HANDOUT - 06.09.2019, Weißrussland, Assipowitschy: Das Standbild aus dem vom Innenministerium Misk veröffentlichten Video zeigt Vater Viktor, Tochter Julia Alpatowa und Mutter Ljudmila nach ihrem ersten Wiedersehen. 20 Jahre nach dem Verschwinden ihrer damals vierjährigen Tochter hat die Familie wieder zueinander gefunden. Ein Freund habe der 24-jährigen Julia geholfen, ihre leiblichen Eltern wiederzufinden, teilte das Innenministerium in der weißrussischen Hauptstadt Minsk mit. (zu dpa "Tochter findet nach 20 Jahren in Weißrussland ihre Familie wieder") Foto: Innenministerium Misk/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Albtraum: Vor 20
Jahren verlieren Eltern in einem Zug ihre 4 Jahre alte Tochter. Die Polizei ermittelt. Doch die Kleine
bleibt vermisst – bis jetzt.

Wir haben immer mit der
Hoffnung gelebt, dass wir sie finden“, sagt Ljudmila, als sie die Hand ihrer
seit 20 Jahren vermissten Tochter Julia
hält. 24 Jahre ist Julia heute. Die Familie – auch Vater Viktor ist dabei –
findet nach langer schmerzhafter Trennung in diesem Sommer in Weißrussland
(Belarus) wieder zusammen. Von einem „Wunder“ spricht das weißrussische
Innenministerium in einem Polizeibericht zu dem außergewöhnlichen Fall.

Das Mädchen verschwand
am 1. Oktober 1999 in einem Vorortzug – einer Elektritschka – zwischen Minsk
und Ossipowitschi, wie Polizistin Jelena Sugak in einem Video des Ministeriums
sagt. Es war der letzte Zug an dem Abend. Zwei Tage suchten die Eltern,
sprachen mit Passanten, klebten Vermisstenanzeigen, bis sie sich an die Polizei
um Hilfe wandten. Doch die Suche der Ermittler nach dem Mädchen in Zügen, an
Gleisen und Bahnhöfen sei damals ohne Erfolg geblieben. Auch Aufrufe in den
Medien brachten keine Spur.

Was niemand wissen
konnte, war, dass Julia – wie auch immer – zu der Zeit im benachbarten Russland
war. Gefunden wurde das Mädchen damals auf dem Bahnhof in Rjasan – immerhin
rund 1000 Kilometer mit dem Zug östlich, noch hinter Moskau, von Minsk aus
gesehen. Wurde sie verschleppt? Erinnern kann sich Julia nicht, wie sie der
staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti sagte. Aber ihre
Zieheltern hätten ihr erzählt davon, wie sie als Kind davon sprach, dass sie
andere Leute mitgenommen hätten.

„Das Problem bestand
darin, dass die belarussische Polizei mich nur in Belarus gesucht hat, aber es
in Russland keine Informationen über ein vermisstes Mädchen gab. Darum haben
sie mich nicht gefunden“, sagte die junge Frau. Geholfen hat schließlich ihr
Freund Ilja Krjukow. Der junge Geschäftsmann stellte Recherchen an, auch in
Vermisstendateien und im Internet – mit den Suchworten „Mädchen Julia“ und
„Kind vermisst“, bis er in einer Zeitung die Geschichte vom Verschwinden der
kleinen Julia Viktorowna las.

„Danach verschwanden
alle Zweifel, alles passte, sogar die Narbe auf den Lippen“, schrieb das
Ministerium in Minsk über die Recherche des jungen Mannes. Mitte August habe
sich Ilja gemeldet bei der weißrussischen Polizei. Dann ging alles ganz
schnell.

In einem DNA-Abgleich
seien die Erbgutanlagen von Mutter und Tochter in
die Gerichtsmedizin gegeben worden, sagt Kriminalbeamtin Anastassija Minina in
dem Video des Ministeriums. Demnach bestand kein Zweifel an der Verwandtschaft
der beiden. Zu sehen ist auf den Bildern auch, wie sie Mutter und Tochter liebkosen und vor Freude weinen.

Schuld habe keiner
daran, wie es gekommen ist, meint Julia heute. „Es ist gut, dass ich am Leben
geblieben und in eine gute Familie gekommen bin.“ Nachdem sie damals auf dem
Bahnhof in Rjasan gefunden wurde, kam sie zuerst in ein Heim, weil ihre Eltern
nicht auffindbar waren. Später fand sich die Adoptivfamilie, in der sie mit
zwei Brüdern aufwuchs.

„Ich bin meinen
Adoptiveltern sehr dankbar, dass sie mich ausgehalten haben, besonders als
Jugendliche“, sagt sie. Die Zieheltern hätten ihr auch ein Studium der
Pharmazie ermöglicht. Julia erzählte auch, dass sie selbst Mutter einer
fünfjährigen Tochter ist. Das
Mädchen verstehe zwar noch nicht, was passiert sei. Aber über eine
Videoverbindung im Internet habe die Kleine inzwischen ihre Oma und den Opa in
Weißrussland kennengelernt.

Quelle: dpa