ich den Anruf bekam, habe ich zehn Sekunden nachgedacht und dann gesagt: Nein, ich mache meine eigene Band. Lieber in meinem eigenen kleinen Schlammpool tümmeln, als anderer Leute Drecksarbeit machen.

Was ist für dich eine angenehme Publikumsgröße?

Es kommt nicht auf die Größe an, sondern darauf, ob sie neugierig sind. Wenn ich performe, horche ich in mich und in den Raum. Das entscheidet darüber, welches Lied ich als nächstes spiele und wie ich es spiele. Meine Band freut sich, wenn ich sie überrasche. Zumindest sagt sie das, vielleicht hasst sie es auch heimlich. Ich versuche, die Gesamtidentität der Anwesenden zu evaluieren. Das habe ich jetzt super-pathetisch ausgedrückt.

Das Haldern-Publikum gilt als sehr aufmerksam. Also kannst du ihm was zumuten.

Ich will die Leute ja nicht quälen.

Patti Smith hat bei ihrem ersten Auftritt 2003 in Haldern ein deutsches Gedicht in englischer Übersetzung vorgelesen. So acht Minuten lang.

Ich weiß, dass sie historisch wertvoll ist, aber ich bin kein Fan. Wenn man einmal ihre verrückten Groupie-Erlebnisse gelesen hat, denkt man, dass sie eine gefährliche Spinnerin ist. Okay, jetzt hab ich es gesagt, druck das besser nicht. Also ich respektiere sie, aber ich bin kein Fan.

Hast du schon mal ein Konzert gespielt und es war keiner da?

Es waren immer mindestens drei Leute da. Wobei, ganz am Anfang hat mich meine Agentur mal an einen Ort namens Lugau geschickt, das ist irgendwo im Osten. Das war kurz nach der Wende. In Lugau gab es angeblich einen Klub mit dem Namen "Das Landei". Ich kam dorthin und das war einfach ein Bauernhof mit einem kleinen Schild "Das Landei" und einer Bierwerbung. Die Türen waren alle offen, die Tiere waren auf den Weiden – aber es war niemand da. Niemand. Auch kein Veranstalter. Ich habe eine Stunde nach Leuten gesucht und es kam keiner.

Und dann?

Bin ich zu einer Telefonzelle gegangen und habe meine Agentur angerufen. Die hat gesagt, ich sollte wenigstens das Ausfallhonorar verlangen. Aber da war ja niemand, um ihn an die Wand zu pressen und das Ausfallhonorar herauszuschütteln. Jetzt ist es eine schöne Erinnerung. Viele Horrorfilme fangen so an. Wer weiß, was die sonst so mit ihren Gästen machen.

Nach wie viel Minuten weißt du, ob es ein gutes Konzert wird?

Jedes Konzert, das stattfindet, ist ein gutes Konzert.

Weil du so gut bist?

Nein, weil ich mich freue zu leben und dort zu sein.

Du redest gerne zwischen den Songs.

Manchmal. Das sind die Leute nicht gewohnt. Die gehen davon aus, dass Bands ihren Scheiß runtersingen. Ich finde es furchtbar, wie wenige Music-Acts entertainen. Es gehört mehr dazu, als seine Lieder zu singen. Jeder kann singen, jeder hat Singstar gespielt. Es geht darum, was Lebendiges auf die Welt zu setzen. Es ist das, was Troubadoure tun. Ich glaube, das habe ich alles von meinem Vater, der immer ein guter Gastgeber war. Die Leute kamen rein, es wurden Häppchen verteilt, es lief eine Platte. Dann wurde sie leiser gestellt und er hat erzählt, was ihm als Tierarzt alles so passiert ist. Was machst du, wenn du in einen Zirkus gerufen wirst und dort liegen vier riesige Elefanten auf dem Boden und der Zirkusdirektor sagt "Die haben seit drei Tagen nicht gekackt"? Geschichten sind alles, was wir haben.

Inwiefern?

Ich habe neulich einen Vortrag gehört von einem Professoren. Seine These lautet, dass Geschichten der entscheidende Faktor sind, weshalb sich unsere Spezies durchgesetzt hat. Es gab vier Spezies humanoider Wesen, aber der homo sapiens war der einzige, in dessen Nähe man noch verrückte Fantasy-Gottheiten ausgegraben hat. Die haben sich die Leute also ausgedacht und Geschichten dazu erzählt.

Warum bist du nie auf der großen Bühne gelandet?

