„Spiel“ in Essen: So war es auf der größten Spielemesse der Welt

Nach zweijähriger Corona-Pause öffnete die Messe Essen am 14. Oktober erstmals wieder die Tore zur "Spiel", der weltgrößten Messe rund um Brett- und Kartenspiele. Unser Autor war vor Ort, schildert seine Eindrücke und gibt praktische Insider-Tipps zu den neuesten Highlights.
Unser Autor und Spiele-Profi Daniel Hecht (links) war mit seiner Spielerunde auf der Spielemesse in Essen unterwegs. Nach zwei Jahren Pause freuten sich alle über die Wiederaufnahme des Messebetriebs. Foto: Daniel Hecht

Der Geruch von holzigen Spielfiguren, viel Pappe und einer gehörigen Prise Messeschweiß liegt in der Luft: Endlich kann die „Spiel“ wieder live vor Ort stattfinden! Unser Autor Daniel Hecht hat sich durch alle Hallen gekämpft und liefert hier seine Eindrücke zur Spielemesse in Essen.

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Es fühlt sich ein wenig so an, als würde man nach langer Zeit „nach Hause“ kommen: Die Spielemesse Essen ist immer wieder wie ein riesiges Familientreffen, wobei man den Großteil der Familie nicht kennt, sich aber irgendwie zugehörig gefühlt. Da sind die dicken und dünnen Nerds, die Leute mit den krassen Tattoos und Vampirzähnen, ältere Herrschaften mit Hut und junge Familien mit dem Baby im umgeschnallten Tragegurt. Nebenbei lassen sich auch erstaunlich viele jugendliche Zocker blicken, welche den digitalen Medien für diesen einen Tag tatsächlich mal „Tschüssikowski!“ gesagt haben, um sich ganz in der analogen Welt der Spiele verlieren. Und obwohl sie alle Maske tragen, merkt man deutlich: Jedes Gesicht lächelt.

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Die Spielemesse und Corona

Mehr Platz gab es beim Anspielen: Die Tische wurden merklich weiter voneinander getrennt aufgestellt. Foto: Daniel Hecht

Was kurz nach der Ankunft auffällt: Die Messe hat Platz gemacht. Die Gänge sind breiter, die Spieltische auf den Ständen weiter voneinander aufgestellt. Der Startschuss sollte eigentlich um Punkt 10 Uhr fallen, anstelle dessen entschieden sich die Veranstalter in weiser Voraussicht für einen früheren Start. So sind die ersten Gäste bereits um kurz nach halb 10 in der Messe, dafür bilden sich am Eingang keine langen Schlangen. Hervorragend!

Die Maskenpflicht wird natürlich eingehalten, Zeit für eine Verschnaufpause bieten die zahlreichen Außenflächen zwischen den Hallen. Desinfektionsstände sind an allen Ständen aufgebaut und jederzeit gut gefüllt. Die 1,5 Meter Abstand hingegen sind insbesondere an den Verkaufsständen schlicht illusorisch. Wirklich bedrängt fühlt man sich dennoch nie. Spiele-Fans scheinen grundsätzlich zuvorkommender und vorausplanender zu sein – eine Eigenschaft, die man als Spieler über die Jahre zu schätzen lernt.

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Die Spielemesse und die Spiele

Nach dem Start der Messe geht der große Run auf die Spiele los. Wer nicht vorbestellt hat, blickt dabei nicht selten traurig aus der Wäsche. Eines der größten Messe-Highlights, das Expertenspiel „Arche Nova“ am Feuerland-Stand in Halle 3, ist binnen weniger Minuten komplett ausverkauft. Weitere Exemplare gibt es nur für Vorbesteller. Chancen dürfte es nur noch für diejenigen geben, die ein nicht abgeholtes Spiel ergattern können.

Auch in Halle 5 bilden sich früh am Donnerstag erste Schlangen: Bei Cranio Creations wird „Golem“ verkauft, ein riesiger Klopper rund um die mythologische Lehmfigur aus der jüdischen Literatur und Mystik. Das Schwergewicht von dem Autoren-Trio Flaminia Brasini, Virginio Gigli und Simone Luciani hat im Vorfeld einigen Hype erzeugt. Mittlerweile dürfte es schwierig sein noch an ein Exemplar zu kommen.

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„Unangenehme Gäste“ von Taverna Ludica Games ist als Geheimtipp ebenfalls nicht lange erhältlich: Binnen einer halben Stunde nach Start der Messe schrumpft der Stapel der begehrten deutschen Version auf nur noch wenige Exemplare. Der Nachdruck des cleveren Deduktionsspiels für 2 bis 8 Spieler ist für Anfang 2022 angekündigt.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Die wenigen Exemplare von „Wonder Book“ (Abacusspiele) haben den Ansturm nicht lange standgehalten. Immerhin lässt sich das wunderschöne Abenteuer inklusive aufwendig gestaltetem Aufklappbuch am Stand in Halle 3 anspielen. Auch von „Cascadia“ (AEG) gibt es nur noch vereinzelte Exemplare bei den Spielehändlern. Das clevere Legespiel wird im Frühjahr 2022 über Kosmos vertrieben und hat sicher Chancen auf eine Nominierung zum „Spiel des Jahres 2022“.

