Foto: Bandai Namco Entertainment
Foto: Bandai Namco Entertainment

Von Marco Mainz

Wir schreiben das Jahr 1916. Es herrscht Krieg. Deutschland gegen die Alliierten. “11-11: Memories Retold” von Bandai Namco erzählt die Geschichte zweier Männer, die ohne Kampfeslust in den ersten Weltkrieg ziehen. Eine Antithese zu den sonst so marktkonformen Ego-Shootern.

Wer an Videospiele in Verbindung mit Krieg denkt, dem kommen unweigerlich Szenen aus dem neuen Call of Duty oder Battlefield in den Sinn. Spritzendes Blut, zerberstende Rüstungen, dynamische Kämpfe. In “11-11: Memories Retold” ist davon keine Spur. Das Adventure mit dem einzigartigen Grafikstil in Form eines “lebendigen Gemäldes” konzentriert sich ganz auf seine erzählerische Darstellung des Krieges – mal ganz ohne Ballern! Damit schaffen die Macher ein Antikriegsspiel, ähnlich wie es Ubisoft 2014 mit “Valiant Hearts” gemacht hat.

Die Entwicklerstudios Aardman Animations und Digixart gedenken mit dem Titel an das Ende des ersten Weltkrieges, das 2018 sein 100 jähriges Jubiläum feierte.

Der Deutsche und der Kanadier

Sie heißen Kurt und Harry. Zwei Männer, die aus unterschiedlichen Beweggründen in den Krieg ziehen. Kurt (gesprochen von Sebastian Koch) ist ein deutscher Techniker, der in einem Zeppelinwerk der deutschen Armee arbeitet. Als die Kompanie seines Sohnes Max an der Front vermisst wird, meldet er sich freiwillig, um im Niemandsland nach seinem Jungen zu suchen.

Mehr naiv als heroisch geht es dagegen beim kanadischen Fotografen Harry (Elijah Wood) zu. Der Jungspund arbeitet in einem kleinen Fotoladen, der von einem Major namens Barrett besucht wird. Als dieser Harrys Fotografie-Fähigkeiten bemerkt, überzeugt er ihn vom Soldatendasein: „Frauen lieben Männer in Uniform“. Für Harry Grund genug um an die Front zu ziehen. Der junge Kanadier soll fortan Propaganda-Fotos für die Alliierten schießen.

Wir steuern Kurt und Harry im Wechsel, sodass wir beide Seiten des Krieges gleichermaßen erleben. Anders als „Valiant Hearts“ verzichtet das Spiel auf die Darstellung von gut und böse. Im Fokus stehen die beiden Protagonisten; nicht der Krieg selber und auch nicht die Politik dahinter. Memories Retold nimmt sich Zeit beim Erzählen. Wir erfahren von Kurts Familie und von Harrys Liebe zu seiner Angebeteten Julia. Die Charaktere sind geerdet und haben nachvollziehbare Motivationen.

Hin und wieder schreiben wir mit Kurt Briefe an die Familie, in denen wir mit bedacht wählen, was wir ihr erzählen. Sind wir ehrlich und beschreiben die düstere Seite des Krieges, oder beschönigen wir das Erlebte um die Sorgen in der Heimat zu lindern? Je nachdem was wir schreiben, verändert sich der Epilog des Spiels. Selbiges geschieht abhängig von Harrys Motivauswahl. Während des Spielens können wir nämlich die Kamera hervorholen und mit dem jungen Kanadier freiweg Fotos knipsen – maximal 16 Stück pro Tag (Abschnitt), da Filmrollen seinerzeit sehr rar waren.

Eine verbotene Freundschaft

Innerhalb der Level gilt es für uns allerhand Befehle auszuführen. Mit Techniker Kurt reparieren wir Ausrüstungen und hören feindlichen Funk ab, während wir uns mit Harry zu Major Barrets Schoßhündchen entwickeln. Wann immer möglich, pfeift dieser uns herbei, damit wir ihn in patriotischen Posen fotografieren. Bei unseren Kameraden kommen wir deshalb nicht gut an, dafür erscheinen die Fotos später wenigstens in den Zeitungen.

Der Titel ist auf das Laufen und rudimentäre Interagieren mit der Umwelt limitiert. Bedeutet, mehr als klassisches Hebel ziehen oder Emporklettern von Leitern ist nicht drin. Hin und wieder gibt es zwar kleine Rätsel, die im Wechselspiel mit den beiden Protagonisten gelöst werden müssen, fordernd sind diese aber nicht. Die Level sind zudem recht karg und unübersichtlich. Da kommt es in den größeren Arealen auch mal vor sich zu verlaufen. Levelgrenzen bestehen teils aus unsichtbaren Wänden und der Detailgrad lässt zu Wünschen übrig.

Wenn wir nicht gerade der linearen Story folgen, sprechen wir mit unseren wortkargen Kameraden oder spielen mit ihnen Karten. Ziel in dem Minispiel ist, bei zwei gleichen Kartenfarben auf den Tisch zu hauen (auf dem Pad eine Taste zu drücken). Leider ist das Feature billig umgesetzt, da das Spielprinzip zu simpel ist und die KI zu langsam reagiert. Die Konsequenz: Wir haben jede der langweiligen Partien problemlos gewonnen. Auswirkungen auf den Spielverlauf hat es jedoch nicht.

Die Handlung gewinnt dramaturgisch erst so richtig an Fahrt, wenn Kurt und Harry zufällig in einem eingestürzten Tunnelsystem aufeinandertreffen. Statt sich zu bekämpfen bauen die beiden eine Freundschaft zueinander auf. Dieses Leitmotiv wird konsequent ohne viel Pathos durchgezogen und unterstreicht den friedlichen Kontext. Memories Retold kokettiert hier mit dem Bestseller und später auch filmisch adaptierten Oscar Gewinner „Im Westen nichts Neues“. Auch in dem Werk von Erich Maria Remarque begegnen sich ein Deutscher und Franzose während des Krieges und stellen ihre Menschlichkeit über den Kampf.

Fazit

Bandai Namco nimmt uns 100 Jahre nach Kriegsende nochmal mit in die Vergangenheit und präsentiert mit “11-11: Memories Retold” ein waschechtes Antikriegsspiel. Eine tolle Geschichte, brillante Atmosphäre und hervorragende Charaktere laden zur etwa 4 Stunden kurzen Geschichtsstunde ein.

Wo sich der Titel in der Narrative hervorhebt, lässt er beim Rest jedoch federn. Sicher, Memories Retold fällt mit seinem unnachahmlichen Grafikstil in Form eines lebendigen Gemäldes auf. Der dadurch stark verwaschen-wirkende Look täuscht primär aber wohl nur aber über die mangelnden Details hinweg. Weitere technische Mängel wie die limitierte Steuerung, karge Areale oder schlechte bis fehlende Interaktionsmöglichkeiten sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Nur wer auf gutes Storytelling steht und mit spielerischen Abstrichen leben kann, der sollte dem “etwas anderen” Kriegsspiel eine Chance geben.

Wir geben “11-11: Memories Retold” 6/10 geschriebene Briefe, 3 von 5 geknipste Fotos und 64 von 100 überstandene Feuersalven.