Medien hatten Angst, dass ich etwas sagen könnte... was sie gar nicht müssen. Ich bin sanft wie ein Lamm und süß wie Zucker. In den 90ern hatte ich Fernsehshows im NDR, aber ich wollte kein Fernsehstar werden. Eine Fernsehsendung haben konnte ja jeder. Ich wollte Lieder singen. Leute zum Lachen und Weinen bringen durch die Magie des Liedes – das ist göttlich. Um berühmt zu werden, muss man es wollen. Ich wollte immer der beste sein, aber ich wollte nie berühmt sein. Jüngere Leute gehen auf dem Boden, den die Hamburger Schule ihnen bereitet hat.

Und du hast die Hamburger Schule miterfunden.

Der Grund, weshalb kürzlich die ersten zehn Plätze in den deutschen Albumcharts deutsch waren, ist, dass wir vor fast 30 Jahren gesagt haben: Wir singen jetzt in unserer eigenen Sprache über Dinge, die in unserer Nachbarschaft passieren. Das haben wir gesagt in einer Welt, die uns gesagt hat: Das ist das Letzte. Das geht nicht, ohne wie ein Schlagerfuzzi zu klingen. Wir haben entgegenhalten: Wir werden die angemessene Ausdrucksform für unsere Situation finden.

Hast du je Zorn darüber empfunden, dass erst die Leute nach dir Erfolg hatten?

Nein, und ich bin auch total glücklich. Ich lebe gut und performe noch. Ich bedaure nur, dass ich keinen Standard setzen konnte. Viele erfolgreiche Musiker benutzen heute die Tricks der Hamburger Schule ohne einen Hauch von ästhetischem Anspruch. Ohne eine Hauch von investigativem Ehrgeiz. Sie nutzen die Tricks, um das Publikum einzuseifen, aber nicht, um die Wahrheit zu sagen.

Möchtest du an dieser Stelle eine Band dissen?

Nein.

Es klingt beinahe so, als würdest du Geld mit deiner Musik verdienen. Ich dachte, Kritikerlieblinge seien grundsätzlich arm.

Ich bin Profi, seit 30 Jahren. Zurecht. Weil ich arbeite und Freude bereite und Dinge erfinde. Ich bin nicht reich, aber ich kann meine Miete bezahlen und alle zehn Jahre ein neues Auto kaufen.

Du bist sehr viel auf Tour. Bist du ein guter Fahrer?

Ich finde ja. Ich hatte nie große Unfälle, bloß kleine Kollisionen auf Parkplätzen. Das liegt daran, dass mein VW Touran ein fantastisches Auto ist, aber ein paar tote Winkel hat. Mein nächstes Auto braucht eine Einparkhilfe. In das Auto passt die gesamte vierköpfige Band plus Instrumente plus Backline.

Welche Farbe hat dein Auto?

Silber. Ich habe es gebraucht gekauft. Aber es ist nur ein Auto. Wichtig ist, dass die Anlage gut ist und es immer angeht.

Was schmeckt im Auto am besten?

Ich muss gestehen, dass ich im Laufe meines langen Tourlebens schon so ziemlich alles gegessen habe. Auch am Steuer. Auch Sushi. Auch Suppe. Es ist heutzutage so viel komfortabler, auf Tour zu sein. Mein Vater hat mir erzählt, dass in den 50er Jahren nur alle hundert Kilometer eine Tankstelle kam, und es gab dort nur Filterkaffee, Bier und Stullen. Wen man Glück hatte, noch Soleier. Heute gibt es überall leckerste Schaumkaffees. Es gibt keine guten alten Zeiten.

Was machst du mit den 50-Cent-Gutscheinen von Autobahntoiletten?

Das ist eine Frage, die ich gerne mit Musikerkollegen diskutiere – Sanifair, Fluch oder Segen? Im Augenblick habe ich tatsächlich ungefähr 20 Sanifair-Bons. Ich vergesse immer, die zu benutzen. Wahrscheinlich sind die irgendwann verfallen.

Wann bist du zuletzt mit zu viel Alkohol Auto gefahren?

Nie. Ich trinke nicht so viel wie andere Musiker, weil mich das müde macht. Wenn man alleine auf Tour ist, kann man sich nicht besaufen. Dann ist man das verwundbarste Wesen der Welt. Mein Überlebensinstinkt sagt mir, dass Saufen nicht gut ist.

Quelle: RP