„Die Container sind nicht rechtzeitig angekommen“

Shoppingrausch auf der Spielemesse: Zwei Jahre mussten viele Fans darauf warten endlich neue Spiele aus den Regalen zu reißen und in Koffer und Taschen zu packen. Foto: Daniel Hecht

Immerhin kann man sich glücklich schätzen, wenn man überhaupt an die angekündigten Highlights kommt, oder zumindest einmal zur Probe spielen darf. Viele populäre Spiele hingegen haben es erst gar nicht bis zur Spielemesse in Essen geschafft. An den Ständen heißt es immer wieder „Das hat es leider nicht geschafft. Da steckt der Container noch in China fest. Da müsst ihr euch bis 2022 gedulden. Und DAS kommt erst im November.“

Auf der Abwesenheitsliste ganz oben rangiert zum Beispiel das neue Spiel von „Carcassonne“-Autor Klaus-Jürgen Wrede: Da „Fire & Stone“ nicht ins Feuerland-Programm passen wollte, übernimmt nun Pegasus Spiele den Vertrieb. Das Wettrennen der Steinzeitmenschen rund um den Globus soll mit etwas Glück noch in diesem Jahr erhältlich sein. Generell klaffen einige Lücken im Programm von Pegasus, die in Halle 3 wieder besonders groß auffahren: Auch die „Port Royal Big Box“ gibt es nicht auf der Messe zu kaufen, das charmante „Savannah Park“ wiederum wird nur beim Deep Print Games Stand in Halle 1 verkauft.

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Auch Kosmos dürfte über den Ausfall von „Die rote Kathedrale“ enttäuscht gewesen sein – hier heißt es optimistisch „Geduldet euch noch ein wenig!“. „Boon Lake“ von Stefan Feld stand bei Spiele-Experten hoch im Kurs. Umso bedauernswerter, dass es der Titel nicht auf die Spielemesse geschafft hat – oder zumindest nur kurz. Das Gerücht „Die Spiele-Offensive hat 50 Exemplare vor Ort!“ lief am Donnerstag wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien, dementsprechend schnell war das winzige Kontingent restlos ausverkauft.

Asmodee und Co. hinterlassen große Lücken

Stolzer Preis: Für 250 Euro kommt diese 3D-Version von „Catan“ zu euch nach Hause. Foto: Daniel Hecht

Die größte Veränderung der Messe ist gleich in Halle 1 spür- und sichtbar: Mit der Absage von Spiele-Gigant Asmodee entfällt rund ein Drittel der gesamten Halle. Der abgesperrte Bereich dürfte Erstbesuchern kaum auffallen, alle anderen rauschen ungewohnt schnell durch die Halle in die angrenzenden Hallen 2 und 3.

Einige der Neuheiten aus dem Asmodee-Programm finden zumindest bei den Händlern im Regal Platz. Vor allem „7 Wonders Architects“ dürfte sich wesentlich besser verkaufen, wenn man das Spiel auch vor Ort bewerben und zeigen würde. So verkam das tolle Familienspiel auf der Messe zur Randnotiz und zum Geheimtipp.

Positiv entwickelt hat sich das Angebot vom Heidelbär in Halle 1, der mit dem Exklusivvertrieb der CGE-Spiele ein starkes Line-up in Petto hat. Darunter finden sich in diesem Jahr das unglaublich populäre „Die verlorenen Ruinen von Arnak“ (nominiert zum Kennerspiel 2021), das Einzelspieler-Juwel „Under Falling Skies“, die „Codenames“-Serie und die Neuauflage von „Galaxy Trucker“.

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Deutlich spürbar ist die winzige Auswahl an Comics, Anime- und Mangas. Vor einigen Jahren füllte dieser Bereich inklusive der „Zeichner-Allee“ noch eine halbe Halle, mittlerweile finden sich in Halle 6 nur noch sporadische Reste. Wer auf der Messe gerne nach Visual Novels gestöbert hat, dürfte enttäuscht nach Hause gehen.

Last but not least werden auch einige Eltern mit ihren Kindern etwas in Halle 3 vermissen: Der Haba-Stand hat sich über die Jahre vor der Pandemie zum Messe-Paradies für kleine Kinder entwickelt. 2021 ist Haba nicht vor Ort.

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Die Spielemesse und die Zukunft

Foto: Daniel Hecht

Trotz der leeren Flächen und der vielen Spiele, welche es nur in äußerst geringen (oder gar keinen) Stückzahlen auf die Messe geschafft haben: Das Event als solches ist insbesondere in den heutigen Corona-Zeiten so wichtig wie noch nie zuvor. Zugleich beweist die  ungebrochen hohe Nachfrage nach neuen Spielen, dass die Branche keine Angst vor der Zukunft haben muss.

Leider zeigen Messen wie die Gamescom in Köln und die Absage von Asmodee zur Spielemesse in Essen auch, dass große Publisher und Verlage nicht mehr zwingend auf Publikumsmessen angewiesen sind – und das Geld für Standmiete und Aktionen vor Ort besser einsparen, um es anderweitig anzulegen. Bei Asmodee schmerzt die Absage besonders, immerhin liegt der Hauptsitz des Unternehmens in Essen – rund zehn Minuten mit dem Auto entfernt. Da ist selbst die „Corona-Ausrede“ nur bedingt glaubhaft.

Da heißt es Daumen drücken, dass zumindest der Rest der Branche der „Spiel“ weiter die Treue hält und 2022 in alter Stärke zurückkehrt. Und ganz ehrlich: Bei einer Auswahl von über 1.000 neuen Spielen im Jahr sind sämtliche Sorgen bezüglich etwaiger Verlagsabsagen (noch) vollkommen unbegründet.

Die Spielemesse Essen hat bis einschließlich Sonntag, 17. Oktober 2021, geöffnet. Tickets sind nur online erhältlich, am Samstag sind die Hallen von 10 bis 19 Uhr, am Sonntag bis 18 Uhr geöffnet.

>> Öffnungszeiten, Highlights, Tipps zur Anfahrt und viele weitere Informationen zur Spielemesse 2021 findet ihr hier! <<