Mundschutz
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Wenn Mund, Nase und Wangen bedeckt sind, fehlen wichtige nonverbale Signale, feine Nuancen im Miteinander der Menschen. Aber es gibt einen Weg, um Missverständnisse zu vermeiden.

Lächle und die Welt lächelt zurück. So lautet eine Alltagsweisheit, die sich immer wieder bestätigt. Wer lächelt, macht die Welt zu einem schöneren Ort – für sich selbst und seine Mitmenschen. Solange dieses Lächeln nicht hinter einer Maske versteckt ist. Dann kann die Welt es nicht sehen und es auch nicht erwidern. Die Schutzmasken, die aus gutem Grund immer häufiger im Straßenbild zu sehen sind, nehmen uns Menschen einen wichtigen Teil unserer spontanen Interaktion.

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Damit fehlen wichtige visuelle Signale, auf die sich Menschen schon seit Jahrtausenden verlassen, wenn sie im öffentlichen Raum kommunizieren und verhandeln: das Lächeln, aber auch die feinen Falten um den Mund, kleine Zuckungen der Wangenmuskulatur. Alles kleine Hinweise, die dem Gegenüber deutlich machen „Hallo, alles okay, ich will dir nichts Böses“ oder „Jetzt gerade besser nicht“.

Eine Maske errichte eine Art Blockade, sagt die Wirtschaftsberaterin Christie Cawley aus Pittsburgh. „Sie ist eine Hürde für die Kommunikation.“ Es sei schwer zu ermitteln, ob der Gesprächspartner ehrlich lächele oder vielleicht sarkastisch. „Ein ganzer Kommunikationskanal, über den wir von Natur aus verfügen, ist getrübt, ein wenig heruntergedreht.“

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„Unser Geist richtet sich auf das Gesicht aus wie ein Schmetterling auf eine Blume, denn es verschafft uns eine unbezahlbare Informationsfülle“, schrieb Daniel McNeill schon 1998 in seinem Buch „The Face“ über die Bedeutung des menschlichen Antlitz’ in der Geschichte des Menschen. Angesichts der Verbreitung des Coronavirus müssen nun Menschen weltweit auf die Hälfte dieser Informationen verzichten.

Immer mehr Städte und Gemeinden schreiben in gewissen Situationen das Tragen von Schutzmasken vor, sei es in Asien, wo diese Art von Schutz gegen Luftverschmutzung und Krankheitserreger schon seit Jahren üblich ist, oder in Europa und den USA.

Daraus ergeben sich verwirrende Situationen: Wenn visuelle Signale fehlen, begegnen sich Menschen wie Astronauten oder Tiefseetaucher. „Verschiedene Arten von Lächeln führen zu einer Wahrnehmung von Wärme, Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit, Attraktivität und so weiter“, erklärt Fan Liu, Dozentin an der Adelphi University, die sich in ihrer Forschungsarbeit auf nonverbale Kommunikation konzentriert. „Diese Wahrnehmungen und Charakteristika beeinflussen unser soziales Leben erheblich.“

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Die nonverbalen Signale spielten eine wichtige Rolle in der Kommunikation, auch wenn die Menschen das selbst nicht immer bemerkten. „Wenn diese Signale ausgeschaltet sind, konzentrieren sich Menschen eher auf das Ergebnis als auf den Prozess.“ Nuancen in der menschlichen Interaktion gingen verloren.

Überraschend ist das eigentlich nicht. Es hat schließlich einen Grund, warum die größten Künstler unserer Zeit sich nicht mit der Darstellung von Ellbogen oder Daumen einen Namen gemacht haben. Das Gesicht macht in ihren Werken den Schlüssel zum Charakter eines Menschen aus.

Masken werden dagegen in der modernen Kultur als etwas dargestellt, das Misstrauen und Ängste weckt und rechtfertigt, von der Literatur („Der Mann in der eisernen Maske“) bis zu Comics („Batman“), von Fernsehen („Lone Ranger“) bis zu Filmen („Die Maske“) und Musik („The Stranger“). Wer eine Maske trägt, hat etwas zu verbergen, will seine Identität nicht preisgeben und führt nichts Gutes im Schilde.

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Solche kulturell geprägten Signale können unbewusst aktiviert werden, wenn Menschen ihre Gesichter bedecken, auch wenn sie es auch legitimen Gründen tun. Kurz gesagt: Eine Maske kann befremdlich wirken, egal wer sich dahinter verbirgt. Dies gilt besonders wenn eine Konversation von einem ungleichen Machtverhältnis geprägt ist.

Wenn also die Coronavirus-Pandemie noch Wochen oder Monate andauert, muss sich dann vielleicht die Kommunikation verändern? Ergeben sich neue Methoden der nonverbalen Kommunikation? „Ein wichtiger Punkt ist, sich nicht auf visuelle Signale zu verlassen“, rät die Professorin für Psychologie Mary Inman vom Hope College in Michigan.

Zusammengezogene Augenbrauen könnten bedeuten, dass ein Mensch verärgert sei oder verwirrt, möglicherweise seine Brille vergessen habe oder einfach nur zwinkere. „Wir müssen uns Zeit nehmen und die Menschen um Klarstellung bitten.“ Das verlangsame die Kommunikation ein wenig, aber das könne ja auch eine gute Sache sein.

Immerhin bleiben noch die Augen, die ja immer als das Fenster zur Seele beschrieben werden. Aber auch das gilt nur bis zu einem gewissen Punkt. „Auf dem Gesicht liegt der Schwerpunkt“, erklärt der Linguist und Soziologe Dan Everett vom Bentley College in Massachusetts. Das Fehlen dieses Schwerpunkts schaffe Distanz zwischen den Menschen. „Wir sind jetzt sozusagen wie Hunde ohne Schwänze.“

Quelle: dpa